In dem berühmten Monolog des dänischen Prinzen Hamlets lässt Shakespeare
den jungen Hamlet über das Sein und das Nichtsein nachgrübeln. Im Sein sieht
Hamlet die Welt mit allen Gefahren und Unvorhersehbarkeiten des Schicksals; das
Nichtsein ist für ihn der Tod mit anderen, noch unbekannten Gefahren. Im
damaligen Denken war mit dem Tod die Gefahr der Hölle oder des Danteschen
Infernos verbunden. Die Angst vor dem Tod hält Hamlet davon ab, die Hand gegen
sich selbst zu erheben, und lässt ihn lieber die Unwägbarkeiten des Schicksals ertragen.
Hamlet ist vor Verrat und Verbrechen aus Dänemark geflohen und
weiss nicht weiter. Er zögert, anstatt zu handeln. Kierkegaard, der berühmte
dänische Philosoph, würde Hamlet raten, das Leben zu wagen, es in die eigene Hand
zu nehmen und vorwärtszugehen. Ich selbst habe in meinem Leben oft vor schwierigen
Situation gestanden. Ich habe es immer mit Kierkegaard gehalten und meinem
Leben durch Handeln eine andere Richtung gegeben.
Hamlet hat noch ein weiteres Problem: seine Vorstellung von der
Welt und von den Regeln, die in ihr gelten. In seiner Heimat wird er um sein
Erbe und seine Stellung betrogen und weiss nicht weiter. Es ist das Thema der
Anhaftung des Menschen an die Welt, an die Gesetze und Regeln, die von Menschen
für das Zusammenleben geschaffen wurden. Hamlet sieht sich um sein Erbe und
seine soziale Stellung in der Heimat betrogen und ist verzweifelt.
Meister Eckhart, der grosse Weise des Mittelalters, würde zu Hamlet
sagen: Du musst deine Vorstellungen von Stand, Erbe, Erfolg und Lebensumständen
ändern, um dein inneres Gleichgewicht zurückzugewinnen. Deine Verzweiflung
kommt aus der Anhaftung an deine Vergangenheit, deine Stellung und deinen Stand.
Sie kommt aber auch aus deiner inneren Anhaftung, aus deinen Erwartungen und deinem
Selbstbild. All das musst du loszulassen lernen, um dein Leben
zurückzugewinnen. Das Leben kann dir niemand nehmen; es ist dein eigentliches
Erbe, um das du dich kümmern musst.
Hamlet ist noch jung; das Leben liegt vor ihm, und alles ist
noch offen. Leben ist Handeln, und durch sein Handeln kann er die Welt verändern.
Es ist die wertvollste Fähigkeit, die uns Menschen mit auf den Weg gegeben
wurde. Wer sich auf sein Erbe verlässt, wird es verlieren. Unser eigentliches
Erbe ist unser Leben, das immer wieder neu gelebt werden muss. Die Anhaftung an
Stand, Erbe und Vergangenheit versperrt den Blick auf das eigentliche Leben. Sein
bedeutet, sein eigenes Leben in Freiheit und im Sinne der Schöpfung zu leben;
Nichtsein bedeutet, das Leben der anderen, der Konventionen und der
Vergangenheit in Unfreiheit zu leben.