Freitag, 11. September 2026

Keine Angst vor dem Tod

Geburt und Tod bestimmen unser Leben auf diesem Planeten. Die Tür, durch die wir ins Leben treten, ist auch jene, durch die wir die Welt wieder verlassen. Der Tod ist jedoch nicht das Gegenteil des Lebens. Das Leben ist ewig; es ist in allem enthalten, was ist, in der gesamten Schöpfung. Würden wir eine Pflanze oder ein Tier fragen, was Tod sei, würden sie uns verwundert ansehen und nicht verstehen, was wir meinen.

Der Tod ist nur aus menschlicher Sicht ein Phänomen, eine Folge der Geburt. Mit der Geburt wird auch der Tod geboren: Vom ersten Moment des Lebens an sterben wir bereits. Jeden Tag vergehen Millionen von Zellen, und durch Zelltod und Zellneubildung erneuert sich der Mensch fortwährend. Nach jeweils etwa sieben Jahren hat sich der Körper weitgehend erneuert; mit siebzig Jahren sind wir also ungefähr zehnmal körperlich neu geboren. Geist und Leben aber sind dabei immer gleich geblieben. Der Zelltod hat sie nicht berührt.

Es liegt daher nahe, davon auszugehen, dass Geist und Leben schon vor der menschlichen Geburt da waren und auch durch den endgültigen Tod des Körpers nicht betroffen sind. Geist und Leben erscheinen als schöpferische Kräfte, die Materie zum Menschen formen, sie mit Leben erfüllen und von Krankheit, Zerstörung und Tod nicht berührt werden. Dasselbe gilt für die ganze Natur: Form und Materie wandeln sich, wachsen, reifen, zerfallen und kehren in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Das Leben und der Schöpfergeist aber bleiben und verwirklichen sich immer wieder aufs Neue.

Tod und Wiedergeburt sind ein ganz natürlicher Vorgang im Schöpfungsprozess. Nur der beobachtende Mensch entwickelt Angst vor Verwandlung und Tod. Es ist die Angst des Verstandes, alles zu verlieren, was er mühsam aufgebaut hat: sein Wissen, seine gesellschaftliche Position, seinen Reichtum, seine Macht und seine Identifikation mit dem, was wir Welt nennen. Der Verstand ist nach aussen gerichtet; er sieht vor allem die Welt. Geburt und Tod bestimmen nicht das Leben selbst, sondern den menschlichen Verstand. Der Schöpfergeist aber kennt nur das Leben, die ewige Evolution der Welt und des Universums als eigentliche Wahrheit.

Um die Wahrheit zu erfahren, muss der Mensch   den Blick nach innen zu richten: auf das Leben, das allem innewohnt, auch ihm selbst. So kann er begreifen, dass es etwas gibt, das höher ist als menschliches Denken. Nur der Blick nach innen führt uns zu unserer inneren Wahrheit und Gewissheit. Sie ist uns angeboren, unabhängig von Kultur, Sprache und Wissen, gerät jedoch allzu leicht in Vergessenheit, weil der Verstand als das Mass aller Dinge gilt.

Der Blick nach innen, nicht durch Denken und nicht durch unseren Verstand, lässt uns das Leben in uns spüren: in unserem Herzen und in jeder Zelle unseres Körpers. Wohin wir auch blicken, überall ist Leben in uns, das uns ständig begleitet, von der Geburt bis über den Tod hinaus. Es ist das Ewige in uns, das wir fühlen, das Leben, das den Tod nicht kennt. Wenn wir durch die Tür am Ende unserer irdischen Existenz gehen, lassen wir nur die Materie in der Welt zurück, nicht aber das Leben, unser eigentliches Sein. Wir kehren in die Gesamtheit zurück, in das ewige Leben, unsere ewige Heimat. Alle Angst vor dem Tod fällt ab, wenn wir schon in unserem Leben in der Welt den Blick nach innen richten und das Göttliche in uns erkennen: das Ewige Leben, aus dem wir kommen und das wir nie verlassen, den Schöpfergeist, dessen Teil wir sind.

Freitag, 4. September 2026

Künstliche Intelligenz und Erkenntnis

Künstliche Intelligenz, kurz KI, stellt einen weiteren Schritt in der Entwicklung der Menschheit dar. Was früher in Bibliotheken, Computern und den menschlichen Gehirnen gespeichert war, kann heute von jedem Menschen abgerufen werden, der über einen Rechner verfügt. Wie jede bedeutende technische Neuerung ruft auch die KI Ängste hervor. Ähnliche Befürchtungen begleiteten einst die Erfindung der Dampfmaschine oder des Automobils.

KI wird unsere Welt verändern. Ich hoffe, dass dies zum Positiven geschieht und der weiteren Entwicklung der Schöpfung dient. Sie kann dem Menschen dabei helfen, die Herausforderungen seiner Existenz besser zu bewältigen und die Bereiche Ernährung, Gesundheit, Sicherheit und Wissen weiterzuentwickeln. Dennoch gibt es einen Bereich, in dem KI den Menschen nicht ersetzen kann: es ist der Weg der  Erkenntnis.

KI richtet sich nach außen auf das Wissen der Welt. Sie verarbeitet und verknüpft das, was menschliche Gehirne hervorgebracht haben. Sie ist ein mächtiges Werkzeug überall dort, wo der menschliche Verstand gefragt ist.  - Das menschliche Gehirn ist bei unserer Geburt als Speicher von Wissen weitgehend leer und lediglich durch unsere genetischen Anlagen geprägt. Von Beginn unseres Lebens an, vielleicht sogar schon im Mutterleib, werden die Gehirnzellen mit Informationen gefüllt. Erst durch diese Informationen wird das Gehirn zu einem Instrument, das dem Menschen dienen kann.

Das Wissen ist jedoch immer von der Kultur abhängig, in der wir aufwachsen. Menschen des Westens werden von ihren Sprachen, Traditionen, Religionen und ihrem Bildungsverständnis geprägt. In muslimischen Regionen geschieht dies durch andere religiöse und kulturelle Einflüsse, ebenso in den großen Kulturen Asiens. Das Denken jedes Menschen basiert auf dem Wissen, das in seinem kulturellen Umfeld vermittelt und gespeichert wird. Daraus entsteht häufig Unverständnis gegenüber anderen Kulturen, weil deren Erfahrungswelt und Denkweise uns nicht vertraut sind.

Die Lebenszeit eines Menschen reicht nicht aus, um das gesamte Wissen der Welt zu erwerben. Deshalb beschränken wir uns meist auf das Wissen, das unser eigener Kulturkreis bereithält. Das Verständnis für andere Sichtweisen bleibt oft begrenzt.

KI hingegen sammelt das Wissen der gesamten Menschheit. Innerhalb von Sekunden können wir Gedanken, Traditionen und Erfahrungen unterschiedlichster Völker abrufen, ohne sie selbst über Jahre hinweg erlernen zu müssen. Vielleicht werden dadurch künftige Generationen ein tieferes Verständnis füreinander entwickeln. Wenn wir die Ursachen von Konflikten, Verletzungen von Stolz und Würde sowie die Hintergründe kultureller Missverständnisse besser verstehen, können wir Wege finden, Krisen zu vermeiden und friedlicher miteinander zu leben.

Samstag, 29. August 2026

Die heiligen Schriften

Immer wieder sind im Verlauf der Geschichte erleuchtete Menschen unter die Menschheit getreten, die später als grosse Lehrer überliefert wurden. Seit der Erfindung der Schrift sind auch Teile ihrer Lehren erhalten geblieben. Doch nie hat ein Erleuchteter selbst uns etwas Schriftliches hinterlassen. Es waren stets Jünger und Nachfolger, die das niederschrieben, woran sie sich erinnerten.

Dafür gibt es einen guten Grund: Erleuchtung lässt sich nicht in Worte fassen. Sie ist etwas Einzigartiges, eine Gnade, die nur dem Erleuchteten selbst zugänglich ist. Die Jünger konnten deshalb nur erahnen, dass unter ihnen ein erleuchteter Mensch weilte; jeder von ihnen vermochte nur einen kleinen Teil dessen zu begreifen, was der Meister zu sagen hatte. Erleuchtung ist ein innerer Vorgang, der sich der Sprache entzieht. Sie kann nicht gehört, nicht gesehen, nicht gefühlt und erst recht nicht in Schriftform festgehalten werden. Erleuchtung ist ein Seelenzustand, kein Wissen und nichts Erlernbares.

Oft waren es grosse Dichter und Schriftsteller, die erst Jahrhunderte nach dem Leben eines Erleuchteten dessen überlieferte Lehren zu Papier brachten. Dabei entstanden nicht selten Werke von beachtlicher Poesie und sprachlicher Schönheit. Doch sie entsprechen nicht notwendig den Wahrheiten, die sich dem Erleuchteten selbst offenbart hatten. Die wahrhaft Erleuchteten wollten keine Schriften hinterlassen und keine neue Religion gründen. Sie hatten die Wahrheit gesehen; und diese Wahrheit war zu allen Zeiten nur einem kleinen Kreis von Menschen zugänglich und kaum geeignet, von allen verstanden zu werden.

Schon die Jünger Buddhas, Jesu oder Laotses ahnten nur, dass unter ihnen ein Mensch lebte, dem Erleuchtung zuteilgeworden war. Sie folgten ihm in der Hoffnung, ihr Meister könne sie zur Erleuchtung führen. Jeder von ihnen verstand, hörte oder empfand etwas anderes; ob aber auch einer der Jünger selbst erleuchtet wurde, wissen wir nicht. Erleuchtung lässt sich weder lernen noch in Büchern erfassen. Sie ist eine Gnade, die demjenigen zuteilwird, der sich ihr zu öffnen vermag.

Für unseren Verstand bleibt Erleuchtung unbegreiflich, so unbegreiflich wie das Leben selbst in uns. Erleuchtung ist heilig, weil sie aus dem Leben fliesst, aus jenem Schöpfergeist, der allem innewohnt, was ist. Heilig ist alles, was Teil der Schöpfung ist. Auch der Mensch selbst, mit seiner Seele und seinem Leben, ist heilig. Nicht die Bücher und Worte sind heilig. Sie wurden von Menschen geschrieben, lange nachdem jene Erleuchteten, auf die sie sich berufen, die Welt verlassen hatten. Sie entstanden aus menschlichem Verstand und menschlicher Erinnerung, oft getragen vom guten Willen, etwas von dem zu bewahren, was ein Erleuchteter als Vermächtnis hinterliess. Doch weit entfernt bleiben sie davon, Erleuchtung selbst zu vermitteln.

Wenn solche Bücher heilig genannt und dazu benutzt wurden, einander zu bekriegen und zu töten, weil man glaubte, allein im Besitz der ewigen Wahrheit zu sein, dann wird deutlich, dass es Bücher von Menschen für Menschen sind. Sie enthalten alles, was menschlichem Verstand entspringen kann: grosse Dichtung und Schönheit ebenso wie abgründige Scheusslichkeiten. Ob man diese Schriften heilig nennen will, bleibt jedem selbst überlassen. Erleuchtung aber ist ein innerer Zustand; Worte allein sind wenig geeignet, zu ihr zu führen. Es ist die Seele, wenn sie zu uns spricht, die den Weg zur Erleuchtung öffnet. Und die Seele spricht durch das Schweigen des Verstandes und durch die Anwesenheit des Göttlichen in uns.

Sonntag, 23. August 2026

Im Fluss des Lebens

Wenn ich mein Leben betrachte, am Ende eines langen Weges, dann sehe ich voller Dankbarkeit auf ein erfülltes Leben zurück. Das Leben hat mir immer geschenkt, was nötig war, um zu überleben, und viel mehr, als ich je erwarten konnte. Ich habe nicht nur das Licht der Welt erblickt, sondern auch das Licht der Ewigkeit auf meinem Weg sehen dürfen. Was hätte ich mir jemals mehr wünschen können?

Geboren wurde ich in eine Welt des Krieges. Um mich herum waren Tod und Zerstörung. Wir wurden vertrieben und wir Kinder von unseren Eltern getrennt. Mehrmals stand mein Leben auf des Messers Schneide. Aber ein gütiges Schicksal hat mir immer wieder die Hand gereicht. Selbst als ich am Ende eines Tunnels das Licht der Ewigkeit bereits sehen konnte, hat mein Schicksal mich ins Leben zurückgeholt und mir zu verstehen gegeben, dass mein Leben noch vor mir liege.

Und so habe ich mich dem Fluss des Lebens anvertraut, bin mit ihm geschwommen und nicht gegen ihn. Ich habe das Leben angenommen, so wie es auf mich zukam: voller Freude, voller Zuversicht, voller Vertrauen. Verluste und Rückschläge habe ich wie jeder Mensch erlebt; sie gehören zum Leben, sie gehören zum Reichtum des Lebens. Wer sie nicht annimmt, tut sich keinen Gefallen, denn gerade in Rückschlägen sammeln wir die Kräfte, die wir brauchen, um das Leben ganz zu erfahren.

Wundervolle Menschen sind in mein Leben getreten: meine Familie, meine Kinder und Enkelkinder, aber auch Menschen, die mich ein Stück meines Lebens begleitet und mich die Dinge gelehrt haben, die ich für das Leben brauchte. Was hätte ich mir mehr wünschen können? Nie habe ich wirklich Enttäuschungen erlebt, denn was gibt es Wertvolleres, als zu merken, dass wir einer Täuschung aufgesessen sind und die Enttäuschung uns wieder den Schritt in die richtige Richtung tun lässt. Immer wieder ist das Leben auch in der Form dunkler Energie an mich herangetreten und hat mir die Reichtümer der Welt versprochen. Ich bin den Versuchungen nie erlegen und bin unbeirrt den Weg gegangen, von dem ich meinte, dass das Schicksal ihn mir vorzeichnete.

Jetzt, am Ende meines Lebens, fühle ich noch immer das gleiche Leben in mir wie am Anfang. Das Leben spricht mit mir und sagt mir, auch in meinen Träumen, dass das Ende auch der Anfang ist und die Tür, die hinausführt, zugleich die Tür ist, die in etwas anderes hineinführt. Der Fluss meines Lebens hat mich fast bis ans Meer der Ewigkeit geführt, und überall habe ich den reichen Segen gespürt, der über meinem Leben lag.

Heute weiss ich, dass ich am Ende meiner Reise das gleiche Licht erblicken werde, das ich schon in meiner Kindheit erleben durfte. So gehe ich mit tiefer Zuversicht das letzte Stück meines Weges. Jeder Tag in meinem Alter ist ein Geschenk des Lebens an mich. Noch immer bin ich ein Teil dieser Welt, aber mit einem Fuss schon in der Tür, die sich vor mir zur Ewigkeit öffnet.

 

Sonntag, 16. August 2026

Archaische Rituale

Pride-Paraden erinnern an archaische Rituale des Gruppentanzes. Die Menschen tätowieren sich wieder wie in Frühkulturen auf fast allen Kontinenten. Sie tanzen verzückt zu einem gleichbleibenden Rhythmus, Stunde um Stunde. Fast eine Million Menschen kommen zusammen, um freiwillig an dem Ereignis teilzunehmen. Das Ereignis scheint ihnen Kraft und Lebensfreude zu geben. In Brasilien finden ähnliche Umzüge zum Karneval statt; tagelang ziehen die Gruppen tanzend durch die Stadt, zu den Rhythmen der Trommeln. Die Ursprünge liegen dort im afrikanischen Erbe, das mit den Sklaven nach Brasilien kam. Selbst die Kirchen konnten sich diesen Umzügen nach Ende der Fastenzeit nicht widersetzen, obwohl die Lebenslust der Menschen ihren Vorstellungen nicht ensprachen.

Der Rhythmus der Trommeln entspricht unserem Herzschlag. Wir synchronisieren uns mit dem Beat; verzückt tanzt die Jugend auf den Festivals im gleichen Takt und befindet sich wie ihre Urahnen in einem gemeinsamen Rausch. Der gleiche Rausch scheint bei politischen Massenveranstaltungen zu herrschen, in Bierzelten und Stadien. Es scheint ein klanglicher Gesamtkörper zu entstehen, dem sich niemand entziehen kann. Wir Kriegskinder denken an die Nazizeit, als die Menschenmenge in ein jubelndes Ja ausbrach, als sie nach dem totalen Krieg gefragt wurde. Es scheint nicht nur im positiven Sinne einen Massenrausch zu geben, sondern auch im negativen Sinne, wie beim Rattenfänger von Hameln, dem die Kinder blind ins Verderben folgten, oder wie beim Wunsch der Menschen nach dem totalen Krieg, der zu ihrer eigenen Vernichtung führte.

Wahrscheinlich ist es der Pulsschlag des Lebens, den wir in uns spüren und den wir auf diesen Massenveranstaltungen suchen. Wir fühlen uns dem Leben näher, wenn wir die gleiche Energie in uns verspüren wie Hunderte anderer Menschen, wenn sich dieses gemeinsame Gefühl zu einer gewaltigen Gesamtenergie verbindet und uns alle erfasst. Unser Verstand sagt uns zwar, es handele sich um einen Wahn, weil er dieses Gefühl nicht einordnen kann. Das Leben zu fühlen, gehört nicht zu den Bereichen, die für den Verstand zugänglich sind, genauso wenig, wie der Verstand erfassen kann, was Leben ist. Aber gerade weil niemand erklären kann, was der Rausch des Lebens ist, faszinieren den Menschen Ereignisse, in denen eine Gesamtenergie entsteht, die sich dem menschlichen Denken und Wissen entzieht, die er aber deutlich in sich spürt.

Samstag, 8. August 2026

Absicht und Ergebnis

Eines der merkwürdigsten Phänomene unseres Menschseins  sind unsere guten Absichten.  Voller Begeisterung  bekommen wir unsere Kinder, tun unser Bestes, um sie zu gesunden und aufrechten Menschen zu machen, wir handeln mit den besten Absichten.  Und  dann geschieht das Unfassbare, ein  Kind  entwickelt sich zu einem Verbrecher und schadet nicht nur sich, sondern bringt Unheil über seine gesamte Umgebung. Alle unsere guten Absichten sind ins Leere gegangen, sie scheinen nicht ausreichend zu sein, um sein Schicksal zu beeinflussen.

Manchmal erinnert uns das Schicksal des Menschen  an die Wolken am Himmel.  Wir wissen nicht, ob die Wolken uns Segen und Leben bringen,  den Regen den die Welt so dringend braucht,  oder Sturm  und Vernichtung, Blitz und Hagel, der die Welt um uns untergehen lässt. Keine Wettervorhersage ist geeignet, um uns vor dem Schaden zu bewahren, wenn es den Wolken anders gefällt. So wie die Wolken nicht geeignet sind uns zu sagen, was sie uns bringen werden, so sind auch alle unsere guten Absichten wie die Wolken, wir wissen nicht, was aus ihnen wird und welches Ergebnis sie am Ende bringen.

In den alten Kulturen lag das Schicksal in den Händen  von Schicksalsgottheiten, bei den Griechen die Moiren,  bei den Germanen die Nornen, weibliche Gottheiten, weil die Entstehung von Leben  und Schicksal mit der weiblichen Seite des Menschseins verbunden wurde. Der Mensch war sich schon immer bewusst, dass sein Schicksal nicht nur in seinen Händen liegt. In den Sagen und Dichtungen wird die Macht des Schicksals geschildert, die Hybris des Menschen, der glaubt, sein eigenes Schicksal zu bestimmen und die Demut, wenn wir vor unserem eigenen Schicksal stehen, gleich was immer es uns gebracht hat.

Wenn ich mein eigenes Schicksal am Ende eines reichen und erfüllten Lebens betrachte, dann habe ich nur überlebt, weil immer eine schützende Hand über mir lag. Gegen alle Wahrscheinlichkeit habe ich Bombenangriffe und tödliche Krankheiten überlebt.    Eine Kraft, die hoher ist als all unserer menschliche Wille und Verstand war immer an meiner Seite, in mir und über mir. Meine kühnsten Absichten für mein Leben sind in Erfüllung gegangen, was hätte ich mir mehr jemals erträumen können. Ich danke meinem Schicksal, und dem Geist der mich und alles um mich belebt, für das Wunder des Lebens, das ich erfahren durfte.

Samstag, 1. August 2026

Die Unruhe des Menschen

Der Mensch wird mit einem Verstand geboren, der es ihm ermöglicht, tief in die Geheimnisse von Wissenschaft und Philosophie einzudringen. Je tiefer wir aber in die Geheimnisse der Schöpfung eindringen, desto stärker wird unsere innere Unruhe. Wir ahnen ein Potenzial in uns, das wir noch nicht voll leben, weil wir es nicht begreifen können. Diese Unruhe entspringt nicht allein dem Denken, sondern der Spannung zwischen dem, was der Mensch mit seinem Verstand erfassen kann, und dem, was sich seiner begrifflichen Kontrolle entzieht.

Natur und Schöpfung kennen diese Unruhe nicht. Sie ruhen in ihrer Existenz und erscheinen darin vollkommen. Ihnen fehlt der Unruhestifter, der menschliche Verstand. Sie nehmen ihr Dasein so an, wie es ist: Ein Baum und ein Tier fragen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie leben jenes Potenzial, das ihnen bereits in ihrem Ursprung mitgegeben wurde.

Der Mensch glaubt, es sei der Verstand, dessen Potenzial er ausschöpfen müsse, um sein Leben zu erfüllen. Die einen verbringen ihr Leben im Streben nach Mehr; die anderen versuchen, die Grenzen ihres Verstandes auszuloten, und es ergreift sie ein Zittern, wenn sie diese Grenzen nicht überschreiten können. In ihm lebt ein Träumen, ein Wünschen, eine Fantasie dessen, was alles geschehen könnte und doch nie geschieht. So verbringt er sein Leben, ohne seine eigentlichen Potenziale zu erkennen. Er taumelt durch das Leben, schenkt den falschen Versprechungen seines Verstandes Glauben und bleibt unruhig, weil er ahnt, dass ihm etwas Wesentliches entgeht.

Der Verstand begreift nicht, dass dem Menschen noch eine weitere Eigenschaft mitgegeben wurde: der Schöpfergeist, das Leben, die wesentlichste Gabe der Schöpfung an den Menschen. Diese Gabe richtet sich nicht nach außen auf die Welt, sondern nach innen auf die Seele. So wie die Welt mit all ihren Erscheinungen dem Gesetz der Evolution folgt, so ist auch der Mensch diesem Gesetz unterworfen: Er soll die Evolution seiner Seele entfalten und sich seiner selbst bewusst werden. Der Weg des Menschen führt daher nach innen, nicht nach außen.

Der Weg nach außen hat zur Entwurzelung des Menschen geführt; er hat den Boden unter den Füßen verloren. Bei seiner Geburt befindet er sich noch ganz in der Einheit mit dem Schöpfergeist. Doch der Verstand und die Welt führen ihn fort von seinem eigentlichen Sein. So breiten sich Verlorenheit und Verlassenheit in ihm aus, und er findet nicht in jene Einheit zurück, aus der er kam. Sein Verstand ist ein schlechter Berater, wenn er in ihm einen Helfer sucht; denn der Verstand kann ihm nicht den Weg zu seinem eigentlichen Ursprung weisen.

Ein Teil der Menschheit begreift jedoch, dass der Weg nicht nur nach außen, sondern auch nach innen führen muss, wenn wir unserem Schicksal gerecht werden wollen. Es ist der Weg der Meditation, der Kontemplation und des Gebets: der Weg der Rückbesinnung auf unser eigentliches Sein, auf den göttlichen Geist in uns, unseren inneren Wegweiser durch das Leben. Alle Unruhe und alles falsche Wünschen fallen von uns ab, wenn wir uns unseres Selbst bewusst werden. Dann sehen wir nicht mehr nur die Wolken am Himmel, sondern den Himmel hinter den Wolken.