Würde man die Menschen nach der Existenz einer Seele fragen, so würde wohl ein grosser Teil von ihnen zustimmend antworten. Gerade darin liegt etwas Erstaunliches: Wir bejahen etwas, dessen Wesen sich unserem sicheren Wissen entzieht. Niemand vermag genau zu sagen, was die Seele ist, und doch sprechen wir von ihr, als wäre sie uns vertraut. Wir erzählen von Seelenwanderung, sehen auf kirchlichen Bildern die Seelen der Verstorbenen im Fegefeuer büssen oder als Engel im Paradies erscheinen. Seit der Mensch über sich selbst nachdenkt, begleitet ihn dieses Geheimnis: die Frage nach der Seele.
Die moderne Wissenschaft hat den Menschen bis in seine
kleinsten Bestandteile zerlegt. Sie ist auf Energieteilchen gestossen, die unvergänglich
scheinen und dennoch vom menschlichen Verstand beschrieben werden können. So
nähert sich der Mensch den Grenzen seines Denkens und richtet zugleich den
Blick ins Unendliche. Die Analyse führt ihn an die Geheimnisse der Schöpfung
heran; zugleich aber zeigt sie ihm, dass nicht jedes Geheimnis durch Zerlegung
entschlüsselt werden kann. Ein Sprachwissenschaftler mag ein Gedicht bis in
Rhythmus, Klang und Struktur untersuchen — und doch erklärt ihm diese Analyse
nicht vollständig, warum ihn ein Vers im Innersten berührt. Ein Atomphysiker
mag die Materie erklären können; verliebt er sich aber, so spricht plötzlich
eine andere Wirklichkeit in ihm, jenseits des reinen Verstandes. Beide erfahren,
dass der Mensch die Welt nicht nur zerlegen, sondern auch wieder zusammensetzen
muss. Erst in der Synthese wird aus Erkenntnis wieder Leben.
Die Religionen sind von jeher einen anderen Weg gegangen: nicht
den der Zergliederung, sondern den der Zusammenschau. Sie haben menschliche Erfahrungen,
Ahnungen und Hoffnungen zu Bildern verdichtet, die über das bloss Sichtbare
hinausweisen. Was sie Offenbarung nennen, ist der Versuch, einen göttlichen
Geist in der gesamten Schöpfung zu erkennen. Auch die alten Naturreligionen
sahen den Schöpfergeist nicht ausserhalb der Welt, sondern in ihr: in Bäumen
und Tieren, in Wind und Wasser, im Menschen selbst. In den Religionen dieser Erde
erscheint die Seele daher nicht als isolierter Besitz des Einzelnen, sondern
als Ausdruck eines umfassenderen Lebenszusammenhangs, der Mensch, Natur und
Kosmos miteinander verbindet.
Am Ende scheint der Mensch immer vor einer Form des Glaubens
zu stehen. Er kann an die Wissenschaft glauben, obwohl er weiss, dass ihre
Wahrheiten in der Geschichte immer wieder ergänzt, korrigiert oder verworfen
wurden. Er kann Philosophien und Weisheitslehren vertrauen, obwohl auch sie von
neuen Deutungen abgelöst werden. Oder er kann an eine höhere, göttliche
Intelligenz glauben, die allem innewohnt und in der Seele erfahrbar wird —
nicht als beweisbarer Gegenstand des Verstandes, sondern als Ahnung, als innere
Gewissheit, als leise Gegenwart.
Die Irrtümer des menschlichen Wissens im Lauf der Geschichte
mahnen zur Vorsicht, den Verstand zum Mass aller Dinge zu erheben. So gross
seine Kraft ist, so wenig vermag er alles zu umfassen, was den Menschen
ausmacht. Wenn der Verstand dem Menschen gegeben ist, dann vielleicht ebenso
der Glaube; und wenn der Mensch nach der Seele fragt, dann nicht nur aus
Neugier, sondern weil er in sich selbst etwas spürt, das über das Berechenbare
hinausweist. Glaube entspringt nicht allein dem Denken. Er kommt aus einem
tieferen Bereich in uns, aus Herz und Seele. Vielleicht könnten wir gar nicht
an die Seele glauben, wenn wir sie nicht auf irgendeine Weise bereits als Teil
unseres eigenen Seins erfahren würden.