Samstag, 31. Oktober 2026

Vom Sinn des Lebens

Unzählige Bücher sind über den Sinn des Lebens geschrieben worden. Propheten, Religionen und Philosophien sprechen zu uns über den Sinn des Lebens, ohne dass wir je so recht davon überzeugt waren, die richtigen Wegweiser für unser Leben gefunden zu haben. Dabei trägt jeder Mensch den wichtigsten Hinweis auf den Sinn des Lebens in sich selbst.

Jede einzelne unserer Körperzellen trägt die ganze Weisheit des Lebens in sich. Jede Zelle fügt sich in den gesamten Zellorganismus ein und handelt zu dessen Wohl. Sie handelt selbstlos, wehrt fremde Eindringlinge ab, verbraucht nur die unbedingt notwendigen Körperressourcen, passt sich ihrer jeweiligen Funktion an und widmet ihr Leben in bestmöglicher Weise dem Wohl des Gesamtorganismus.

Wenn wir nach dem Sinn des Lebens suchen, sollten wir uns am Leben einer Zelle unseres Körpers orientieren. Wir sind in den Organismus unseres Körpers, in unsere Familie, unsere Umwelt und unsere Lebensumstände hineingeboren. Wenn wir uns so verhalten, dass wir in bestmöglicher Weise uns selbst, unserer Familie, unserer Umwelt und unseren Lebensumständen dienen, erfüllen wir die Funktion, für die wir geschaffen sind. Wir sind als Teil der Schöpfung geschaffen, ein jeder an seinem Platz. Wenn wir wie eine Zelle unseres Körpers handeln, dienen wir dem Ganzen und der Evolution des Kosmos. Wir handeln dann im Sinne der übergeordneten Intelligenz, die unser Leben bestimmt. Was könnte dem Sinn des Lebens näherkommen?

In der Realität handeln die meisten Menschen jedoch eigennützig. Sie vergessen, dass sie Teil eines Gesamtorganismus sind, denken nur an ihre eigene Selbstentfaltung und handeln gegen ihren eigenen Organismus, gegen die Interessen ihrer Mitmenschen und gegen die Evolution der Welt und des Kosmos. Sie haben nicht verstanden, worin der Sinn ihres Lebens liegt. Wer gegen die Gesetze des Lebens verstösst, den bestraft das Leben. Wer gegen die Gesetze des eigenen Körpers verstösst, den bestraft der Körper. Wenn eine Körperzelle entartet, weil sie ständig von ihrem Wirt vergiftet wird, beginnt sie zu wuchern und ein Eigenleben gegen ihren Wirt und ihre Bestimmung zu führen. Dann wird sie zu einem Krebsgeschwür, das schliesslich seinen Wirt vernichtet.

Das Gleiche gilt für das Leben des Menschen in der Gemeinschaft. Der egoistische, auf sich selbst zentrierte Mensch handelt nur im eigenen Interesse und begreift nicht, dass er nur überleben kann, wenn er das Wohl der Gemeinschaft nicht aus den Augen verliert. Wie die einzelne Zelle im Körper Teil eines grösseren Ganzen ist, so ist der Mensch Teil der Menschheit, der Natur und der Schöpfung. Wenn der Mensch so handelt, dass er die Interessen der Gesamtheit nie aus den Augen verliert, sein Leben nicht höher schätzt als das Leben der anderen und die ihm von der Natur geschenkten Begabungen in bestmöglicher Weise einsetzt, dann hat er begriffen, was der Sinn des Lebens ist: die ewige Evolution der Schöpfung.


Künstliche Intelligenz und Körperintelligenz

Die Welt wird bewegt von den Gefahren, die von künstlicher Intelligenz ausgehen, die vielleicht die ganze Menschheit auslöschen könnte. KI bedeutet aber auch Körperintelligenz. Die künstliche Intelligenz kann sich nicht mit der Körperintelligenz vergleichen. Vielleicht kann sie einmal das gesamte Wissen der Menschheit erfassen, alles, was je erdacht und in schriftlicher oder digitaler Form aufbereitet wird. Vielleicht kann sie auch kreativ die Leistungen eines Gehirns ersetzen, aber sie verblasst, wenn wir die Intelligenz einer einzigen Körperzelle betrachten.

Jede einzelne Zelle unseres Körpers ist mit einer Intelligenz ausgestattet, die mit allen Zellen im Körper kommuniziert. Sie steuert gemeinsam mit allen Zellen des Körpers das Funktionieren dessen, was wir als lebenden Körper erleben. Jede Zelle erfüllt dabei vielfältige Funktionen gleichzeitig und ist Teil einer Gesamtintelligenz, die erst das menschliche Leben ermöglicht. Die Wissenschaft steht erst am Anfang zu begreifen, was die neuronalen Vorgänge in unserem Körper bewirken und dass es diese Körperintelligenz ist, die uns leben lässt. Die Intelligenz des Verstandes ist nur ein kleiner Teil dieser Körperintelligenz.

Das Herz ist Sitz einer eigenen Intelligenz. Alle Emotionen werden vom Herzen gesteuert. Liebe, Leid, Freude und Schmerz werden im Herzen empfunden. Unser Gefühl ist da weiser als Neurologen, Psychiater und Psychologen. Wenn wir Freude und Liebe empfinden, dann jubiliert das Herz; wenn wir Leid und Trauer erleben, dann schmerzt unser Herz. Die Zellen des Herzens sind, wie die Körperzellen, mit einer eigenen Intelligenz ausgestattet, die uns nicht nur unsere Emotionen, sondern auch das Leben und die Seele in uns und im Anderen fühlen lässt.

Die künstliche Intelligenz kann vielleicht humanoide Roboter erschaffen, die uns physische Arbeiten abnehmen. Auch bereits gespeicherte geistige Leistungen können auf Basis des vorhandenen Wissens abgerufen werden. Was künstliche Intelligenz nicht kann, ist, Materie Leben einzuhauchen und die Natur zu erschaffen: die Tiere, die Menschen, die Pflanzenwelt. Die Vernichtung der Menschheit ist nicht auf künstliche Intelligenz angewiesen; dazu ist auch das kleine menschliche Gehirn imstande. Aber das Leben, die Natur und den gesamten Kosmos zu erschaffen, dazu gehört viel mehr als eine vom menschlichen Gehirn erdachte künstliche Intelligenz. Nicht einmal die Funktion einer einzelnen Körperzelle könnte die künstliche Intelligenz übernehmen oder die Gottheit erahnen, weil sie das Leben nicht verstehen kann.

Sonntag, 25. Oktober 2026

Fragen ohne Antworten

Bevor wir geboren werden, löst sich unser persönliches Sein aus der Totalität. Noch ruht es in sich; wir sind ein leeres Gefäss, das sich erst füllen muss. Wenn wir erwachen, lernen wir eine Welt kennen, die uns völlig fremd ist. Mit allen Sinnen versuchen wir zu begreifen, was um uns herum geschieht. Schon im Mutterleib hören wir Sprache und erahnen die Welt, die auf uns wartet – eine Welt voller Geheimnisse. Sobald wir zu sprechen beginnen, fangen wir an zu fragen. Wir wollen alles wissen; wir wollen das Leben begreifen, das uns umgibt und das wir selbst sind. Doch wir erhalten nur die Antworten der jeweiligen Kultur, in die wir hineingeboren werden, und der Menschen, die uns umgeben. Irgendwann erkennen wir, dass all diese Antworten nur einen kleinen Ausschnitt der Welt erklären, in der wir leben, und weit davon entfernt sind, unsere Neugier auf sie zu stillen.

Die Mehrheit der Menschen gibt sich mit dem zufrieden, was Eltern, Lehrer und die jeweilige Kultur ihnen als Erklärung der Welt anbieten. Einige wenige jedoch stellen weiterhin die Fragen ihrer Kindheit. Sie hinterfragen, was ihre Sinne ihnen vorgeben, denn sie spüren ein grösseres Potenzial in sich. Sie empfinden sich als Teil der ganzen Welt und nicht nur des kleinen Ausschnitts, in dem sie leben. Sie begreifen, dass es auf ihre Fragen keine endgültigen Antworten gibt. Denn Endgültigkeit, Anfang und Ende sind menschliche Vorstellungen; die Schöpfung aber ist – wie das eigene Sein – ohne Anfang und Ende, und die ewige Wahrheit entzieht sich unserem Denken.

Der weise Mensch erkennt, dass es keine endgültigen Antworten gibt. Weisheit bedeutet, dass wir als Menschen niemals aufhören sollten zu fragen. Das Gefäss unserer Seele lässt sich nicht füllen, denn sie ist Teil einer Ganzheit, die sich als solche nicht erfassen lässt. Das Fragen jedoch ist Teil des Schöpfergeistes; jede Frage ist ein Schritt in die richtige Richtung. Solange wir unserem Sein folgen, können wir diese Richtung nicht verfehlen. Wir können nur unsere eigene kleine Welt erschaffen – als Teil der Schöpfung. Zugleich wissen wir, dass diese Welt vergehen und unsere Fragen unbeantwortet bleiben werden. Doch das Sein in uns ist ewig und trägt all jene Antworten in sich, die unser menschlicher Verstand nicht zu geben vermag.

Samstag, 17. Oktober 2026

Sein oder Nichtsein

In dem berühmten Monolog  des dänischen Prinzen Hamlets lässt Shakespeare den jungen Hamlet über das Sein und das Nichtsein nachgrübeln. Im Sein sieht Hamlet die Welt mit allen Gefahren und Unvorhersehbarkeiten des Schicksals; das Nichtsein ist für ihn der Tod mit anderen, noch unbekannten Gefahren. Im damaligen Denken war mit dem Tod die Gefahr der Hölle oder des Danteschen Infernos verbunden. Die Angst vor dem Tod hält Hamlet davon ab, die Hand gegen sich selbst zu erheben, und lässt ihn lieber die Unwägbarkeiten des Schicksals ertragen.

Hamlet ist vor Verrat und Verbrechen aus Dänemark geflohen und weiss nicht weiter. Er zögert, anstatt zu handeln. Kierkegaard, der berühmte dänische Philosoph, würde Hamlet raten, das Leben zu wagen, es in die eigene Hand zu nehmen und vorwärtszugehen. Ich selbst habe in meinem Leben oft vor schwierigen Situation gestanden. Ich habe es immer mit Kierkegaard gehalten und meinem Leben durch Handeln eine andere Richtung gegeben.

Hamlet hat noch ein weiteres Problem: seine Vorstellung von der Welt und von den Regeln, die in ihr gelten. In seiner Heimat wird er um sein Erbe und seine Stellung betrogen und weiss nicht weiter. Es ist das Thema der Anhaftung des Menschen an die Welt, an die Gesetze und Regeln, die von Menschen für das Zusammenleben geschaffen wurden. Hamlet sieht sich um sein Erbe und seine soziale Stellung in der Heimat betrogen und ist verzweifelt.

Meister Eckhart, der grosse Weise des Mittelalters, würde zu Hamlet sagen: Du musst deine Vorstellungen von Stand, Erbe, Erfolg und Lebensumständen ändern, um dein inneres Gleichgewicht zurückzugewinnen. Deine Verzweiflung kommt aus der Anhaftung an deine Vergangenheit, deine Stellung und deinen Stand. Sie kommt aber auch aus deiner inneren Anhaftung, aus deinen Erwartungen und deinem Selbstbild. All das musst du loszulassen lernen, um dein Leben zurückzugewinnen. Das Leben kann dir niemand nehmen; es ist dein eigentliches Erbe, um das du dich kümmern musst.

Hamlet ist noch jung; das Leben liegt vor ihm, und alles ist noch offen. Leben ist Handeln, und durch sein Handeln kann er die Welt verändern. Es ist die wertvollste Fähigkeit, die uns Menschen mit auf den Weg gegeben wurde. Wer sich auf sein Erbe verlässt, wird es verlieren. Unser eigentliches Erbe ist unser Leben, das immer wieder neu gelebt werden muss. Die Anhaftung an Stand, Erbe und Vergangenheit versperrt den Blick auf das eigentliche Leben. Sein bedeutet, sein eigenes Leben in Freiheit und im Sinne der Schöpfung zu leben; Nichtsein bedeutet, das Leben der anderen, der Konventionen und der Vergangenheit in Unfreiheit zu leben.

 


Sonntag, 11. Oktober 2026

Die Lehre ist die Leere

Warum hat Jesus von den Kindern gesprochen, denen das Himmelreich gehöre? Weil Kinder noch ein leeres Gefäss sind, das noch nicht von ihrem Verstand mit dem Wissen der Welt gefüllt ist. Sie sind noch reinen Geistes, noch nicht von den Irrtümern der Welt, von Wissenschaften, von Religionen und Philosophien belastet. Die Leere des Verstandes bei Kindern enthält noch das gesamte Potenzial des Geistes; sie sind direkt aus der Gesamtheit des Schöpfergeistes in die Welt hineingeboren.

Nach der Geburt eines Kindes wird das Gefäss des Geistes im Kind mit dem Wissen der Welt gefüllt. Der Geist oder das Himmelreich, wie Jesus es nennt, wird mit der Geburt auch Teil des Menschseins, muss langsam dem Wissen von der Welt weichen und gerät immer mehr in Vergessenheit. Aber das menschliche Wissen über die Welt und die Schöpfung spiegelt trotz aller Erkenntnisse von Wissenschaften, trotz aller Philosophien, Religionen und Dichtung nur kleinste Bereiche des Schöpfergeistes wider, des Lebens, das in allem sichtbar ist, aber nicht vom Verstand erfasst werden kann. Jesus hat die Menschen, die an das Wissen der Welt glaubten, als Kranke, als Lahme, als Blinde und Tote bezeichnet. Er hat versucht, sie zu ihrem wahren und eigentlichen Leben zurückzuführen, sie aufgefordert, Krankheit und Tod hinter sich zu lassen und das Leben in sich zu spüren, wieder wie die Kinder zu werden.

Alles Wissen dieser Welt, alle Lehren von Philosophien und Religionen können nur kleinste Teilbereiche des Schöpfergeistes berühren. Der Irrtum ist der Gefährte des menschlichen Verstandes, und so ist unser Wissen von heute der Irrtum von morgen. Das gilt auch für das, was wir den Glauben nennen, für das, was Religionen uns lehren. Wie könnten wir glauben, dass der menschliche Verstand und menschliche Worte uns jemals an die tiefen Wahrheiten des Lebens und des Geistes heranführen könnten?

Wir Menschen sind ganz aus Schöpfergeist geboren; er ist da, unser Begleiter ein Leben lang. Keiner kann ihn uns nehmen, aber wenn wir uns ihm nähern wollen, entzieht er sich uns, denn wir nähern uns mit unserem Verstand. Wir müssen das Gefäss des Verstandes ganz leeren, wenn wir das Leben in uns erfahren wollen, den eigentlichen Geist in seiner Vollkommenheit, der uns erschaffen hat. Die einzig wahre Lehre, die Menschen je erschaffen konnten, ist die Lehre von der Leere des Verstandes. Nur in der Leere können wir die Fülle des Seins erfahren. Ein Anachronismus, aber ein Geheimnis auf dem Weg zurück zur Gesamtheit. Erst im Tod erfahren wir, wie der eigene Geist, den wir erahnten, zum einen Geist wird, der er immer war: unsere eigentliche Heimat, die wir nie verlassen haben, trotz aller Illusionen von Welt, an die unser Verstand glaubte.

Sonntag, 4. Oktober 2026

Heiligsprechung und die Welt der Sinne

Gerade feiern wir ein Erinnerungsjahr an den heiligen Franziskus von Assisi. Franziskus ist ein Heiliger der katholischen Kirche und einer der beliebtesten Heiligen. Sein Kloster und seine Grabstätte sind seit jeher Ziel vieler Wallfahrer und Besucher. Nur die katholische Kirche ernennt Heilige. Andere Religionen kennen ebenfalls heilige Menschen, denen besondere spirituelle Fähigkeiten zugeschrieben werden. Im Islam werden fromme Menschen besonders im Sufismus verehrt; bei den Hindus sind es Gurus, bei den Buddhisten die grossen Meister und Bodhisattvas. In allen Glaubensrichtungen wird der Begriff «heilig» mit der besonderen Hingabe an das Göttliche verbunden.

Was macht das Heilige im Menschen, in der Natur, in der Schöpfung aus? Ist es der Schöpfergeist, der allem innewohnt? Wäre dann nicht jeder Mensch heilig, jedes Lebewesen und die ganze Natur, sogar der gesamte Kosmos, weil alles vom Schöpfergeist durchdrungen ist?

Warum heben wir dann einzelne Menschen als Heilige hervor? Weil der Mensch als einziges Lebewesen in die Dualität von Welt und Geist hineingeboren ist. Die Sinne des Menschen und sein Verstand verhüllen die eigentliche, tiefe Wahrheit seines Lebens. Welt und Erziehung lassen ihn sein göttliches Sein vergessen. Der verlorene Sohn des Vaters zieht hinaus in die Welt und vergisst seine eigentliche Heimat. Aber immer wieder erreichen ihn die Boten des Zweifels, die ihn fragen lassen, ob die Welt, die sich ihm anbietet, wirklich alles sei, was sein Leben ausmacht. Nur wer diese Mauer des Zweifels überwindet, findet den Weg in die tiefere Wahrheit, die der ganzen Schöpfung zugrunde liegt.

Viele Religionen sagen, es sei eine besondere Gnade, wenn wir die Welt und unsere Sinne überwinden können und den Schöpfergeist, die Totalität, in uns selber finden. Vielleicht ist es die Fixierung des Menschen auf die Welt, sein Glaube, dass nur das, was sein Verstand erfassen könne, die Schöpfung und er selbst seien. Die Mehrheit der Menschheit durchbricht nie die Grenzen des Verstands; sie verharrt beharrlich im Glauben an die Welt ihrer Sinne. Wenn der Verstand nicht in der Lage ist, seine Grenzen zu überschreiten, dann bleibt der Mensch an seine Vorstellungen von Welt und Sinnen gebunden.

Nur einem kleinen Teil der Menschheit ist es vergönnt, die Grenzen der Welt zu durchbrechen und sich zu seinem göttlichen Sein zu erheben. Vielleicht ist es ein Akt der Gnade des Schöpfergeistes, vielleicht ist es die Evolution von Verstand und Geist, die ihrer Vereinigung entgegenstreben; vielleicht ist es die Überwindung des Egos, das jedem Menschen anhaftet und ihn zum Zentrum der Welt macht.

Der grosse Meister Eckhart hat im 13. Jahrhundert gesagt: «Wer Gott finden will, der muss die Kreaturen lassen.» Was er damit meinte, ist: Wir müssen unsere Anhaftung an die Dinge, unsere Vorstellungen von unserem Ich und unserer Welt fahren lassen, um die eigentliche Tiefe in uns selbst zu finden. Wenn wir das richtig verstehen wollen, dann lassen wir die Welt so sein, wie unser Verstand sie zeigt. Wir lassen aber unsere Vorstellungen von Welt und Ego ruhen, um den Blick auf die tieferen Wahrheiten in uns zu öffnen. Die Welt bleibt dann bestehen, so wie sie ist; wir aber treten ein in die eigentliche Tiefe unseres Seins und erkennen, dass wir jenseits unseres menschlichen Ichs Teil der göttlichen Gesamtheit sind.

Für mich ist der lebende Mensch dann heilig, wenn er es schafft, sein menschliches Ego zu überwinden und sich als Teil des Schöpfergeistes zu erkennen. Spätestens bei unserem Tod legen alle Menschen die Illusion der Welt ab und werden wieder eins mit dem göttlichen Sein; sie werden heil und ganz, werden heilig.

Sonntag, 27. September 2026

Der spirituelle Weg

In einem Psalm wird unser Leben mit einem Grashalm verglichen, der am Morgen grünt und am Abend bereits verdorrt ist. Es geht um die Kürze des Lebens und darum, dass keine Zeit zu verlieren ist, den richtigen Weg zu finden.

Wir haben keine Zeit, uns nur mit der Welt zu befassen, uns mit den Teilaspekten der Welt zu vergnügen, uns mit den Medien die Zeit zu vertreiben oder den kleinen oder grossen Erfolgen in der Welt hinterherzulaufen. Der Tod kann uns in jedem Moment ereilen und unser Leben in der Welt beenden.

Nur zu leicht täuschen uns unsere Sinne und lassen uns den Weg verfehlen, kostbare Zeit verschwenden und das Ziel unseres Lebens verfehlen. Auch die vielen spirituellen Wege, die uns Religionen, heilige Bücher und Philosophien vermitteln, teilen uns nur Teilwahrheiten mit, die uns den richtigen Weg nicht finden lassen, uns verwirren und in die Irre führen. Wir suchen den Weg in allen Richtungen und finden ihn nicht. Wenn wir ängstlich den Moment unseres Lebens erwarten, in dem wir die Welt verlassen, dann nur deshalb, weil wir den richtigen Weg nicht gefunden haben und uns immer klarer wird, dass wir vom Weg abgekommen sind.

Es gibt nur einen richtigen Weg: den, der uns in diese Welt gebracht hat, und den, der uns auch wieder aus dieser Welt nimmt; den Weg, der uns nicht in die Verzweiflung führt, nicht in das Gefühl, im Leben versagt zu haben, weil wir das echte Leben nicht gefunden haben. Es ist der Weg aus der Welt zurück, der Weg in uns selbst, in das Leben in uns, in unseren Geist, unser inneres Sein. Es ist der spirituelle Weg, der uns in die richtige Richtung führt, in den Schöpfergeist, dessen Teil wir sind, der diese Welt und uns selbst erschaffen hat, der unsterblich ist und nicht den Gesetzen der Vergänglichkeit und des Todes unterliegt. Für diesen Weg gibt es kein Morgen und keinen Abend, keine Jugend und kein Alter. Es ist der Weg in die Ewigkeit, ein Weg ohne Anfang und ohne Ende.

Wir können ganz von dieser Welt sein, in vollem Bewusstsein von Morgen und Abend, wenn uns klar ist, dass unser menschlicher Verstand uns nur Illusionen verschafft, dass etwas viel Grösseres in uns ist und wir Teil eines Schöpfungsprozesses sind, der nicht mit unserer Geburt beginnt und am Abend unserer Tage endet. Es ist der Weg nach innen, in unsere Seele, in unseren Geist, der uns zum Teil der Schöpfung macht: unvergänglich, ewig, nicht den Gesetzen von Tod und Vergänglichkeit unterworfen. Wir sind es selbst, die diese Welt erschaffen, diesen Körper bewohnen und nur dem Wandel, nicht aber der Vergänglichkeit unterworfen sind. Wir sondern uns vom Schöpfergeist ab, erschaffen unsere Welt und überlassen sie künftigen Generationen in ewigem Kommen und Gehen. Nur derjenige glaubt am Ende seiner Tage, ein verdorrter Grashalm zu sein, der den Weg zu sich selbst nicht gefunden hat.