Kürzlich besuchten wir den alten Friedhof in Dahlem. Die Grabsteine enthielten neben den Namen der Verstorbenen auch immer deren Beruf und Titel. Merkwürdig, dass im Moment des Todes Beruf und Titel noch irgendeine Bedeutung haben sollten. Im Moment des Todes fallen doch spätestens alle Namen und Titel von uns ab, das Ego erlischt, der Tod macht uns Menschen alle gleich.
Unsere ganze Erziehung ist darauf angelegt, uns in den
Wettstreit mit anderen zu begeben. Wir sollen die Besten in der Schule, im
Beruf und im Sport werden. Noten, Titel und Erfolg im Leben und Beruf sind der
Anreiz, um uns über andere zu erheben. So werden Egos durch falsche Erziehung
gezüchtet: Wir sollen unsere Mitmenschen besiegen, hinter uns lassen, besser
als die anderen sein. So entstehen ganze Generationen von kleinen und grösseren
Egos, die nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander leben.
An den Universitäten wird nicht das Universum gelehrt, nicht
die Gesamtheit, nicht das Leben. Es wird die Wissenschaft gelehrt, die
Zerlegung der Schöpfung in ihre kleinsten Elemente. Es wird uns erschwert, die
Ganzheit in allem zu sehen, wenn wir uns mit den kleinsten Teilchen
beschäftigen. Wenn wir endlich bei den Quanten und anderen Teilchen angelangt
sind, haben wir die Ganzheit aus dem Auge verloren und wundern uns, dass
Teilchen am anderen Ende der Welt die gleichen Reaktionen zeigen wie in unserer
Forschungsstätte.
Besonders auffällig ist das Ego, wenn sich Menschen mit
fremden Lorbeeren schmücken, hinter denen nicht einmal eigene Leistung steht:
wenn sich Mitglieder von berühmten oder adeligen Familien als etwas Besonderes
dünken oder die Fans von Fussballclubs sich mit ihren Helden identifizieren und
glauben, dadurch etwas Besonderes zu sein. Statt eigener Leistung wird fremde
Leistung genommen, um das eigene Ego zu stärken. Fernsehen und Medien haben
dazu beigetragen, diese falschen Identitäten zu verstärken und falsche Egos zu
züchten.
Die echten Ideale müssen schon in der Kindheit an uns
herangetragen werden, um der Entstehung eines falschen Egos entgegenzuwirken.
Wir müssen unseren Kindern ein bescheidenes, unseren Fähigkeiten entsprechendes
Leben vorleben. Wir selbst müssen das Ideal für unsere Kinder sein. Unser
Anspruch muss sich an uns selbst ausrichten, an unserer eigenen Begabung, an
unseren eigenen Fähigkeiten. Selbstbewusst zu werden heisst, sich seiner
eigenen Fähigkeiten bewusst zu sein. Diese zu entwickeln und die Talente zu nutzen,
die uns mitgegeben wurden, ist der Sinn unseres Lebens. Vorbilder dürfen wir
haben, um diesen nachzueifern. Selbst zu handeln und uns zu dem Menschen mit
den Talenten zu entwickeln, die uns mit auf unseren Weg gegeben wurden, muss
unser Lebensideal sein.
Der eine Mensch hat mehr, der andere Mensch weniger Talente
von der Natur mitbekommen. Und so, wie wir geschaffen sind, bleiben wir Teil
des Universums, Teil der Gesamtheit, ein jeder an seinem Platz. Da ist kein
Raum für die Entstehung falscher Egos; wir nutzen die kurze Zeit unseres Lebens
im in dieser Welt, um zu dem zu werden, der wir sind, schon wenn wir die Welt
betreten. Und wenn wir diese Welt verlassen, dann wäre es schön, wenn wir satt
von den Früchten des Lebens, den Weg freimachen, für das Leben das nach uns
kommt. Namen, Titel und falsche Egos fallen von uns ab, und wir werden wieder Teil
der Ganzheit, der wir immer waren.