Freitag, 4. September 2026

Künstliche Intelligenz und Erkenntnis

Künstliche Intelligenz, kurz KI, stellt einen weiteren Schritt in der Entwicklung der Menschheit dar. Was früher in Bibliotheken, Computern und den menschlichen Gehirnen gespeichert war, kann heute von jedem Menschen abgerufen werden, der über einen Rechner verfügt. Wie jede bedeutende technische Neuerung ruft auch die KI Ängste hervor. Ähnliche Befürchtungen begleiteten einst die Erfindung der Dampfmaschine oder des Automobils.

KI wird unsere Welt verändern. Ich hoffe, dass dies zum Positiven geschieht und der weiteren Entwicklung der Schöpfung dient. Sie kann dem Menschen dabei helfen, die Herausforderungen seiner Existenz besser zu bewältigen und die Bereiche Ernährung, Gesundheit, Sicherheit und Wissen weiterzuentwickeln. Dennoch gibt es einen Bereich, in dem KI den Menschen nicht ersetzen kann: es ist der Weg der  Erkenntnis.

KI richtet sich nach außen auf das Wissen der Welt. Sie verarbeitet und verknüpft das, was menschliche Gehirne hervorgebracht haben. Sie ist ein mächtiges Werkzeug überall dort, wo der menschliche Verstand gefragt ist.  - Das menschliche Gehirn ist bei unserer Geburt als Speicher von Wissen weitgehend leer und lediglich durch unsere genetischen Anlagen geprägt. Von Beginn unseres Lebens an, vielleicht sogar schon im Mutterleib, werden die Gehirnzellen mit Informationen gefüllt. Erst durch diese Informationen wird das Gehirn zu einem Instrument, das dem Menschen dienen kann.

Das Wissen ist jedoch immer von der Kultur abhängig, in der wir aufwachsen. Menschen des Westens werden von ihren Sprachen, Traditionen, Religionen und ihrem Bildungsverständnis geprägt. In muslimischen Regionen geschieht dies durch andere religiöse und kulturelle Einflüsse, ebenso in den großen Kulturen Asiens. Das Denken jedes Menschen basiert auf dem Wissen, das in seinem kulturellen Umfeld vermittelt und gespeichert wird. Daraus entsteht häufig Unverständnis gegenüber anderen Kulturen, weil deren Erfahrungswelt und Denkweise uns nicht vertraut sind.

Die Lebenszeit eines Menschen reicht nicht aus, um das gesamte Wissen der Welt zu erwerben. Deshalb beschränken wir uns meist auf das Wissen, das unser eigener Kulturkreis bereithält. Das Verständnis für andere Sichtweisen bleibt oft begrenzt.

KI hingegen sammelt das Wissen der gesamten Menschheit. Innerhalb von Sekunden können wir Gedanken, Traditionen und Erfahrungen unterschiedlichster Völker abrufen, ohne sie selbst über Jahre hinweg erlernen zu müssen. Vielleicht werden dadurch künftige Generationen ein tieferes Verständnis füreinander entwickeln. Wenn wir die Ursachen von Konflikten, Verletzungen von Stolz und Würde sowie die Hintergründe kultureller Missverständnisse besser verstehen, können wir Wege finden, Krisen zu vermeiden und friedlicher miteinander zu leben.

Samstag, 29. August 2026

Die heiligen Schriften

Immer wieder sind im Verlauf der Geschichte erleuchtete Menschen unter die Menschheit getreten, die später als grosse Lehrer überliefert wurden. Seit der Erfindung der Schrift sind auch Teile ihrer Lehren erhalten geblieben. Doch nie hat ein Erleuchteter selbst uns etwas Schriftliches hinterlassen. Es waren stets Jünger und Nachfolger, die das niederschrieben, woran sie sich erinnerten.

Dafür gibt es einen guten Grund: Erleuchtung lässt sich nicht in Worte fassen. Sie ist etwas Einzigartiges, eine Gnade, die nur dem Erleuchteten selbst zugänglich ist. Die Jünger konnten deshalb nur erahnen, dass unter ihnen ein erleuchteter Mensch weilte; jeder von ihnen vermochte nur einen kleinen Teil dessen zu begreifen, was der Meister zu sagen hatte. Erleuchtung ist ein innerer Vorgang, der sich der Sprache entzieht. Sie kann nicht gehört, nicht gesehen, nicht gefühlt und erst recht nicht in Schriftform festgehalten werden. Erleuchtung ist ein Seelenzustand, kein Wissen und nichts Erlernbares.

Oft waren es grosse Dichter und Schriftsteller, die erst Jahrhunderte nach dem Leben eines Erleuchteten dessen überlieferte Lehren zu Papier brachten. Dabei entstanden nicht selten Werke von beachtlicher Poesie und sprachlicher Schönheit. Doch sie entsprechen nicht notwendig den Wahrheiten, die sich dem Erleuchteten selbst offenbart hatten. Die wahrhaft Erleuchteten wollten keine Schriften hinterlassen und keine neue Religion gründen. Sie hatten die Wahrheit gesehen; und diese Wahrheit war zu allen Zeiten nur einem kleinen Kreis von Menschen zugänglich und kaum geeignet, von allen verstanden zu werden.

Schon die Jünger Buddhas, Jesu oder Laotses ahnten nur, dass unter ihnen ein Mensch lebte, dem Erleuchtung zuteilgeworden war. Sie folgten ihm in der Hoffnung, ihr Meister könne sie zur Erleuchtung führen. Jeder von ihnen verstand, hörte oder empfand etwas anderes; ob aber auch einer der Jünger selbst erleuchtet wurde, wissen wir nicht. Erleuchtung lässt sich weder lernen noch in Büchern erfassen. Sie ist eine Gnade, die demjenigen zuteilwird, der sich ihr zu öffnen vermag.

Für unseren Verstand bleibt Erleuchtung unbegreiflich, so unbegreiflich wie das Leben selbst in uns. Erleuchtung ist heilig, weil sie aus dem Leben fliesst, aus jenem Schöpfergeist, der allem innewohnt, was ist. Heilig ist alles, was Teil der Schöpfung ist. Auch der Mensch selbst, mit seiner Seele und seinem Leben, ist heilig. Nicht die Bücher und Worte sind heilig. Sie wurden von Menschen geschrieben, lange nachdem jene Erleuchteten, auf die sie sich berufen, die Welt verlassen hatten. Sie entstanden aus menschlichem Verstand und menschlicher Erinnerung, oft getragen vom guten Willen, etwas von dem zu bewahren, was ein Erleuchteter als Vermächtnis hinterliess. Doch weit entfernt bleiben sie davon, Erleuchtung selbst zu vermitteln.

Wenn solche Bücher heilig genannt und dazu benutzt wurden, einander zu bekriegen und zu töten, weil man glaubte, allein im Besitz der ewigen Wahrheit zu sein, dann wird deutlich, dass es Bücher von Menschen für Menschen sind. Sie enthalten alles, was menschlichem Verstand entspringen kann: grosse Dichtung und Schönheit ebenso wie abgründige Scheusslichkeiten. Ob man diese Schriften heilig nennen will, bleibt jedem selbst überlassen. Erleuchtung aber ist ein innerer Zustand; Worte allein sind wenig geeignet, zu ihr zu führen. Es ist die Seele, wenn sie zu uns spricht, die den Weg zur Erleuchtung öffnet. Und die Seele spricht durch das Schweigen des Verstandes und durch die Anwesenheit des Göttlichen in uns.

Sonntag, 23. August 2026

Im Fluss des Lebens

Wenn ich mein Leben betrachte, am Ende eines langen Weges, dann sehe ich voller Dankbarkeit auf ein erfülltes Leben zurück. Das Leben hat mir immer geschenkt, was nötig war, um zu überleben, und viel mehr, als ich je erwarten konnte. Ich habe nicht nur das Licht der Welt erblickt, sondern auch das Licht der Ewigkeit auf meinem Weg sehen dürfen. Was hätte ich mir jemals mehr wünschen können?

Geboren wurde ich in eine Welt des Krieges. Um mich herum waren Tod und Zerstörung. Wir wurden vertrieben und wir Kinder von unseren Eltern getrennt. Mehrmals stand mein Leben auf des Messers Schneide. Aber ein gütiges Schicksal hat mir immer wieder die Hand gereicht. Selbst als ich am Ende eines Tunnels das Licht der Ewigkeit bereits sehen konnte, hat mein Schicksal mich ins Leben zurückgeholt und mir zu verstehen gegeben, dass mein Leben noch vor mir liege.

Und so habe ich mich dem Fluss des Lebens anvertraut, bin mit ihm geschwommen und nicht gegen ihn. Ich habe das Leben angenommen, so wie es auf mich zukam: voller Freude, voller Zuversicht, voller Vertrauen. Verluste und Rückschläge habe ich wie jeder Mensch erlebt; sie gehören zum Leben, sie gehören zum Reichtum des Lebens. Wer sie nicht annimmt, tut sich keinen Gefallen, denn gerade in Rückschlägen sammeln wir die Kräfte, die wir brauchen, um das Leben ganz zu erfahren.

Wundervolle Menschen sind in mein Leben getreten: meine Familie, meine Kinder und Enkelkinder, aber auch Menschen, die mich ein Stück meines Lebens begleitet und mich die Dinge gelehrt haben, die ich für das Leben brauchte. Was hätte ich mir mehr wünschen können? Nie habe ich wirklich Enttäuschungen erlebt, denn was gibt es Wertvolleres, als zu merken, dass wir einer Täuschung aufgesessen sind und die Enttäuschung uns wieder den Schritt in die richtige Richtung tun lässt. Immer wieder ist das Leben auch in der Form dunkler Energie an mich herangetreten und hat mir die Reichtümer der Welt versprochen. Ich bin den Versuchungen nie erlegen und bin unbeirrt den Weg gegangen, von dem ich meinte, dass das Schicksal ihn mir vorzeichnete.

Jetzt, am Ende meines Lebens, fühle ich noch immer das gleiche Leben in mir wie am Anfang. Das Leben spricht mit mir und sagt mir, auch in meinen Träumen, dass das Ende auch der Anfang ist und die Tür, die hinausführt, zugleich die Tür ist, die in etwas anderes hineinführt. Der Fluss meines Lebens hat mich fast bis ans Meer der Ewigkeit geführt, und überall habe ich den reichen Segen gespürt, der über meinem Leben lag.

Heute weiss ich, dass ich am Ende meiner Reise das gleiche Licht erblicken werde, das ich schon in meiner Kindheit erleben durfte. So gehe ich mit tiefer Zuversicht das letzte Stück meines Weges. Jeder Tag in meinem Alter ist ein Geschenk des Lebens an mich. Noch immer bin ich ein Teil dieser Welt, aber mit einem Fuss schon in der Tür, die sich vor mir zur Ewigkeit öffnet.

 

Sonntag, 16. August 2026

Archaische Rituale

Pride-Paraden erinnern an archaische Rituale des Gruppentanzes. Die Menschen tätowieren sich wieder wie in Frühkulturen auf fast allen Kontinenten. Sie tanzen verzückt zu einem gleichbleibenden Rhythmus, Stunde um Stunde. Fast eine Million Menschen kommen zusammen, um freiwillig an dem Ereignis teilzunehmen. Das Ereignis scheint ihnen Kraft und Lebensfreude zu geben. In Brasilien finden ähnliche Umzüge zum Karneval statt; tagelang ziehen die Gruppen tanzend durch die Stadt, zu den Rhythmen der Trommeln. Die Ursprünge liegen dort im afrikanischen Erbe, das mit den Sklaven nach Brasilien kam. Selbst die Kirchen konnten sich diesen Umzügen nach Ende der Fastenzeit nicht widersetzen, obwohl die Lebenslust der Menschen ihren Vorstellungen nicht ensprachen.

Der Rhythmus der Trommeln entspricht unserem Herzschlag. Wir synchronisieren uns mit dem Beat; verzückt tanzt die Jugend auf den Festivals im gleichen Takt und befindet sich wie ihre Urahnen in einem gemeinsamen Rausch. Der gleiche Rausch scheint bei politischen Massenveranstaltungen zu herrschen, in Bierzelten und Stadien. Es scheint ein klanglicher Gesamtkörper zu entstehen, dem sich niemand entziehen kann. Wir Kriegskinder denken an die Nazizeit, als die Menschenmenge in ein jubelndes Ja ausbrach, als sie nach dem totalen Krieg gefragt wurde. Es scheint nicht nur im positiven Sinne einen Massenrausch zu geben, sondern auch im negativen Sinne, wie beim Rattenfänger von Hameln, dem die Kinder blind ins Verderben folgten, oder wie beim Wunsch der Menschen nach dem totalen Krieg, der zu ihrer eigenen Vernichtung führte.

Wahrscheinlich ist es der Pulsschlag des Lebens, den wir in uns spüren und den wir auf diesen Massenveranstaltungen suchen. Wir fühlen uns dem Leben näher, wenn wir die gleiche Energie in uns verspüren wie Hunderte anderer Menschen, wenn sich dieses gemeinsame Gefühl zu einer gewaltigen Gesamtenergie verbindet und uns alle erfasst. Unser Verstand sagt uns zwar, es handele sich um einen Wahn, weil er dieses Gefühl nicht einordnen kann. Das Leben zu fühlen, gehört nicht zu den Bereichen, die für den Verstand zugänglich sind, genauso wenig, wie der Verstand erfassen kann, was Leben ist. Aber gerade weil niemand erklären kann, was der Rausch des Lebens ist, faszinieren den Menschen Ereignisse, in denen eine Gesamtenergie entsteht, die sich dem menschlichen Denken und Wissen entzieht, die er aber deutlich in sich spürt.

Samstag, 8. August 2026

Absicht und Ergebnis

Eines der merkwürdigsten Phänomene unseres Menschseins  sind unsere guten Absichten.  Voller Begeisterung  bekommen wir unsere Kinder, tun unser Bestes, um sie zu gesunden und aufrechten Menschen zu machen, wir handeln mit den besten Absichten.  Und  dann geschieht das Unfassbare, ein  Kind  entwickelt sich zu einem Verbrecher und schadet nicht nur sich, sondern bringt Unheil über seine gesamte Umgebung. Alle unsere guten Absichten sind ins Leere gegangen, sie scheinen nicht ausreichend zu sein, um sein Schicksal zu beeinflussen.

Manchmal erinnert uns das Schicksal des Menschen  an die Wolken am Himmel.  Wir wissen nicht, ob die Wolken uns Segen und Leben bringen,  den Regen den die Welt so dringend braucht,  oder Sturm  und Vernichtung, Blitz und Hagel, der die Welt um uns untergehen lässt. Keine Wettervorhersage ist geeignet, um uns vor dem Schaden zu bewahren, wenn es den Wolken anders gefällt. So wie die Wolken nicht geeignet sind uns zu sagen, was sie uns bringen werden, so sind auch alle unsere guten Absichten wie die Wolken, wir wissen nicht, was aus ihnen wird und welches Ergebnis sie am Ende bringen.

In den alten Kulturen lag das Schicksal in den Händen  von Schicksalsgottheiten, bei den Griechen die Moiren,  bei den Germanen die Nornen, weibliche Gottheiten, weil die Entstehung von Leben  und Schicksal mit der weiblichen Seite des Menschseins verbunden wurde. Der Mensch war sich schon immer bewusst, dass sein Schicksal nicht nur in seinen Händen liegt. In den Sagen und Dichtungen wird die Macht des Schicksals geschildert, die Hybris des Menschen, der glaubt, sein eigenes Schicksal zu bestimmen und die Demut, wenn wir vor unserem eigenen Schicksal stehen, gleich was immer es uns gebracht hat.

Wenn ich mein eigenes Schicksal am Ende eines reichen und erfüllten Lebens betrachte, dann habe ich nur überlebt, weil immer eine schützende Hand über mir lag. Gegen alle Wahrscheinlichkeit habe ich Bombenangriffe und tödliche Krankheiten überlebt.    Eine Kraft, die hoher ist als all unserer menschliche Wille und Verstand war immer an meiner Seite, in mir und über mir. Meine kühnsten Absichten für mein Leben sind in Erfüllung gegangen, was hätte ich mir mehr jemals erträumen können. Ich danke meinem Schicksal, und dem Geist der mich und alles um mich belebt, für das Wunder des Lebens, das ich erfahren durfte.

Samstag, 1. August 2026

Die Unruhe des Menschen

Der Mensch wird mit einem Verstand geboren, der es ihm ermöglicht, tief in die Geheimnisse von Wissenschaft und Philosophie einzudringen. Je tiefer wir aber in die Geheimnisse der Schöpfung eindringen, desto stärker wird unsere innere Unruhe. Wir ahnen ein Potenzial in uns, das wir noch nicht voll leben, weil wir es nicht begreifen können. Diese Unruhe entspringt nicht allein dem Denken, sondern der Spannung zwischen dem, was der Mensch mit seinem Verstand erfassen kann, und dem, was sich seiner begrifflichen Kontrolle entzieht.

Natur und Schöpfung kennen diese Unruhe nicht. Sie ruhen in ihrer Existenz und erscheinen darin vollkommen. Ihnen fehlt der Unruhestifter, der menschliche Verstand. Sie nehmen ihr Dasein so an, wie es ist: Ein Baum und ein Tier fragen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie leben jenes Potenzial, das ihnen bereits in ihrem Ursprung mitgegeben wurde.

Der Mensch glaubt, es sei der Verstand, dessen Potenzial er ausschöpfen müsse, um sein Leben zu erfüllen. Die einen verbringen ihr Leben im Streben nach Mehr; die anderen versuchen, die Grenzen ihres Verstandes auszuloten, und es ergreift sie ein Zittern, wenn sie diese Grenzen nicht überschreiten können. In ihm lebt ein Träumen, ein Wünschen, eine Fantasie dessen, was alles geschehen könnte und doch nie geschieht. So verbringt er sein Leben, ohne seine eigentlichen Potenziale zu erkennen. Er taumelt durch das Leben, schenkt den falschen Versprechungen seines Verstandes Glauben und bleibt unruhig, weil er ahnt, dass ihm etwas Wesentliches entgeht.

Der Verstand begreift nicht, dass dem Menschen noch eine weitere Eigenschaft mitgegeben wurde: der Schöpfergeist, das Leben, die wesentlichste Gabe der Schöpfung an den Menschen. Diese Gabe richtet sich nicht nach außen auf die Welt, sondern nach innen auf die Seele. So wie die Welt mit all ihren Erscheinungen dem Gesetz der Evolution folgt, so ist auch der Mensch diesem Gesetz unterworfen: Er soll die Evolution seiner Seele entfalten und sich seiner selbst bewusst werden. Der Weg des Menschen führt daher nach innen, nicht nach außen.

Der Weg nach außen hat zur Entwurzelung des Menschen geführt; er hat den Boden unter den Füßen verloren. Bei seiner Geburt befindet er sich noch ganz in der Einheit mit dem Schöpfergeist. Doch der Verstand und die Welt führen ihn fort von seinem eigentlichen Sein. So breiten sich Verlorenheit und Verlassenheit in ihm aus, und er findet nicht in jene Einheit zurück, aus der er kam. Sein Verstand ist ein schlechter Berater, wenn er in ihm einen Helfer sucht; denn der Verstand kann ihm nicht den Weg zu seinem eigentlichen Ursprung weisen.

Ein Teil der Menschheit begreift jedoch, dass der Weg nicht nur nach außen, sondern auch nach innen führen muss, wenn wir unserem Schicksal gerecht werden wollen. Es ist der Weg der Meditation, der Kontemplation und des Gebets: der Weg der Rückbesinnung auf unser eigentliches Sein, auf den göttlichen Geist in uns, unseren inneren Wegweiser durch das Leben. Alle Unruhe und alles falsche Wünschen fallen von uns ab, wenn wir uns unseres Selbst bewusst werden. Dann sehen wir nicht mehr nur die Wolken am Himmel, sondern den Himmel hinter den Wolken.


Sonntag, 26. Juli 2026

Das Leben leben

Wenn das Leben in Statistiken dargestellt wird, begegnen wir Linien, Kurven und grafischen Diagrammen, die mit der Geburt beginnen und mit dem Tod enden. Doch wo gibt es in der Natur oder im Menschen schon gerade Linien? Auch geometrische Körper, die sich berechnen lassen, eignen sich nur begrenzt, um die Natur darzustellen. Alles in ihr ist einzigartig und lässt sich mit menschlicher Technik kaum systematisieren. Das Leben entzieht sich dem rein menschlichen Denken; auch künstliche Intelligenz wird daran nichts ändern.

Die Mehrheit der Menschheit glaubt, das Leben beginne mit unserer Geburt und ende mit unserem Tod. Nur eine kurze Zeit stehe uns für unser Leben zur Verfügung. So streben Menschen in die Welt hinaus, gründen Familien, erringen Ämter und Würden, schmücken sich mit materiellem Erfolg und finden sich am Ende ihres Lebens damit ab, dass alles, was sie je erreicht haben, von ihnen abfällt und ihnen nichts davon verbleibt.

Die Weisen aber wissen, dass Leben mehr ist als Geburt und Tod, mehr als alle Güter dieser Welt, und dass Zeit für das Leben keine entscheidende Bedeutung hat. Leben bewegt sich in Dimensionen, die nur erahnt werden können. Es war schon da, vor der Entstehung der Welt und des Menschen, und es wird noch da sein, wenn es die menschliche Existenz nicht mehr gibt. Das gilt für die ganze Natur, nicht nur für den Menschen. Alles existiert, weil es Leben gibt, weil es sich in einem ewigen Kreislauf erneuert und keinen endgültigen Tod kennt. Nichts ist und bleibt so, wie es dem menschlichen Auge sichtbar erscheint; alles entwickelt sich fort, verändert seine Strukturen und verwandelt sich. Selbst Planeten werden geboren und sterben, kehren in ihren ursprünglichen Zustand zurück und werden neu geboren.

Die ganze Natur ist sich dieses ewigen Werdens und Vergehens nicht bewusst. Nur dem Menschen ist die Fähigkeit gegeben, das Leben zu ahnen. Leben ist ewige Wandlung: Es lässt nichts unverändert, sondern befindet sich in einem fortwährenden Schöpfungsprozess. Der Mensch nennt diese Kraft das Leben, die Totalität, die Gesamtheit, die Gottheit. Wer sich dieser Kraft bewusst wird, ändert sein Leben. Er beginnt, das Leben in allem zu sehen, es auch in sich zu spüren und sich als Teil der Schöpfungskraft zu fühlen. Wenn der Mensch erwacht, begegnet ihm das Leben nicht nur in der Schöpfung, die ihn umgibt, sondern auch in ihm selbst.

Der sich bewusst werdende Mensch weiss das Geschenk des Verstandes durchaus zu schätzen. Er begreift aber, dass sein Sein nicht vom Verstand bestimmt wird. Er begreift auch, dass er seinen Verstand zum Schweigen bringen muss, wenn er sich seinem eigentlichen Leben nähern will. So lehren uns fast alle Religionen und Weisheitslehren die Meditation. Es ist die Stille in uns, die uns das Leben bewusst werden lässt; es ist das Pochen unseres Herzens, das uns das Leben in unserem Körper fühlen lässt; es ist das Rauschen des Windes in den Bäumen und die Schönheit der Blumen in unserem Garten, die uns den Schöpfergeist fühlen lassen. Wohin unser Blick auch führt, begegnen wir dem Leben. Eine gewaltige Kraft offenbart sich in der Stille als Leben: als Stille in uns und als Stille um uns. Überall ist die Kraft des Lebens und des Göttlichen zu spüren.

Geburt und Tod sind nur kurze Episoden in unserem Leben. Alles, was wir tun oder lassen, wird klein vor den Kräften des Lebens. Wenn wir unser Leben wirklich leben wollen, müssen wir uns ganz dem Leben hingeben, das sich in uns offenbart. Wir müssen den Kräften unserer Natur lauschen, unsere Bestimmung erahnen, mit unserem Schöpfungsgeist in Harmonie leben und das vollbringen, wofür wir bestimmt sind. Wir ahnen die Anwesenheit des Schöpfergeistes in uns und versuchen, jeder auf seine Weise, in der kurzen Lebenszeit, die uns gegeben ist, das zu vollbringen, wofür uns unser Schicksal gesandt hat.