Sonntag, 27. September 2026

Der spirituelle Weg

In einem Psalm wird unser Leben mit einem Grashalm verglichen, der am Morgen grünt und am Abend bereits verdorrt ist. Es geht um die Kürze des Lebens und darum, dass keine Zeit zu verlieren ist, den richtigen Weg zu finden.

Wir haben keine Zeit, uns nur mit der Welt zu befassen, uns mit den Teilaspekten der Welt zu vergnügen, uns mit den Medien die Zeit zu vertreiben oder den kleinen oder grossen Erfolgen in der Welt hinterherzulaufen. Der Tod kann uns in jedem Moment ereilen und unser Leben in der Welt beenden.

Nur zu leicht täuschen uns unsere Sinne und lassen uns den Weg verfehlen, kostbare Zeit verschwenden und das Ziel unseres Lebens verfehlen. Auch die vielen spirituellen Wege, die uns Religionen, heilige Bücher und Philosophien vermitteln, teilen uns nur Teilwahrheiten mit, die uns den richtigen Weg nicht finden lassen, uns verwirren und in die Irre führen. Wir suchen den Weg in allen Richtungen und finden ihn nicht. Wenn wir ängstlich den Moment unseres Lebens erwarten, in dem wir die Welt verlassen, dann nur deshalb, weil wir den richtigen Weg nicht gefunden haben und uns immer klarer wird, dass wir vom Weg abgekommen sind.

Es gibt nur einen richtigen Weg: den, der uns in diese Welt gebracht hat, und den, der uns auch wieder aus dieser Welt nimmt; den Weg, der uns nicht in die Verzweiflung führt, nicht in das Gefühl, im Leben versagt zu haben, weil wir das echte Leben nicht gefunden haben. Es ist der Weg aus der Welt zurück, der Weg in uns selbst, in das Leben in uns, in unseren Geist, unser inneres Sein. Es ist der spirituelle Weg, der uns in die richtige Richtung führt, in den Schöpfergeist, dessen Teil wir sind, der diese Welt und uns selbst erschaffen hat, der unsterblich ist und nicht den Gesetzen der Vergänglichkeit und des Todes unterliegt. Für diesen Weg gibt es kein Morgen und keinen Abend, keine Jugend und kein Alter. Es ist der Weg in die Ewigkeit, ein Weg ohne Anfang und ohne Ende.

Wir können ganz von dieser Welt sein, in vollem Bewusstsein von Morgen und Abend, wenn uns klar ist, dass unser menschlicher Verstand uns nur Illusionen verschafft, dass etwas viel Grösseres in uns ist und wir Teil eines Schöpfungsprozesses sind, der nicht mit unserer Geburt beginnt und am Abend unserer Tage endet. Es ist der Weg nach innen, in unsere Seele, in unseren Geist, der uns zum Teil der Schöpfung macht: unvergänglich, ewig, nicht den Gesetzen von Tod und Vergänglichkeit unterworfen. Wir sind es selbst, die diese Welt erschaffen, diesen Körper bewohnen und nur dem Wandel, nicht aber der Vergänglichkeit unterworfen sind. Wir sondern uns vom Schöpfergeist ab, erschaffen unsere Welt und überlassen sie künftigen Generationen in ewigem Kommen und Gehen. Nur derjenige glaubt am Ende seiner Tage, ein verdorrter Grashalm zu sein, der den Weg zu sich selbst nicht gefunden hat.

Das Übel in der Welt

Schon als meine Mutter mich das Beten lehrte, interessierte ich mich dafür, was denn das Übel sei, von dem ich um Erlösung bat. Meine Mutter meinte, das sei die Sünde, das Böse, das wir tun. Ich gab mich lange mit dieser Erklärung zufrieden.

Später dachte ich, das Übel läge in der Dualität, in die wir als Menschen geboren werden. Nur der Mensch kennt Gut und Böse, Liebe und Hass, Krieg und Frieden. Vielleicht handelt es sich um einen Geburtsfehler der Menschheit, um den menschlichen Verstand, der alles in dualer Form sieht. Aber warum sollte der Schöpfergeist so fehlerhaft handeln und eine hoch entwickelte Spezies mit etwas ausstatten, das so viele Probleme bereitet? Mir schien es wahrscheinlicher, dass Dualität ein bewusster Schritt in der Evolution der Schöpfung war, um dem menschlichen Geist die Fähigkeit zu geben, sich selbst zu erkennen. Wie sollte denn der Mensch je den göttlichen Geist erkennen können, wenn er nicht die Fähigkeit entwickelte, zwischen Schöpfergeist und Schöpfung zu unterscheiden?

Einen entscheidenden Hinweis fand ich erst bei Meister Eckhardt. Er weist darauf hin, dass das grösste Übel des Menschen in der persönlichen Anhaftung an die Welt besteht. Es reicht nicht, wenn wir allen irdischen Gütern entsagen, in ein Kloster gehen oder zu indischen Weisen pilgern, um Weisheit zu erlangen. Wo immer wir nach höherem Wissen, nach Erleuchtung suchen, werden wir auf menschliche Egos stossen: in geistlichen Hierarchien, in religiösen Organisationen – überall treffen wir auf menschliche Egos. Es sind die Egos, die an der Welt anhaften, an den Menschen, denen wir begegnen, an uns selbst und unserem Leben in der Welt. Das menschliche Ego begegnet uns und ist schon da, wo immer wir uns von ihm erlösen wollen. Selbst im Spiegel an der Wand blickt uns unser eigenes Ego an.

Nur wenn wir unser Ego loslassen können, befreien wir uns von dem eigentlichen Übel der Menschheit; dann erst wird der göttliche Geist sichtbar, der uns ausmacht. Alle Güter dieser Welt sind dann ohne Bedeutung; sie sind nur Teil der Welt, in der wir leben, Teil der körperlichen Existenz. Wenn wir unser Ego loslassen können, leben wir noch immer in der Welt, aber wir erkennen das Leben in uns und kehren in die Einheit mit dem Schöpfergeist zurück. Nur in der Einheit mit der Gesamtheit dienen wir der Evolution der Schöpfung, gleich, ob wir ein erleuchteter Herrscher, Priester oder einfacher Bewohner dieses Erdballs sind. Das einzige Übel in dieser Welt, das Übel der Anhaftung an unser Ego, haben wir dann hinter uns gelassen.

Es reicht nicht, wenn wir in unserem Gebet um die Befreiung von dem Übel bitten. Es ist ein aktives Handeln unsererseits erforderlich. Wenn wir unser Ego als Ursache allen Übels erkennen, befreien uns weder Gott noch Gebet oder Religion von unserem Ego. Wir selbst sind gefordert, ebenso wie die geistigen Kräfte, die uns mitgegeben sind. Unser aktives Handeln ist gefragt, um unser Ego zu besiegen. Erleuchtung werden wir nur jenseits unseres Egos erfahren. Das Leben in uns ist die Kraft, die uns dabei hilft, das Ego als grösstes Übel zu erkennen, und was wir erkennen können, das können wir auch ablegen.

Sonntag, 20. September 2026

Tiefe Wahrheiten

Wohin sich unser Blick auch wendet, überall können wir die verborgenen tiefen Wahrheiten erkennen. Verborgen sind die Wahrheiten durch unseren Verstand, der daran gewöhnt ist, nur die Welt zu sehen und zu verstehen. Dem Menschen ist, einzig in der Schöpfung, nicht nur der Verstand, sondern auch der Geist gegeben, die alles bewegende Kraft des Lebens zu erkennen, die allem innewohnt. Diese Erkenntnis wird den erleuchteten Menschen zuteil, denen es gegeben ist, sich über den menschlichen Verstand zu erheben.

Zu den erleuchteten Menschen zählen Philosophen, Schriftsteller und Dichter, die jenseits von Worten und Dichtung das Wesentliche ahnen, aber sich auch der eigenen Unwesentlichkeit bewusst sind, wie ein Goethe in seinem Gedicht «Grenzen der Menschheit». In der Bergpredigt verzauberte ein erleuchteter Jesus die anwesenden Menschen, seine Worte versorgten Hunderte mit geistiger Nahrung, und in seiner Gegenwart erwachen innerlich gestorbene Menschen zu neuem Leben.

Die grossen Komponisten, Liederschreiber und Sänger verwandeln die Welt mit ihrer Musik und ihren Liedern, ergreifen die Seelen der Menschen, entführen sie in die Welt der Klänge und der Worte, sprechen zu den Seelen der Menschen, ergreifen sie und lassen für kurze Zeit die Welt in Vergessenheit geraten. Welcher Mensch könnte sich der Ergriffenheit entziehen, beim Hören der grossen Symphonie eines Beethoven oder bei einem Gospelgottesdienst?

Die grossen Künstler, Maler und Bildhauer fangen das Leben ein und bringen scheinbar tote Materie durch ihre Kunst zum Leben. Was kann dem Schöpfungsakt näher kommen, als Leinwand, Stein und Metall Leben einzuhauchen?

Erleuchtung ist die tiefste Wahrheit des Lebens, die wir erfahren können. Sie ist das Ewige in uns, das wir im Endlichen zum Leuchten bringen können.

Freitag, 11. September 2026

Keine Angst vor dem Tod

Geburt und Tod bestimmen unser Leben auf diesem Planeten. Die Tür, durch die wir ins Leben treten, ist auch jene, durch die wir die Welt wieder verlassen. Der Tod ist jedoch nicht das Gegenteil des Lebens. Das Leben ist ewig; es ist in allem enthalten, was ist, in der gesamten Schöpfung. Würden wir eine Pflanze oder ein Tier fragen, was Tod sei, würden sie uns verwundert ansehen und nicht verstehen, was wir meinen.

Der Tod ist nur aus menschlicher Sicht ein Phänomen, eine Folge der Geburt. Mit der Geburt wird auch der Tod geboren: Vom ersten Moment des Lebens an sterben wir bereits. Jeden Tag vergehen Millionen von Zellen, und durch Zelltod und Zellneubildung erneuert sich der Mensch fortwährend. Nach jeweils etwa sieben Jahren hat sich der Körper weitgehend erneuert; mit siebzig Jahren sind wir also ungefähr zehnmal körperlich neu geboren. Geist und Leben aber sind dabei immer gleich geblieben. Der Zelltod hat sie nicht berührt.

Es liegt daher nahe, davon auszugehen, dass Geist und Leben schon vor der menschlichen Geburt da waren und auch durch den endgültigen Tod des Körpers nicht betroffen sind. Geist und Leben erscheinen als schöpferische Kräfte, die Materie zum Menschen formen, sie mit Leben erfüllen und von Krankheit, Zerstörung und Tod nicht berührt werden. Dasselbe gilt für die ganze Natur: Form und Materie wandeln sich, wachsen, reifen, zerfallen und kehren in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Das Leben und der Schöpfergeist aber bleiben und verwirklichen sich immer wieder aufs Neue.

Tod und Wiedergeburt sind ein ganz natürlicher Vorgang im Schöpfungsprozess. Nur der beobachtende Mensch entwickelt Angst vor Verwandlung und Tod. Es ist die Angst des Verstandes, alles zu verlieren, was er mühsam aufgebaut hat: sein Wissen, seine gesellschaftliche Position, seinen Reichtum, seine Macht und seine Identifikation mit dem, was wir Welt nennen. Der Verstand ist nach aussen gerichtet; er sieht vor allem die Welt. Geburt und Tod bestimmen nicht das Leben selbst, sondern den menschlichen Verstand. Der Schöpfergeist aber kennt nur das Leben, die ewige Evolution der Welt und des Universums als eigentliche Wahrheit.

Um die Wahrheit zu erfahren, muss der Mensch   den Blick nach innen zu richten: auf das Leben, das allem innewohnt, auch ihm selbst. So kann er begreifen, dass es etwas gibt, das höher ist als menschliches Denken. Nur der Blick nach innen führt uns zu unserer inneren Wahrheit und Gewissheit. Sie ist uns angeboren, unabhängig von Kultur, Sprache und Wissen, gerät jedoch allzu leicht in Vergessenheit, weil der Verstand als das Mass aller Dinge gilt.

Der Blick nach innen, nicht durch Denken und nicht durch unseren Verstand, lässt uns das Leben in uns spüren: in unserem Herzen und in jeder Zelle unseres Körpers. Wohin wir auch blicken, überall ist Leben in uns, das uns ständig begleitet, von der Geburt bis über den Tod hinaus. Es ist das Ewige in uns, das wir fühlen, das Leben, das den Tod nicht kennt. Wenn wir durch die Tür am Ende unserer irdischen Existenz gehen, lassen wir nur die Materie in der Welt zurück, nicht aber das Leben, unser eigentliches Sein. Wir kehren in die Gesamtheit zurück, in das ewige Leben, unsere ewige Heimat. Alle Angst vor dem Tod fällt ab, wenn wir schon in unserem Leben in der Welt den Blick nach innen richten und das Göttliche in uns erkennen: das Ewige Leben, aus dem wir kommen und das wir nie verlassen, den Schöpfergeist, dessen Teil wir sind.

Freitag, 4. September 2026

Künstliche Intelligenz und Erkenntnis

Künstliche Intelligenz, kurz KI, stellt einen weiteren Schritt in der Entwicklung der Menschheit dar. Was früher in Bibliotheken, Computern und den menschlichen Gehirnen gespeichert war, kann heute von jedem Menschen abgerufen werden, der über einen Rechner verfügt. Wie jede bedeutende technische Neuerung ruft auch die KI Ängste hervor. Ähnliche Befürchtungen begleiteten einst die Erfindung der Dampfmaschine oder des Automobils.

KI wird unsere Welt verändern. Ich hoffe, dass dies zum Positiven geschieht und der weiteren Entwicklung der Schöpfung dient. Sie kann dem Menschen dabei helfen, die Herausforderungen seiner Existenz besser zu bewältigen und die Bereiche Ernährung, Gesundheit, Sicherheit und Wissen weiterzuentwickeln. Dennoch gibt es einen Bereich, in dem KI den Menschen nicht ersetzen kann: es ist der Weg der  Erkenntnis.

KI richtet sich nach außen auf das Wissen der Welt. Sie verarbeitet und verknüpft das, was menschliche Gehirne hervorgebracht haben. Sie ist ein mächtiges Werkzeug überall dort, wo der menschliche Verstand gefragt ist.  - Das menschliche Gehirn ist bei unserer Geburt als Speicher von Wissen weitgehend leer und lediglich durch unsere genetischen Anlagen geprägt. Von Beginn unseres Lebens an, vielleicht sogar schon im Mutterleib, werden die Gehirnzellen mit Informationen gefüllt. Erst durch diese Informationen wird das Gehirn zu einem Instrument, das dem Menschen dienen kann.

Das Wissen ist jedoch immer von der Kultur abhängig, in der wir aufwachsen. Menschen des Westens werden von ihren Sprachen, Traditionen, Religionen und ihrem Bildungsverständnis geprägt. In muslimischen Regionen geschieht dies durch andere religiöse und kulturelle Einflüsse, ebenso in den großen Kulturen Asiens. Das Denken jedes Menschen basiert auf dem Wissen, das in seinem kulturellen Umfeld vermittelt und gespeichert wird. Daraus entsteht häufig Unverständnis gegenüber anderen Kulturen, weil deren Erfahrungswelt und Denkweise uns nicht vertraut sind.

Die Lebenszeit eines Menschen reicht nicht aus, um das gesamte Wissen der Welt zu erwerben. Deshalb beschränken wir uns meist auf das Wissen, das unser eigener Kulturkreis bereithält. Das Verständnis für andere Sichtweisen bleibt oft begrenzt.

KI hingegen sammelt das Wissen der gesamten Menschheit. Innerhalb von Sekunden können wir Gedanken, Traditionen und Erfahrungen unterschiedlichster Völker abrufen, ohne sie selbst über Jahre hinweg erlernen zu müssen. Vielleicht werden dadurch künftige Generationen ein tieferes Verständnis füreinander entwickeln. Wenn wir die Ursachen von Konflikten, Verletzungen von Stolz und Würde sowie die Hintergründe kultureller Missverständnisse besser verstehen, können wir Wege finden, Krisen zu vermeiden und friedlicher miteinander zu leben.

Samstag, 29. August 2026

Die heiligen Schriften

Immer wieder sind im Verlauf der Geschichte erleuchtete Menschen unter die Menschheit getreten, die später als grosse Lehrer überliefert wurden. Seit der Erfindung der Schrift sind auch Teile ihrer Lehren erhalten geblieben. Doch nie hat ein Erleuchteter selbst uns etwas Schriftliches hinterlassen. Es waren stets Jünger und Nachfolger, die das niederschrieben, woran sie sich erinnerten.

Dafür gibt es einen guten Grund: Erleuchtung lässt sich nicht in Worte fassen. Sie ist etwas Einzigartiges, eine Gnade, die nur dem Erleuchteten selbst zugänglich ist. Die Jünger konnten deshalb nur erahnen, dass unter ihnen ein erleuchteter Mensch weilte; jeder von ihnen vermochte nur einen kleinen Teil dessen zu begreifen, was der Meister zu sagen hatte. Erleuchtung ist ein innerer Vorgang, der sich der Sprache entzieht. Sie kann nicht gehört, nicht gesehen, nicht gefühlt und erst recht nicht in Schriftform festgehalten werden. Erleuchtung ist ein Seelenzustand, kein Wissen und nichts Erlernbares.

Oft waren es grosse Dichter und Schriftsteller, die erst Jahrhunderte nach dem Leben eines Erleuchteten dessen überlieferte Lehren zu Papier brachten. Dabei entstanden nicht selten Werke von beachtlicher Poesie und sprachlicher Schönheit. Doch sie entsprechen nicht notwendig den Wahrheiten, die sich dem Erleuchteten selbst offenbart hatten. Die wahrhaft Erleuchteten wollten keine Schriften hinterlassen und keine neue Religion gründen. Sie hatten die Wahrheit gesehen; und diese Wahrheit war zu allen Zeiten nur einem kleinen Kreis von Menschen zugänglich und kaum geeignet, von allen verstanden zu werden.

Schon die Jünger Buddhas, Jesu oder Laotses ahnten nur, dass unter ihnen ein Mensch lebte, dem Erleuchtung zuteilgeworden war. Sie folgten ihm in der Hoffnung, ihr Meister könne sie zur Erleuchtung führen. Jeder von ihnen verstand, hörte oder empfand etwas anderes; ob aber auch einer der Jünger selbst erleuchtet wurde, wissen wir nicht. Erleuchtung lässt sich weder lernen noch in Büchern erfassen. Sie ist eine Gnade, die demjenigen zuteilwird, der sich ihr zu öffnen vermag.

Für unseren Verstand bleibt Erleuchtung unbegreiflich, so unbegreiflich wie das Leben selbst in uns. Erleuchtung ist heilig, weil sie aus dem Leben fliesst, aus jenem Schöpfergeist, der allem innewohnt, was ist. Heilig ist alles, was Teil der Schöpfung ist. Auch der Mensch selbst, mit seiner Seele und seinem Leben, ist heilig. Nicht die Bücher und Worte sind heilig. Sie wurden von Menschen geschrieben, lange nachdem jene Erleuchteten, auf die sie sich berufen, die Welt verlassen hatten. Sie entstanden aus menschlichem Verstand und menschlicher Erinnerung, oft getragen vom guten Willen, etwas von dem zu bewahren, was ein Erleuchteter als Vermächtnis hinterliess. Doch weit entfernt bleiben sie davon, Erleuchtung selbst zu vermitteln.

Wenn solche Bücher heilig genannt und dazu benutzt wurden, einander zu bekriegen und zu töten, weil man glaubte, allein im Besitz der ewigen Wahrheit zu sein, dann wird deutlich, dass es Bücher von Menschen für Menschen sind. Sie enthalten alles, was menschlichem Verstand entspringen kann: grosse Dichtung und Schönheit ebenso wie abgründige Scheusslichkeiten. Ob man diese Schriften heilig nennen will, bleibt jedem selbst überlassen. Erleuchtung aber ist ein innerer Zustand; Worte allein sind wenig geeignet, zu ihr zu führen. Es ist die Seele, wenn sie zu uns spricht, die den Weg zur Erleuchtung öffnet. Und die Seele spricht durch das Schweigen des Verstandes und durch die Anwesenheit des Göttlichen in uns.

Sonntag, 23. August 2026

Im Fluss des Lebens

Wenn ich mein Leben betrachte, am Ende eines langen Weges, dann sehe ich voller Dankbarkeit auf ein erfülltes Leben zurück. Das Leben hat mir immer geschenkt, was nötig war, um zu überleben, und viel mehr, als ich je erwarten konnte. Ich habe nicht nur das Licht der Welt erblickt, sondern auch das Licht der Ewigkeit auf meinem Weg sehen dürfen. Was hätte ich mir jemals mehr wünschen können?

Geboren wurde ich in eine Welt des Krieges. Um mich herum waren Tod und Zerstörung. Wir wurden vertrieben und wir Kinder von unseren Eltern getrennt. Mehrmals stand mein Leben auf des Messers Schneide. Aber ein gütiges Schicksal hat mir immer wieder die Hand gereicht. Selbst als ich am Ende eines Tunnels das Licht der Ewigkeit bereits sehen konnte, hat mein Schicksal mich ins Leben zurückgeholt und mir zu verstehen gegeben, dass mein Leben noch vor mir liege.

Und so habe ich mich dem Fluss des Lebens anvertraut, bin mit ihm geschwommen und nicht gegen ihn. Ich habe das Leben angenommen, so wie es auf mich zukam: voller Freude, voller Zuversicht, voller Vertrauen. Verluste und Rückschläge habe ich wie jeder Mensch erlebt; sie gehören zum Leben, sie gehören zum Reichtum des Lebens. Wer sie nicht annimmt, tut sich keinen Gefallen, denn gerade in Rückschlägen sammeln wir die Kräfte, die wir brauchen, um das Leben ganz zu erfahren.

Wundervolle Menschen sind in mein Leben getreten: meine Familie, meine Kinder und Enkelkinder, aber auch Menschen, die mich ein Stück meines Lebens begleitet und mich die Dinge gelehrt haben, die ich für das Leben brauchte. Was hätte ich mir mehr wünschen können? Nie habe ich wirklich Enttäuschungen erlebt, denn was gibt es Wertvolleres, als zu merken, dass wir einer Täuschung aufgesessen sind und die Enttäuschung uns wieder den Schritt in die richtige Richtung tun lässt. Immer wieder ist das Leben auch in der Form dunkler Energie an mich herangetreten und hat mir die Reichtümer der Welt versprochen. Ich bin den Versuchungen nie erlegen und bin unbeirrt den Weg gegangen, von dem ich meinte, dass das Schicksal ihn mir vorzeichnete.

Jetzt, am Ende meines Lebens, fühle ich noch immer das gleiche Leben in mir wie am Anfang. Das Leben spricht mit mir und sagt mir, auch in meinen Träumen, dass das Ende auch der Anfang ist und die Tür, die hinausführt, zugleich die Tür ist, die in etwas anderes hineinführt. Der Fluss meines Lebens hat mich fast bis ans Meer der Ewigkeit geführt, und überall habe ich den reichen Segen gespürt, der über meinem Leben lag.

Heute weiss ich, dass ich am Ende meiner Reise das gleiche Licht erblicken werde, das ich schon in meiner Kindheit erleben durfte. So gehe ich mit tiefer Zuversicht das letzte Stück meines Weges. Jeder Tag in meinem Alter ist ein Geschenk des Lebens an mich. Noch immer bin ich ein Teil dieser Welt, aber mit einem Fuss schon in der Tür, die sich vor mir zur Ewigkeit öffnet.