Warum hat Jesus von den Kindern gesprochen, denen das
Himmelreich gehöre? Weil Kinder noch ein leeres Gefäss sind, das noch nicht von
ihrem Verstand mit dem Wissen der Welt gefüllt ist. Sie sind noch reinen
Geistes, noch nicht von den Irrtümern der Welt, von Wissenschaften, von
Religionen und Philosophien belastet. Die Leere des Verstandes bei Kindern
enthält noch das gesamte Potenzial des Geistes; sie sind direkt aus der
Gesamtheit des Schöpfergeistes in die Welt hineingeboren.
Nach der Geburt eines Kindes wird das Gefäss des Geistes im
Kind mit dem Wissen der Welt gefüllt. Der Geist oder das Himmelreich, wie Jesus
es nennt, wird mit der Geburt auch Teil des Menschseins, muss langsam dem
Wissen von der Welt weichen und gerät immer mehr in Vergessenheit. Aber das
menschliche Wissen über die Welt und die Schöpfung spiegelt trotz aller
Erkenntnisse von Wissenschaften, trotz aller Philosophien, Religionen und
Dichtung nur kleinste Bereiche des Schöpfergeistes wider, des Lebens, das in
allem sichtbar ist, aber nicht vom Verstand erfasst werden kann. Jesus hat die
Menschen, die an das Wissen der Welt glaubten, als Kranke, als Lahme, als
Blinde und Tote bezeichnet. Er hat versucht, sie zu ihrem wahren und
eigentlichen Leben zurückzuführen, sie aufgefordert, Krankheit und Tod hinter
sich zu lassen und das Leben in sich zu spüren, wieder wie die Kinder zu
werden.
Alles Wissen dieser Welt, alle Lehren von Philosophien und
Religionen können nur kleinste Teilbereiche des Schöpfergeistes berühren. Der
Irrtum ist der Gefährte des menschlichen Verstandes, und so ist unser Wissen
von heute der Irrtum von morgen. Das gilt auch für das, was wir den Glauben
nennen, für das, was Religionen uns lehren. Wie könnten wir glauben, dass der
menschliche Verstand und menschliche Worte uns jemals an die tiefen Wahrheiten
des Lebens und des Geistes heranführen könnten?
Wir Menschen sind ganz aus Schöpfergeist geboren; er ist da,
unser Begleiter ein Leben lang. Keiner kann ihn uns nehmen, aber wenn wir uns
ihm nähern wollen, entzieht er sich uns, denn wir nähern uns mit unserem
Verstand. Wir müssen das Gefäss des Verstandes ganz leeren, wenn wir das Leben
in uns erfahren wollen, den eigentlichen Geist in seiner Vollkommenheit, der
uns erschaffen hat. Die einzig wahre Lehre, die Menschen je erschaffen konnten,
ist die Lehre von der Leere des Verstandes. Nur in der Leere können wir die
Fülle des Seins erfahren. Ein Anachronismus, aber ein Geheimnis auf dem Weg
zurück zur Gesamtheit. Erst im Tod erfahren wir, wie der eigene Geist, den wir
erahnten, zum einen Geist wird, der er immer war: unsere eigentliche Heimat,
die wir nie verlassen haben, trotz aller Illusionen von Welt, an die unser
Verstand glaubte.