Freitag, 12. Juni 2026

Die Geheimnisse der Seele

Würde man die Menschen nach der Existenz einer Seele fragen, so würde wohl ein grosser Teil von ihnen zustimmend antworten. Gerade darin liegt etwas Erstaunliches: Wir bejahen etwas, dessen Wesen sich unserem sicheren Wissen entzieht. Niemand vermag genau zu sagen, was die Seele ist, und doch sprechen wir von ihr, als wäre sie uns vertraut. Wir erzählen von Seelenwanderung, sehen auf kirchlichen Bildern die Seelen der Verstorbenen im Fegefeuer büssen oder als Engel im Paradies erscheinen. Seit der Mensch über sich selbst nachdenkt, begleitet ihn dieses Geheimnis: die Frage nach der Seele.

Die moderne Wissenschaft hat den Menschen bis in seine kleinsten Bestandteile zerlegt. Sie ist auf Energieteilchen gestossen, die unvergänglich scheinen und dennoch vom menschlichen Verstand beschrieben werden können. So nähert sich der Mensch den Grenzen seines Denkens und richtet zugleich den Blick ins Unendliche. Die Analyse führt ihn an die Geheimnisse der Schöpfung heran; zugleich aber zeigt sie ihm, dass nicht jedes Geheimnis durch Zerlegung entschlüsselt werden kann. Ein Sprachwissenschaftler mag ein Gedicht bis in Rhythmus, Klang und Struktur untersuchen — und doch erklärt ihm diese Analyse nicht vollständig, warum ihn ein Vers im Innersten berührt. Ein Atomphysiker mag die Materie erklären können; verliebt er sich aber, so spricht plötzlich eine andere Wirklichkeit in ihm, jenseits des reinen Verstandes. Beide erfahren, dass der Mensch die Welt nicht nur zerlegen, sondern auch wieder zusammensetzen muss. Erst in der Synthese wird aus Erkenntnis wieder Leben.

Die Religionen sind von jeher einen anderen Weg gegangen: nicht den der Zergliederung, sondern den der Zusammenschau. Sie haben menschliche Erfahrungen, Ahnungen und Hoffnungen zu Bildern verdichtet, die über das bloss Sichtbare hinausweisen. Was sie Offenbarung nennen, ist der Versuch, einen göttlichen Geist in der gesamten Schöpfung zu erkennen. Auch die alten Naturreligionen sahen den Schöpfergeist nicht ausserhalb der Welt, sondern in ihr: in Bäumen und Tieren, in Wind und Wasser, im Menschen selbst. In den Religionen dieser Erde erscheint die Seele daher nicht als isolierter Besitz des Einzelnen, sondern als Ausdruck eines umfassenderen Lebenszusammenhangs, der Mensch, Natur und Kosmos miteinander verbindet.

Am Ende scheint der Mensch immer vor einer Form des Glaubens zu stehen. Er kann an die Wissenschaft glauben, obwohl er weiss, dass ihre Wahrheiten in der Geschichte immer wieder ergänzt, korrigiert oder verworfen wurden. Er kann Philosophien und Weisheitslehren vertrauen, obwohl auch sie von neuen Deutungen abgelöst werden. Oder er kann an eine höhere, göttliche Intelligenz glauben, die allem innewohnt und in der Seele erfahrbar wird — nicht als beweisbarer Gegenstand des Verstandes, sondern als Ahnung, als innere Gewissheit, als leise Gegenwart.

Die Irrtümer des menschlichen Wissens im Lauf der Geschichte mahnen zur Vorsicht, den Verstand zum Mass aller Dinge zu erheben. So gross seine Kraft ist, so wenig vermag er alles zu umfassen, was den Menschen ausmacht. Wenn der Verstand dem Menschen gegeben ist, dann vielleicht ebenso der Glaube; und wenn der Mensch nach der Seele fragt, dann nicht nur aus Neugier, sondern weil er in sich selbst etwas spürt, das über das Berechenbare hinausweist. Glaube entspringt nicht allein dem Denken. Er kommt aus einem tieferen Bereich in uns, aus Herz und Seele. Vielleicht könnten wir gar nicht an die Seele glauben, wenn wir sie nicht auf irgendeine Weise bereits als Teil unseres eigenen Seins erfahren würden.

Sonntag, 7. Juni 2026

Lebenswelten

Wir glauben, in der Welt des Verstandes zu leben. Für die meisten Menschen zählen nur ihr Wissen und ihr Verstand, also das, was sie als Stand der Wissenschaft betrachten. Doch wie verhält es sich mit der Welt des Kindes, mit der Welt der Religionen oder mit der Welt der Emotionen? Haben wir diese Welten bereits hinter uns gelassen? Können wir uns noch in sie hineinversetzen, und haben sie für uns überhaupt noch Bedeutung?

Nach den alten Religionen wurden wir aus dem Paradies vertrieben, weil wir das Verbot gebrochen haben, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Ist aber nicht unser ganzes Leben darauf ausgerichtet, Erkenntnis zu erlangen? Ist nicht gerade die Menschwerdung auf Neugier gegründet, auf das Brechen von Geboten – «Du sollst» – und auf das Übertreten von Verboten – «Du sollst nicht»? Gerade das, was verboten ist, muss selbst erfahren werden und gehört zur Menschwerdung dazu.

Das Christentum scheint als erste Religion die Verbote der alten Religionen aufgebrochen und die Kinder mit ihrem Drang, die Welt zu erforschen, in den Mittelpunkt gestellt zu haben. Zur Menschwerdung gehört es, vom Baum der Erkenntnis zu essen und die Gebote der Alten zu brechen. Wir müssen so offen sein wie die Kinder, um den Himmel zu berühren. Nur so erforschen wir die Welt und werden zu überlebensfähigen Wesen.

Es gibt die Welt des Verstandes. An die Stelle von Religion und Glaube ist das Wissen als neue Gottheit getreten. Wir erforschen die Welt, und der jeweilige Stand des Wissens, gleich in welchem Bereich, gilt oft als absolute Wahrheit. Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass das Wissen von heute der Irrtum von morgen sein kann. In der Welt des Wissens können wir nur dann unbeschadet überleben, wenn uns bewusst bleibt, dass alles Wissen dieser Welt vor den Geheimnissen der Schöpfung verblasst.

Es gibt die Welt der Gesetze und Verordnungen, die das menschliche Miteinander regeln sollen. Diese Welt funktioniert mehr schlecht als recht. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht täglich mehrfach gegen ihre Gebote verstösst. Man braucht sich nur unser eigenes Verhalten beim Essen, im Verkehr oder in der Missachtung gesundheitlicher Gebote in Erinnerung zu rufen. Der Mensch scheint geradezu Freude daran zu haben, Gebote zu übertreten, selbst wenn ihm daraus Nachteile entstehen.

Selbst die Welt der Weisen und Philosophen ist keine ideale Welt. Sie bleibt eine theoretische Welt, die kaum je in die Wirklichkeit einfliesst. Sie existiert vor allem in den Köpfen der Menschen, findet aber in der Realität des Zusammenlebens nur wenig Beachtung.

Alle diese Welten können uns täglich begegnen. Sie umgeben uns, berühren unsere eigene Welt und werden damit auch Teil der Wirklichkeit, in der wir leben. Aus all diesen Welten nehmen wir jedoch nur das auf, was wir für unser eigenes Leben brauchen können. Alles andere bleibt draussen und streift unsere Lebenswelt nur am Rand. Keine dieser anderen Welten ist für sich genommen wirklich wichtig für unser Leben. Bedeutung gewinnen sie erst dadurch, dass wir sie in unser eigenes Leben aufnehmen. Es ist unsere Aufgabe, aus den vielen Welten, denen wir begegnen, unsere eigene Lebenswelt zu formen.


Sonntag, 31. Mai 2026

Grenzen der Sprache

Hinter jeder Religion verbergen sich die eigentlichen tiefen Wahrheiten. Kein Religionsbegründer hat je schriftliche Vorschriften hinterlassen, weil ewige Wahrheiten, die das Metaphysische ansprechen, kaum in Worten ausgedrückt werden können. Im Vatikan liegen tausende von Büchern, die sich mit der christlichen Religion beschäftigen.  Sie alle kann man allenfalls als philosophische Betrachtungen sehen, die menschliches Denken wiedergeben. Göttlicher Offenbarung begegnet man in ihnen nur selten. Nicht umsonst verbieten die Religionen den Namen Gottes zu missbrauchen, das Metaphysische entzieht sich unserem Wissen.

Das Unaussprechliche kann nicht durch Sprache wiedergegeben werden. Dennoch ist das Göttliche in der gesamten Schöpfung enthalten, ist in Allem sichtbar, will gesehen werden. Dem Menschen ist es gegeben, das Göttliche zu erkennen, weil er selbst Teil der göttlichen Gesamtheit ist. Es ist nicht Glauben nötig, wie von den Religionen gefordert, sondern die Wahrnehmung des Schöpfergeistes, der sich in der gesamten Schöpfung offenbart, auch in uns selbst. Nur Gleiches kann Gleiches erkennen.

Immer wieder sind in der Geschichte der Menschheit die grossen Lehrer des Unaussprechlichen in die Welt getreten, die ihren Zeitgenossen die tieferen Geheimnisse des Lebens offenbart haben. Keiner von ihnen hat schriftliches Zeugnis hinterlassen, weil man nicht das niederschreiben kann, für das es keine Worte gibt. Generationen nach ihnen haben dann versucht, das in Schriftform zu verfassen, was ihnen von der Lehre überliefert wurde. Nur Teile der ursprünglichen Wahrheiten haben ihren Niederschlag in den bekannten heiligen Büchern gefunden. Die damals verkündeten Wahrheiten aber haben die Menschen so überzeugt, dass neue Religionen aus ihnen entstanden sind.

Religionen können uns nur helfen den Weg zum Göttlichen zu finden, sie sind   nur Wegweiser für den Menschen, den richtigen Weg zu finden Sie nehmen uns aber nicht den Weg ab, der zur Erkenntnis des Göttlichen führt. Dieser Weg muss von jedem Menschen eigenverantwortlich selbst gefunden werden.

Das Unaussprechliche ist auch in uns selbst enthalten, ich nenne es das Leben, das Absolute, das, was mich ausmacht. Es hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Es hat mich in mein Schicksal gestellt, ein Schicksal, das oft existenzbedrohend war.  Krieg, Hungerzeiten, Krankheiten, fast ein ganzes bewegtes Jahrhundert habe ich durchlebt. Nie kam mir in den Sinn, mich zu beklagen, immer habe ich das Leben so angenommen, wie es auf mich zukam. Nie hat das Leben mich enttäuscht. Das Schicksal war mir immer ein treuer Begleiter, in all den Jahren meines Lebens. Das Leben hat mir fast alles geschenkt, was ich mir je hätte träumen lassen. Und ich habe versucht mich diesen Geschenken würdig zu erweisen, sie immer als Geschenk meines höheren Seins zu sehen, nicht nur als ein Ausfluss meines eigenen Tuns.  Und immer habe ich mich als ein Teil des Lebens gefühlt, das sich auch durch mich verwirklicht hat, als Teil des ewigen Seins.

Sonntag, 24. Mai 2026

Neue Götter

Als Kinder sehen wir unsere Eltern als Götter. Sie geben uns Schutz, Liebe und Geborgenheit. Wenn wir unsere Eltern verloren haben, und niemand aus der Familie die Funktion der Eltern übernimmt, wird unser ganzes späteres Leben problematisch, denn allein auf uns gestellt, fühlen wir uns verloren, schutzlos der Welt ausgeliefert.

Spätestens in der Pubertät nabeln wir uns von unseren Eltern ab. In Schule, Kirche und Büchern kommen wir mit einer neuen Gottheit in Berührung, mit Staat, Religion und unserer Kultur. Wir erfahren, dass eine Gottheit uns und die Welt erschaffen habe. Schutz suchen wir bei fremden Dritten, auch wenn das mit vielen Unsicherheiten verbunden ist.

So geht es den Kindern in der ganzen Welt.  Wir werden in unsere Kultur hineingeboren, leben in den Sitten und Gebräuchen unserer Umwelt. Erfahren, dass nur unsere Kultur, unser Staat und unsere Religion, die einzig massgebende sei, nur unsere Gottheit die Welt erschaffen habe, und nur unsere heiligen Bücher und Gesetze heilig seien.  Nur die Wenigsten trauen sich ihre eigene Kultur in Frage zu stellen und sich aus der Sicherheit und Geborgenheit ihrer Kultur hinauszuwagen in die Welt.

Wenn wir uns hinauswagen in die Welt, verlieren wir unsere Gewissheiten. Keiner kann uns wirklich sagen, woher das Leben kommt, das wir in uns spüren, und wohin wir gehen, wenn uns das Leben verlässt. Wir fragen uns, ob unser Leben einen Sinn, eine Bedeutung und eine Bestimmung hat.  Wir fühlen uns ohne den Schutz unserer Kultur, unserer Gottheiten allein, verlassen und schutzlos.

Auch die modernen Staaten mit ihren Institutionen können uns nicht die Geborgenheit vermitteln, die uns Elternhaus und Religionen gaben. Der Versuch, die Religionen und Kulturen durch Ideologien zu ersetzen, im Sozialismus und Kommunismus abzuschaffen, führte zur Entwurzelung des Menschen, und die führerlos gewordenen Menschen schufen sich neue Götter, Massenmörder, wie Stalin, Hitler oder Mao, die Vernichter aller menschlichen Kultur.   Führerkulte führten zu neuen Gottheiten, mit schrecklichen Folgen für die Menschheit.

Keine Philosophie und keine Psychologie können dem Menschen seine Götter zurückgeben. Die Zerstörung von früheren Gewissheiten, hat keine neue Gewissheiten an ihre Stelle treten lassen. Aber noch immer steht der heutige Mensch staunend vor der Schönheit der Schöpfung, fühlt das Leben, das sich in Allem offenbart, fühlen es in sich selbst.  Es ist das gleiche Gefühl, das unsere Urahnen hatten, als sie die Geister der Natur verehrten, den Geist der Erde und des Himmels. Und wir fragen uns, ob nicht das Leben, das sich in der ganzen Schöpfung offenbart, -auch in uns selbst, die eigentliche Gottheit ist, und wir ein Teil dessen sind, das wir verehren?


Donnerstag, 14. Mai 2026

Achtsam leben

Als Grosseltern haben wir unsere Freude daran, das Leben unserer Kinder und Enkel zu beobachten. Wir erleben noch einmal unser eigenes Leben.

Unsere Enkel leben noch immer im Paradies. Sie beginnen alles, ohne es zu beenden, probieren alles, auch wenn es verboten ist, sie essen vom Baum der Erkenntnis und spätestens mit sieben Jahren werden sie aus dem Paradies der Kindheit vertrieben. Es ist die Zeit des intuitiven Lernens, des Ausprobierens, alles muss erkundet werden, erst recht wenn es verboten ist.

Dann sind da die Eltern, die über den Kindern wachen. Wie die alten Religionen erlassen sie Gesetze und Verbote,  Du darfst und Du darfst nicht. Sie sind die Gesetzeshüter. Manchmal aber   erkennen sie, wie Jesus es tat,  dass Kinder immer noch im Paradies leben und stören sie nicht, die Welt kennen zu lernen, ihr künftiges Zuhause.

Und wir die Grosseltern, sehen das ganze Treiben unserer Nachkommen mit Wohlgefallen. Helfen, wo Hilfe gebraucht wird, drängen uns nicht auf, sind da wenn es nötig ist, und überlassen unseren Nachkommen die Welt, um sie neu zu erschaffen.  Unsere Erkenntnisse  und unser Wissen über die Dinge der Welt  behalten wir für uns,  denn jede Generation muss ihre Erkenntnisse immer wieder auf das Neue sammeln.  Die dritte Phase unseres Lebens ist vielleicht die wichtigste Zeit unserer Existenz. Wir lösen uns von den Wichtigkeiten der Welt und erleben  das Leben, das immer da war, und noch immer da ist, wie am ersten Tag, aber so oft nicht von uns gesehen wurde.

Und vielleicht entdecken wir, dass wir selbst noch wie die Kinder sind, Dinge tun, die verboten sind, neugierig  noch immer die Welt erforschen,  wie in unsere Kindheit, Freude haben an den einfachen Dingen des Lebens. und überlegen, ob nicht der richtige Weg durch das Leben die Verbindung von allem ist,  die Achtsamkeit auf  jeden Moment unseres Lebens, die Erforschung der Welt wie in unseren Kindertagen, vom Baum der Erkenntnis essen, um das Leben zu begreifen, und  die Weisheit zu entdecken, die in uns und in allem Ausdruck findet, die Einheit von  Welt und Paradies.


Samstag, 9. Mai 2026

Vom Wandel der Welt

Die Welt und alle Dinge dieser Welt befinden sich im ewigen Wandel. Nichts bleibt so wie es ist. In jedem Augenblick ist alles, was ist, schon etwas anderes.

Wir können uns diesem Fluss des Lebens als Menschen nicht entgegenstellen. Wir können nicht sagen,  wir möchten ewig jung bleiben, weil das dem Fluss  des Lebens widerspricht.  Der Mensch neigt dazu, den Dingen  in seiner Vorstellung eine feste Form zu geben, das gilt für die Lebewesen, wie auch für das scheinbar leblose Gegenständliche, das ihn umgibt.  Aber das  ist nur eine Täuschung seiner Sinne. Alles befindet sich im  Wandel, es ist nur unsere Wahrnehmung, die uns täuscht.

Bei den Lebewesen sehen wir am ehesten dieses Gesetz des Wandels. Wir erleben die Jugend, die Reifung und das Alter. Das gilt aber auch für die Sterne und diese Erde. Nichts bleibt so, wie es ist. Alles wandelt sich. Unser Leben, und die gesamte Schöpfung ist in jedem Moment eine andere.

Aller Wandel vollzieht sich beim Menschen in der Polarität der Gegensätze. Nur der Mensch ist in die Polarität hineingeboren, nur für ihn gilt gut und schlecht, schön und hässlich, Krieg und Frieden. Sein ganzes Leben wird von Gegensätzen bestimmt.  Auf seinem Weg durch die Welt steht der Mensch immer wieder vor der Entscheidung, in welcher Richtung er sein Leben steuern soll. Vom sinnhaften zum sinnlosen Leben, welcher Weg ist der Richtige?

Wenn sich eine Mehrheit  der Menschheit für den scheinbar  leichtesten Weg durch das Leben entscheidet, ist nicht auch dieser Weg durch die Schöpfung vorgesehen,  auch wenn er möglicherweise in die Selbstzerstörung führt?  Sind nicht alle Möglichkeiten des Lebens Teil des Schöpferwillens, gleich ob sie dem menschlichen Verstand gut oder schlecht erscheinen?

Wir werden diese Fragen als Menschen nicht beantworten können. Gesetzbücher oder Religionsschriften versuchen nur das Miteinander des Menschen zu regeln. Die Polarität des Menschseins können sie nicht beseitigen.  Der Weise aber versucht den Mittelweg zu finden, den Weg durch die Gegensätze. Indem er sich der Gegensätze in sich und in der Welt  bewusst ist,  führt er in sich die Gegensätze der Welt wieder zurück in die Einheit.   Im Weisen lösen sich die Gegensätze auf, werden wieder eins mit der Gesamtheit, in der es keine Gegensätze gibt.   

Samstag, 2. Mai 2026

Raum und Zeit 2

Weder Philosophen noch Wissenschaftler können eine überzeugende Erklärung für Raum und Zeit liefern. Am ehesten liegt mir noch Kant, der von einer reinen Anschauung des Menschen spricht, wenn es um Raum und Zeit geht. Wenn der Mensch nicht mehr existiert, fallen Raum und Zeit fort, an ihre Stelle tritt das Nichts. Solange ich lebe, gibt es Raum und Zeit für mich, sowohl im Makrokosmos als auch in meinem eigenen Mikrokosmos. Im physikalischen Sinn bestehe ich aus Raum und Energie. Die Energie fängt den Raum für mich ein, sie bildet meinen Körper. Das, was mich mit meinem Körper verbindet, ist mein Geist, der  eine  weitere Dimension darstellt, ohne die ich nicht Raum und Zeit wahrnehmen könnte. Was aber nimmt der Geist in mir wahr, - nimmt der Geist sich selbst und meine Energie wahr oder gibt es noch weitere Dimensionen, die unsere Wahrnehmung ausmachen?

Die Wissenschaftler tun so, als ob der Raum an sich auch etwas Existentielles darstellen würde.  Existenziell, im menschlichen Sinn, kann nur das verstandesmässig Erklärbare sein. Ich kann   nicht aus einem Nichts ein Etwas machen, nur um meine Theorien zu erklären. Da liegen mir schon eher die Philosophen, die das Göttliche im Nichts sehen. Und  wenn es so wäre, wie sieht es dann mit dem Nichts in mir selbst aus, denn mir ist bewusst, dass ich im Wesentlichen aus Nichts bestehe, dass von Energie in Form gebracht  und zusammengehalten wird?  Bestehe ich dann im Wesen aus göttlichem Nichts, das  von Energie  in meine Form gebracht wird?  Wäre der ganze Makrokosmos dann nicht nach dem gleichen Prinzip geformt, aus Energie und Nichts?

Für meine Existenz kommt es nur darauf an, wie ich mich selbst sehe. Es kommt nur auf meine eigene, individuelle Betrachtungsweise an. Wenn ich mich als Festkörper in Raum und Zeit sehe, dann lebe ich in dieser Welt – und mit meinem Tod  gebe ich mich an die Welt zurück. Ich lebe dann wie die grosse Masse Mensch und interessiere mich nicht für mein eigentliches Sein.

 Sehe ich mich  aus Nichts  und aus Energie geformt, dann  werde ich wie ein Wissenschafter nach den Gesetzen fragen, die mich und die Welt formen. Die Gesetze der Energie kann ich weitgehend erforschen und verstehen. Der Raum und  das Nichts aber stellen  mich vor unlösbare Probleme. Mein mir zur Verfügung stehender Verstand reicht nicht aus, um die Kräfte zu erfassen, die aus dem Nichts ein Etwas zu machen, und die Energie in ihre Bahnen lenkt.   

Der Mensch als Philosoph stellt seine Theorien in den Raum und versucht das Unerklärbare erklärbar zu machen. Und die Religionen  geben dem Unerklärbaren einen Namen.  Über  Allem und in Allem  sehe ich mich als  denkender Mensch als Teil  von Allem, als Teil der allumfassenden Intelligenz, als Teil des ewigen Raumes, und wenn dieser Raum von göttlichem Geist erfüllt ist, als Teil dieses Geistes. Zeit lässt mich die Ewigkeit begreifen, und  Energie und Kosmos  die Gegenständlichkeit. Und ich als Mensch bin in diese Gesamtheit hineingeboren, bin Teil von ihr, und wenn ein schöpferischer Geist in Allem ist, bin ich ein Teil dieses Geistes.