Sonntag, 19. Juli 2026

Der Weg zurück

Wenn wir die Welt betreten, richtet sich unser Blick zunächst nach aussen. Wir staunen über ihre Schönheit und Vollkommenheit und werden ganz Teil dessen, was uns begegnet. In den ersten Jahren bildet sich unser Verstand; wir übernehmen, was uns Kultur, Eltern, Schulen und Universitäten vermitteln. Später beginnen wir, unsere eigene Welt zu errichten: ein Haus, eine Familie, einen eigenen Traum von Welt, so wie auch andere Menschen in ihren je eigenen Traumwelten leben.

Erst später beginnen wir zu ahnen, dass auch die Welt, die uns so selbstverständlich erscheint, vergänglich ist. Manchmal braucht es einen Blick auf frühere Kulturen, um die eigene Gegenwart als etwas Vorübergehendes zu erkennen.

In meiner Jugend interessierte ich mich für Kunstgeschichte. Ich reiste nach Griechenland und Italien, bestaunte die Überreste grosser Kulturen und die technischen Meisterleistungen vergangener Zeiten. Alles war inzwischen zerfallen, und doch hatten auch die Menschen jener Epochen wohl an die Dauer ihrer Welt geglaubt. Damals traten die ersten Zweifel in mein Leben: Ist die Welt, die wir erschaffen, wirklich von Bestand? Sind nicht selbst die kühnsten Bauwerke, wie ihre Errichter, schon im Moment ihres Entstehens dem Verfall bestimmt? Von da an begann ich, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Es dauert seine Zeit, bis wir in der Welt angekommen sind. Ebenso dauert es, bis wir erkennen, dass nicht die Welt und nicht die anderen Menschen allein unseren Weg bestimmen. Wir selbst sind berufen, unsere Welt zu bauen, so wie es alle Menschen vor uns getan haben. So entstehen unzählige Welten, von den kleinsten bis zu den grössten. Nicht nur der Mensch lebt in seiner eigenen Welt; auch Tiere und Pflanzen haben ihre Welten. Keine dieser Welten ist für die Ewigkeit bestimmt. Sie bestehen, solange ihre Schöpfer leben, und sie vergehen, wie ihre Schöpfer vergehen. Selbst ein Bettler auf den Plätzen der Städte lebt in seiner Welt, und auch seine Welt endet, wenn er diese Welt verlässt.

Die Welt, die wir für uns erschaffen, ist eine Welt der Illusion. Mit Begeisterung bauen wir unser Haus, unsere Familie und unsere Ordnung der Dinge, und jene, die nach uns kommen, folgen wiederum ihrem eigenen Bild von Welt. Seit jeher versucht der Mensch, diese Welten besser zu verstehen. Ganze Wissenschaften sind daraus entstanden, ohne dass es der Menschheit gelungen wäre, die Schöpfung auch nur in Ansätzen zu erfassen oder den Schöpfergeist wirklich zu begreifen.

Die Aborigines sprechen von Traumpfaden, wenn sie vom menschlichen Leben sprechen. Darin liegt eine tiefe Weisheit. Gleicht nicht auch unsere jeweilige Welt eher einem Traum oder einer Illusion? Wir glauben, in einer realen Welt zu leben; doch es ist die Welt, die uns unser Verstand erzählt. Es ist die Welt, in der Häuser gebaut werden und Menschen ihrem Beruf nachgehen. Wem ist schon bewusst, dass wir in jedem Moment eine veränderte Welt vor Augen haben, dass alles im Fluss ist und nichts bleibt, wie es ist? Heraklit hat davon gesprochen, dass wir niemals zweimal in denselben Fluss steigen: Der Fluss hat sich schon fortbewegt, ist ein anderer geworden, so wie auch das Leben sich unaufhörlich bewegt und verwandelt.

Das Ende unseres Weges ist auch das Ende unserer Illusionen. Alle Vorstellungen, die wir uns von der Welt, von unserem Selbst, von unserem Namen, unserem Rang und unserer Bedeutung gemacht haben, fallen von uns ab. Nackt und bloss, so wie wir die Welt betreten haben, verlassen wir sie wieder. Alles, was wir geschaffen haben, löst sich von uns, wird vielleicht noch eine kurze Zeit von unseren Nachkommen verwaltet, und bald kündet nur noch unser Name auf einem Grabstein von unserer Existenz.

So wie der Fluss sich am Ende seines Weges in das Meer ergiesst, in der Gesamtheit der Wasser aufgeht, so mündet  auch unser Leben am Ende unseres Weges in der Ewigkeit allen Lebens. So wie die Tropfen zu Wasser werden, in das Meer fliessen und dort wieder zu Wolken und Regen werden, in einem ewigen Kreislauf, so strebt auch das menschliche Leben wieder dem Schöpfergeist entgegen, seiner  eigentlichen Heimat. Alles ist ohne Anfang und ohne Ende; wir sind Schöpfer und Erschaffenes, Teil eines Schöpfungsprozesses, den unser Verstand nicht erfassen kann, einer Evolution von Leben, das sich in unserer Existenz offenbart. In tiefer Ehrfurcht sehen wir uns als Teil der Gesamtheit, wenn wir dorthin zurückkehren, woher wir gekommen sind.


Samstag, 11. Juli 2026

Das Absolute und der Mensch

In fast allen Schriftreligionen besteht das Verbot, sich ein Bildnis oder Gleichnis Gottes zu machen. Dieses Verbot gilt für alle menschlichen Ausdrucksformen des Göttlichen: für Worte, Bilder und Skulpturen. Nicht einmal das Wort Gott sollte es geben.

Wir müssen uns fragen, ob solche Verbote sinnvoll sind. So wie Kinder fast jedes Gebot übertreten, das ihnen Eltern erteilen, so hat die Menschheit zu allen Zeiten alle Verbote übertreten und ihre Gottheiten erschaffen und ihnen Namen gegeben. Ganze Religionen mit ihren Geboten und Verboten sind entstanden, und die Welt ist voll von Bildnissen des Göttlichen. Selbst Mütter und Söhne eines Gottes hat die menschliche Vorstellungskraft geschaffen, und wenn Gebete und Bitten an Gott gerichtet werden, dann oft an seine Vertreter, seinen Sohn oder die göttliche Mutter. Selbst Kriege wurden von Menschen für ihren Gott geführt und Menschen getötet, die ihren Gott mit einem anderen Namen nannten.

Vielleicht sind die Menschen weiser als alle ihre Religionen. Vielleicht weiss der Mensch intuitiv, dass die Ganzheit, das Absolute, das Leben, in allem ist: in der ganzen Schöpfung, in der Natur in all ihren Erscheinungsformen, im gesamten Kosmos, vor allem auch in uns selbst. Wohin wir unseren Blick auch wenden, nach aussen oder nach innen, wir begegnen dem Göttlichen. Wir begegnen dem Göttlichen in uns Menschen, in der Natur, in den Bergen und Wäldern, im Meer, selbst in der Rose in unserem Garten, deren Duft uns verzaubert. Selbst das Böse ist göttlicher Natur; es ist die dunkle Seite des Lichts, es strebt dem Licht entgegen und verwandelt sich wieder in Licht. Wo immer wir die göttliche Schaffenskraft sehen wollen, da werden wir sie finden.

Wir suchen nach dem Göttlichen, obwohl wir Teil des Göttlichen sind. Wir suchen etwas, was wir sind. Wir wären nicht, wenn nicht das Leben in uns wäre, als Teil der Ganzheit, als Teil der Gottheit, die in allem ist. Das Leben äussert sich in der gesamten Schöpfung; nichts, das vom Leben berührt wird, geht je verloren. Es braucht nicht gesucht zu werden, weil es schon da ist. Alles, was ist, kommt aus der Ewigkeit in die Endlichkeit und strebt wieder der Ewigkeit entgegen. Wenn der Mensch das Göttliche verehren will, dann sollte er bei sich selbst beginnen, denn dort findet er es am ehesten, weil er ein Teil der göttlichen Schöpfung ist.

Immer wieder hat die Menschheit Weise hervorgebracht, die von der absoluten Wahrheit kündeten. Ein Buddha, ein Jesus, ein Laotse wiesen, jeder auf seine Art, auf das Absolute, auf die Ganzheit in der gesamten Schöpfung hin. Jesus verlangte, dass wir den Tempel des Göttlichen in uns selbst errichten müssten, um die Ganzheit zu verehren. Wie die Kinder, noch ohne unseren Verstand, müssten wir werden, um das Himmelreich in uns zu finden. Aber wer von uns Menschen hört schon auf die Weisesten unter uns?


Freitag, 10. Juli 2026

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

In der  biblischen Schöpfungsgeschichte isst der Mensch von den verbotenen Früchten und wird aus dem Paradies vertrieben.  Andere Religionen haben ähnliche mythologische Erzählungen. Es ist die Geschichte vom Erwachen des menschlichen Verstandes, das Erkennen von Gut und Böse, vom Verlust des Paradieses, in dem es kein Gut und Böse gab, das Paradies in dem der Mensch vor dem Erwachen des Verstandes lebte.

Mit dem Erwachen des Verstandes haben wir das Paradies verloren und als Ersatz die Welt erhalten. Gut und Böse sind nun unsere Begleiter. Nur die Tiere und Pflanzen sind im Paradies geblieben, für sie gibt es kein Gut und Böse. Aber in uns Menschen gibt es noch eine Erinnerung an das Paradies, eine Sehnsucht zurückzufinden in diesen Zustand der Glückseligkeit, in den Garten Eden, in dem wir nicht für unser Überleben kämpfen mussten.

Diese Sehnsucht findet in den Religionen Ausdruck, die sich die Menschheit gegeben hat. Allen Religionen liegt der gleiche Gedanke zu Grunde, den Weg zurückzufinden in den ursprünglichen paradiesischen Zustand, in das ewige Leben, in  dem es kein Gut und Böse gibt, keinen Kampf um das Überleben. Der Verstand und die Wissenschaften haben aber auch die Religionen erfasst.  Wie Staaten geben sie Gesetzesbücher und Regeln heraus. Sie beschäftigen sich mit Worten und Auslegungen, stellen wie die Philosophen Hypothesen auf  und haben ihre ursprüngliche Aufgabe in den Hintergrund treten lassen, sich um die Seele des Menschen zu kümmern, um das Göttliche, das sich in jedem Menschen offenbart.

Der menschliche Verstand hat auch den Religionen zugesetzt. Philosophie und menschliches Regelwerk durchziehen die religiösen Schriften. Es wird analysiert und in die kleinsten Details vorgedrungen. Wie in Königreichen wird regiert, prachtvolle Gewänder und Ränge zieren die Priester  und Verantwortlichen. Selbst den Beamtenstatus erhalten Geistliche, die doch allein für den Geist und die Seele zuständig sein sollten. Der Armenpriester, der so lebt, wie die Ärmsten unter uns, ist eher die Ausnahme, denn die Regel.

All diese Verirrungen des Menschlichen Verstandes können dem, was den Menschen und die ganze  Schöpfung ausmacht, nichts anhaben. Selbst alle Verirrungen sind vom Schöpfergeist durchdrungen  und Teil der Evolution der Schöpfung.  Alles befindet sich im Fluss des Lebens, jeder Moment ist anders als der vorhergehende.  Nichts stirbt, es verändert nur seine Gestalt. Aus Geist formt sich Energie, aus Energie Materie, Sterne entstehen und  werden wieder Energie, Energie wieder zu Geist. Der Mensch nur ein kleines Teilchen im Gesamten, wie ein Stern aus Geist zu Energie und Materie geworden und in den Geist zurückkehrend, seine eigentliche Heimat, in das Paradies von dem die Schriften künden.

Wir brauchen nicht als Menschen das verlorene Paradies zu suchen. Wir haben das Paradies nie verlassen. Wir sind Teil des ewigen Schöpfungsprozesses, durchdrungen vom Schöpfergeist, den wir in uns leben können, wenn wir den menschlichen Verstand zum Schweigen bringen. Wir müssen uns nur erinnern, wer wir wirklich sind.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Wissen und Erfahren

Wir sind heute eine Wissensgesellschaft. Der menschliche Verstand hat im Laufe der Jahrtausende eine unfassbare Menge an Wissen hervorgebracht. Nur noch Teile dieses Wissens können im menschlichen Verstand gespeichert werden. Was in Jahrhunderten an Wissen erworben wurde, ist in Bibliotheken und heute in Datenzentren abgespeichert und steht auf Knopfdruck zur Verfügung. Auch dem Menschen selbst steht mit seinem Gehirn ein Denkapparat zur Verfügung, der in Schulen und Universitäten geformt wird. Mit der künstlichen Intelligenz scheint das menschliche Denken ganz neue Höhen erreicht zu haben.

Ein ganz anderer Bereich der menschlichen Existenz scheint vor lauter Denken in den Hintergrund geraten zu sein: der Bereich der persönlichen Erfahrung und Erkenntnis. Wenn wir Informationen über Liebe, menschliche Emotionen, die Seele oder Gott suchen, können wir ganze Bibliotheken und das gesamte Wissen der Welt abrufen, ohne diesen Bereichen näherzukommen, weil wir Liebe oder Gott vielleicht nicht selbst erfahren haben. Wir können alles über die Liebe wissen, aber wer nie geliebt hat, weiss nicht, was Liebe bedeutet. Religionsgelehrte und Priester haben vielleicht alles über Gott gelesen, aber Gott nie selbst erfahren. In ihren Gebeten und Ritualen glauben sie, Gott nahe zu sein, und glauben an das, was ihnen beigebracht wurde; aber die eigene Gotteserfahrung fehlt vielleicht noch. Religionen können Gott nicht ersetzen, sie sind allenfalls ein Wegweiser. Dichter und Denker haben vielleicht alles über die Liebe geschrieben, aber vielleicht die Liebe nie gespürt.  Für sie gilt die alte Weisheit: «Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond».

Ist es eine Gnade, Gott oder die Liebe zu erfahren, oder ist es eine Fähigkeit, die erlernt werden kann? Es ist uns   mit unserer Geburt gegeben, die Tiefe des Lebens zu erkennen, aber die Wissensgesellschaft hat uns diese Fähigkeit oft vergessen lassen. Der Glaube an die Naturwissenschaften hat unsere tieferen Fähigkeiten zur  Erkenntnis überlagert. Alles spielt sich in unserem Verstand ab. - Es ist das Herz, das unsere tiefen Wahrnehmungen empfindet. Die Liebe zum Leben, zu anderen Menschen, zur Schöpfung und zu Gott hat ihren Sitz im Herzen. Das Leben erfahren wir in unserem Herzen, das voller Erwartungen pocht, wenn wir unsere Liebsten sehen, wenn es sich mit dem Leben unserer Mitmenschen verbindet und bis zum letzten Atemzug unser treuester Begleiter bleibt. Der Mediziner misst das Leben an den Gehirnströmen, der fühlende Mensch aber empfindet das Leben in seinem Herzen. Selbst wenn das Herz aufhört zu schlagen, sind die Liebe und die Seele des Menschen noch weit über seinen Tod hinaus zu spüren.

Dienstag, 23. Juni 2026

Geburt und Tod

«Es ist eine Sache von Leben und Tod», sagen wir, wenn etwas Bedrohliches in unserem Leben geschieht. Über unser Leben machen wir uns aber weniger Gedanken; wichtiger scheint uns die Drohung des Todes zu sein, eine Gefahr, die unser Leben beenden könnte.

Unser menschlicher Verstand befasst sich kaum mit dem Leben. Es wird eher als ein zeitlicher oder historischer Vorgang verstanden und als etwas Selbstverständliches hingenommen. Umso mehr Gedanken machen wir uns zum Tod. Das ganze Wissen der Menschheit wird aufgewendet, um den uns ständig bedrohenden Tod abzuwenden oder ihn so lange wie möglich hinauszuschieben. Die moderne Wissenschaft ist sich weitgehend einig, wann der Tod eingetreten ist. Aber einen Weg, den Tod abzuwenden, haben die klügsten Köpfe noch nie gefunden.

Ein wesentlicher Irrtum besteht allein darin, Leben und Tod auf eine Stufe zu stellen. Richtiger wäre es, Geburt und Tod, Beginn und Ende, auf eine Stufe zu stellen. Bereits mit unserer Geburt tritt der Tod in unser Leben. Unsere ganze Existenz ist vom Tod begleitet: nicht nur der Tod durch Krankheit oder Unfall. Unser ganzer Körper stirbt von unserer Geburt an. Tausende von Zellen sterben täglich und werden durch neue Zellen ersetzt, aber das, was wir als unser Leben empfinden, wird vom Zelltod nicht berührt. Tod und Erneuerung sind Bestandteil unseres Lebens.

Wir müssten eher über Licht und Dunkelheit nachdenken, wenn wir unser Leben einordnen wollen. Krankheit und Tod stehen für die Dunkelheit. Wenn das Licht in die Dunkelheit eintritt, dann weicht die Dunkelheit, und das Licht ist das Einzige, was bleibt. Dunkelheit kann das Licht nicht berühren. Mit dem Leben verhält es sich wie mit dem Licht. Leben ist die Kraft, die im Mutterleib in das neu entstehende Wesen eintritt. Leben unterliegt nicht den Naturgesetzen; es ist die Schöpfungskraft, die den ganzen Kosmos bewegt. Leben kennt keinen Beginn und kein Ende, keine Geburt und keinen Tod. Nur der Mensch begreift sein Leben als zeitlich begrenzt Gedanken des Todes gibt es sonst in der Natur nicht. Kein Tier und keine Pflanze ist sich des Todes bewusst. Für alle anderen Lebewesen ist der Vorgang des Vergehens und des Neuentstehens ein natürlicher, ewiger Vorgang. Nur der Mensch glaubt an den Tod und will nicht erkennen, dass auch er den Gesetzen der Natur unterliegt, den Gesetzen des ewigen Entstehens und Vergehens.

Der Grund für diesen Irrtum sind die Grenzen des menschlichen Verstandes, der, wie der Körper, bereits mit seiner Geburt die Gedanken des Todes in sich trägt und nicht in der Lage ist, die Beschränkungen seines eigenen Denkens zu erkennen. Für den Verstand ist der Tod das Ende des Lebens. Die Religionen versuchen, dieses Problem des Menschen zu lösen. Sie versprechen dem Menschen ein Weiterleben im Paradies. Menschliche Begriffe wie der Vater im Himmel oder ein Leben im Himmel werden als Versprechen für ein Leben nach dem Tod geschaffen. In manchen Religionen wird Seelenwanderung beschrieben. Vielleicht kommt dieser Gedanke der eigentlichen Wahrheit näher. Leben ist etwas Unvergängliches; selbst wenn unsere Welt nicht mehr ist, bleibt das Leben. Könnte es da nicht auch Seelenwanderung geben?

In der Natur beobachten wir Entstehen und Vergehen, aber auch Wiederkehr. Wir wissen auch, dass sich im energetischen und stofflichen Bereich alles ändert, aber nichts verloren geht. Wie sollte das Leben, das die gesamte Schöpfung erfüllt, vom Tod bedroht sein? Wir wissen nicht, in welcher Form das uns erfüllende Leben erhalten bleibt; in unserem tiefsten Inneren besteht aber eine Gewissheit, dass unser Leben nicht mit unserem physischen Tod endet.

Samstag, 20. Juni 2026

Ideale und Egos

Kürzlich besuchten wir den alten Friedhof in Dahlem. Die Grabsteine enthielten neben den Namen der Verstorbenen auch immer deren Beruf und Titel. Merkwürdig, dass im Moment des Todes Beruf und Titel noch irgendeine Bedeutung haben sollten. Im Moment des Todes fallen doch spätestens alle Namen und Titel von uns ab, das Ego erlischt, der Tod macht uns Menschen alle gleich.

Unsere ganze Erziehung ist darauf angelegt, uns in den Wettstreit mit anderen zu begeben. Wir sollen die Besten in der Schule, im Beruf und im Sport werden. Noten, Titel und Erfolg im Leben und Beruf sind der Anreiz, um uns über andere zu erheben. So werden Egos durch falsche Erziehung gezüchtet: Wir sollen unsere Mitmenschen besiegen, hinter uns lassen, besser als die anderen sein. So entstehen ganze Generationen von kleinen und grösseren Egos, die nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander leben.

An den Universitäten wird nicht das Universum gelehrt, nicht die Gesamtheit, nicht das Leben. Es wird die Wissenschaft gelehrt, die Zerlegung der Schöpfung in ihre kleinsten Elemente. Es wird uns erschwert, die Ganzheit in allem zu sehen, wenn wir uns mit den kleinsten Teilchen beschäftigen. Wenn wir endlich bei den Quanten und anderen Teilchen angelangt sind, haben wir die Ganzheit aus dem Auge verloren und wundern uns, dass Teilchen am anderen Ende der Welt die gleichen Reaktionen zeigen wie in unserer Forschungsstätte.

Besonders auffällig ist das Ego, wenn sich Menschen mit fremden Lorbeeren schmücken, hinter denen nicht einmal eigene Leistung steht: wenn sich Mitglieder von berühmten oder adeligen Familien als etwas Besonderes dünken oder die Fans von Fussballclubs sich mit ihren Helden identifizieren und glauben, dadurch etwas Besonderes zu sein. Statt eigener Leistung wird fremde Leistung genommen, um das eigene Ego zu stärken. Fernsehen und Medien haben dazu beigetragen, diese falschen Identitäten zu verstärken und falsche Egos zu züchten.

Die echten Ideale müssen schon in der Kindheit an uns herangetragen werden, um der Entstehung eines falschen Egos entgegenzuwirken. Wir müssen unseren Kindern ein bescheidenes, unseren Fähigkeiten entsprechendes Leben vorleben. Wir selbst müssen das Ideal für unsere Kinder sein. Unser Anspruch muss sich an uns selbst ausrichten, an unserer eigenen Begabung, an unseren eigenen Fähigkeiten. Selbstbewusst zu werden heisst, sich seiner eigenen Fähigkeiten bewusst zu sein. Diese zu entwickeln und die Talente zu nutzen, die uns mitgegeben wurden, ist der Sinn unseres Lebens. Vorbilder dürfen wir haben, um diesen nachzueifern. Selbst zu handeln und uns zu dem Menschen mit den Talenten zu entwickeln, die uns mit auf unseren Weg gegeben wurden, muss unser Lebensideal sein.

Der eine Mensch hat mehr, der andere Mensch weniger Talente von der Natur mitbekommen. Und so, wie wir geschaffen sind, bleiben wir Teil des Universums, Teil der Gesamtheit, ein jeder an seinem Platz. Da ist kein Raum für die Entstehung falscher Egos; wir nutzen die kurze Zeit unseres Lebens im in dieser Welt, um zu dem zu werden, der wir sind, schon wenn wir die Welt betreten. Und wenn wir diese Welt verlassen, dann wäre es schön, wenn wir satt von den Früchten des Lebens, den Weg freimachen, für das Leben das nach uns kommt. Namen, Titel und falsche Egos fallen von uns ab, und wir werden wieder Teil der Ganzheit, der wir immer waren.

 

 

Freitag, 12. Juni 2026

Die Geheimnisse der Seele

Würde man die Menschen nach der Existenz einer Seele fragen, so würde wohl ein grosser Teil von ihnen zustimmend antworten. Gerade darin liegt etwas Erstaunliches: Wir bejahen etwas, dessen Wesen sich unserem sicheren Wissen entzieht. Niemand vermag genau zu sagen, was die Seele ist, und doch sprechen wir von ihr, als wäre sie uns vertraut. Wir erzählen von Seelenwanderung, sehen auf kirchlichen Bildern die Seelen der Verstorbenen im Fegefeuer büssen oder als Engel im Paradies erscheinen. Seit der Mensch über sich selbst nachdenkt, begleitet ihn dieses Geheimnis: die Frage nach der Seele.

Die moderne Wissenschaft hat den Menschen bis in seine kleinsten Bestandteile zerlegt. Sie ist auf Energieteilchen gestossen, die unvergänglich scheinen und dennoch vom menschlichen Verstand beschrieben werden können. So nähert sich der Mensch den Grenzen seines Denkens und richtet zugleich den Blick ins Unendliche. Die Analyse führt ihn an die Geheimnisse der Schöpfung heran; zugleich aber zeigt sie ihm, dass nicht jedes Geheimnis durch Zerlegung entschlüsselt werden kann. Ein Sprachwissenschaftler mag ein Gedicht bis in Rhythmus, Klang und Struktur untersuchen — und doch erklärt ihm diese Analyse nicht vollständig, warum ihn ein Vers im Innersten berührt. Ein Atomphysiker mag die Materie erklären können; verliebt er sich aber, so spricht plötzlich eine andere Wirklichkeit in ihm, jenseits des reinen Verstandes. Beide erfahren, dass der Mensch die Welt nicht nur zerlegen, sondern auch wieder zusammensetzen muss. Erst in der Synthese wird aus Erkenntnis wieder Leben.

Die Religionen sind von jeher einen anderen Weg gegangen: nicht den der Zergliederung, sondern den der Zusammenschau. Sie haben menschliche Erfahrungen, Ahnungen und Hoffnungen zu Bildern verdichtet, die über das bloss Sichtbare hinausweisen. Was sie Offenbarung nennen, ist der Versuch, einen göttlichen Geist in der gesamten Schöpfung zu erkennen. Auch die alten Naturreligionen sahen den Schöpfergeist nicht ausserhalb der Welt, sondern in ihr: in Bäumen und Tieren, in Wind und Wasser, im Menschen selbst. In den Religionen dieser Erde erscheint die Seele daher nicht als isolierter Besitz des Einzelnen, sondern als Ausdruck eines umfassenderen Lebenszusammenhangs, der Mensch, Natur und Kosmos miteinander verbindet.

Am Ende scheint der Mensch immer vor einer Form des Glaubens zu stehen. Er kann an die Wissenschaft glauben, obwohl er weiss, dass ihre Wahrheiten in der Geschichte immer wieder ergänzt, korrigiert oder verworfen wurden. Er kann Philosophien und Weisheitslehren vertrauen, obwohl auch sie von neuen Deutungen abgelöst werden. Oder er kann an eine höhere, göttliche Intelligenz glauben, die allem innewohnt und in der Seele erfahrbar wird — nicht als beweisbarer Gegenstand des Verstandes, sondern als Ahnung, als innere Gewissheit, als leise Gegenwart.

Die Irrtümer des menschlichen Wissens im Lauf der Geschichte mahnen zur Vorsicht, den Verstand zum Mass aller Dinge zu erheben. So gross seine Kraft ist, so wenig vermag er alles zu umfassen, was den Menschen ausmacht. Wenn der Verstand dem Menschen gegeben ist, dann vielleicht ebenso der Glaube; und wenn der Mensch nach der Seele fragt, dann nicht nur aus Neugier, sondern weil er in sich selbst etwas spürt, das über das Berechenbare hinausweist. Glaube entspringt nicht allein dem Denken. Er kommt aus einem tieferen Bereich in uns, aus Herz und Seele. Vielleicht könnten wir gar nicht an die Seele glauben, wenn wir sie nicht auf irgendeine Weise bereits als Teil unseres eigenen Seins erfahren würden.