Sonntag, 23. August 2026

Im Fluss des Lebens

Wenn ich mein Leben betrachte, am Ende eines langen Weges, dann sehe ich voller Dankbarkeit auf ein erfülltes Leben zurück. Das Leben hat mir immer geschenkt, was nötig war, um zu überleben, und viel mehr, als ich je erwarten konnte. Ich habe nicht nur das Licht der Welt erblickt, sondern auch das Licht der Ewigkeit auf meinem Weg sehen dürfen. Was hätte ich mir jemals mehr wünschen können?

Geboren wurde ich in eine Welt des Krieges. Um mich herum waren Tod und Zerstörung. Wir wurden vertrieben und wir Kinder von unseren Eltern getrennt. Mehrmals stand mein Leben auf des Messers Schneide. Aber ein gütiges Schicksal hat mir immer wieder die Hand gereicht. Selbst als ich am Ende eines Tunnels das Licht der Ewigkeit bereits sehen konnte, hat mein Schicksal mich ins Leben zurückgeholt und mir zu verstehen gegeben, dass mein Leben noch vor mir liege.

Und so habe ich mich dem Fluss des Lebens anvertraut, bin mit ihm geschwommen und nicht gegen ihn. Ich habe das Leben angenommen, so wie es auf mich zukam: voller Freude, voller Zuversicht, voller Vertrauen. Verluste und Rückschläge habe ich wie jeder Mensch erlebt; sie gehören zum Leben, sie gehören zum Reichtum des Lebens. Wer sie nicht annimmt, tut sich keinen Gefallen, denn gerade in Rückschlägen sammeln wir die Kräfte, die wir brauchen, um das Leben ganz zu erfahren.

Wundervolle Menschen sind in mein Leben getreten: meine Familie, meine Kinder und Enkelkinder, aber auch Menschen, die mich ein Stück meines Lebens begleitet und mich die Dinge gelehrt haben, die ich für das Leben brauchte. Was hätte ich mir mehr wünschen können? Nie habe ich wirklich Enttäuschungen erlebt, denn was gibt es Wertvolleres, als zu merken, dass wir einer Täuschung aufgesessen sind und die Enttäuschung uns wieder den Schritt in die richtige Richtung tun lässt. Immer wieder ist das Leben auch in der Form dunkler Energie an mich herangetreten und hat mir die Reichtümer der Welt versprochen. Ich bin den Versuchungen nie erlegen und bin unbeirrt den Weg gegangen, von dem ich meinte, dass das Schicksal ihn mir vorzeichnete.

Jetzt, am Ende meines Lebens, fühle ich noch immer das gleiche Leben in mir wie am Anfang. Das Leben spricht mit mir und sagt mir, auch in meinen Träumen, dass das Ende auch der Anfang ist und die Tür, die hinausführt, zugleich die Tür ist, die in etwas anderes hineinführt. Der Fluss meines Lebens hat mich fast bis ans Meer der Ewigkeit geführt, und überall habe ich den reichen Segen gespürt, der über meinem Leben lag.

Heute weiss ich, dass ich am Ende meiner Reise das gleiche Licht erblicken werde, das ich schon in meiner Kindheit erleben durfte. So gehe ich mit tiefer Zuversicht das letzte Stück meines Weges. Jeder Tag in meinem Alter ist ein Geschenk des Lebens an mich. Noch immer bin ich ein Teil dieser Welt, aber mit einem Fuss schon in der Tür, die sich vor mir zur Ewigkeit öffnet.

 

Sonntag, 16. August 2026

Archaische Rituale

Pride-Paraden erinnern an archaische Rituale des Gruppentanzes. Die Menschen tätowieren sich wieder wie in Frühkulturen auf fast allen Kontinenten. Sie tanzen verzückt zu einem gleichbleibenden Rhythmus, Stunde um Stunde. Fast eine Million Menschen kommen zusammen, um freiwillig an dem Ereignis teilzunehmen. Das Ereignis scheint ihnen Kraft und Lebensfreude zu geben. In Brasilien finden ähnliche Umzüge zum Karneval statt; tagelang ziehen die Gruppen tanzend durch die Stadt, zu den Rhythmen der Trommeln. Die Ursprünge liegen dort im afrikanischen Erbe, das mit den Sklaven nach Brasilien kam. Selbst die Kirchen konnten sich diesen Umzügen nach Ende der Fastenzeit nicht widersetzen, obwohl die Lebenslust der Menschen ihren Vorstellungen nicht ensprachen.

Der Rhythmus der Trommeln entspricht unserem Herzschlag. Wir synchronisieren uns mit dem Beat; verzückt tanzt die Jugend auf den Festivals im gleichen Takt und befindet sich wie ihre Urahnen in einem gemeinsamen Rausch. Der gleiche Rausch scheint bei politischen Massenveranstaltungen zu herrschen, in Bierzelten und Stadien. Es scheint ein klanglicher Gesamtkörper zu entstehen, dem sich niemand entziehen kann. Wir Kriegskinder denken an die Nazizeit, als die Menschenmenge in ein jubelndes Ja ausbrach, als sie nach dem totalen Krieg gefragt wurde. Es scheint nicht nur im positiven Sinne einen Massenrausch zu geben, sondern auch im negativen Sinne, wie beim Rattenfänger von Hameln, dem die Kinder blind ins Verderben folgten, oder wie beim Wunsch der Menschen nach dem totalen Krieg, der zu ihrer eigenen Vernichtung führte.

Wahrscheinlich ist es der Pulsschlag des Lebens, den wir in uns spüren und den wir auf diesen Massenveranstaltungen suchen. Wir fühlen uns dem Leben näher, wenn wir die gleiche Energie in uns verspüren wie Hunderte anderer Menschen, wenn sich dieses gemeinsame Gefühl zu einer gewaltigen Gesamtenergie verbindet und uns alle erfasst. Unser Verstand sagt uns zwar, es handele sich um einen Wahn, weil er dieses Gefühl nicht einordnen kann. Das Leben zu fühlen, gehört nicht zu den Bereichen, die für den Verstand zugänglich sind, genauso wenig, wie der Verstand erfassen kann, was Leben ist. Aber gerade weil niemand erklären kann, was der Rausch des Lebens ist, faszinieren den Menschen Ereignisse, in denen eine Gesamtenergie entsteht, die sich dem menschlichen Denken und Wissen entzieht, die er aber deutlich in sich spürt.

Samstag, 8. August 2026

Absicht und Ergebnis

Eines der merkwürdigsten Phänomene unseres Menschseins  sind unsere guten Absichten.  Voller Begeisterung  bekommen wir unsere Kinder, tun unser Bestes, um sie zu gesunden und aufrechten Menschen zu machen, wir handeln mit den besten Absichten.  Und  dann geschieht das Unfassbare, ein  Kind  entwickelt sich zu einem Verbrecher und schadet nicht nur sich, sondern bringt Unheil über seine gesamte Umgebung. Alle unsere guten Absichten sind ins Leere gegangen, sie scheinen nicht ausreichend zu sein, um sein Schicksal zu beeinflussen.

Manchmal erinnert uns das Schicksal des Menschen  an die Wolken am Himmel.  Wir wissen nicht, ob die Wolken uns Segen und Leben bringen,  den Regen den die Welt so dringend braucht,  oder Sturm  und Vernichtung, Blitz und Hagel, der die Welt um uns untergehen lässt. Keine Wettervorhersage ist geeignet, um uns vor dem Schaden zu bewahren, wenn es den Wolken anders gefällt. So wie die Wolken nicht geeignet sind uns zu sagen, was sie uns bringen werden, so sind auch alle unsere guten Absichten wie die Wolken, wir wissen nicht, was aus ihnen wird und welches Ergebnis sie am Ende bringen.

In den alten Kulturen lag das Schicksal in den Händen  von Schicksalsgottheiten, bei den Griechen die Moiren,  bei den Germanen die Nornen, weibliche Gottheiten, weil die Entstehung von Leben  und Schicksal mit der weiblichen Seite des Menschseins verbunden wurde. Der Mensch war sich schon immer bewusst, dass sein Schicksal nicht nur in seinen Händen liegt. In den Sagen und Dichtungen wird die Macht des Schicksals geschildert, die Hybris des Menschen, der glaubt, sein eigenes Schicksal zu bestimmen und die Demut, wenn wir vor unserem eigenen Schicksal stehen, gleich was immer es uns gebracht hat.

Wenn ich mein eigenes Schicksal am Ende eines reichen und erfüllten Lebens betrachte, dann habe ich nur überlebt, weil immer eine schützende Hand über mir lag. Gegen alle Wahrscheinlichkeit habe ich Bombenangriffe und tödliche Krankheiten überlebt.    Eine Kraft, die hoher ist als all unserer menschliche Wille und Verstand war immer an meiner Seite, in mir und über mir. Meine kühnsten Absichten für mein Leben sind in Erfüllung gegangen, was hätte ich mir mehr jemals erträumen können. Ich danke meinem Schicksal, und dem Geist der mich und alles um mich belebt, für das Wunder des Lebens, das ich erfahren durfte.

Samstag, 1. August 2026

Die Unruhe des Menschen

Der Mensch wird mit einem Verstand geboren, der es ihm ermöglicht, tief in die Geheimnisse von Wissenschaft und Philosophie einzudringen. Je tiefer wir aber in die Geheimnisse der Schöpfung eindringen, desto stärker wird unsere innere Unruhe. Wir ahnen ein Potenzial in uns, das wir noch nicht voll leben, weil wir es nicht begreifen können. Diese Unruhe entspringt nicht allein dem Denken, sondern der Spannung zwischen dem, was der Mensch mit seinem Verstand erfassen kann, und dem, was sich seiner begrifflichen Kontrolle entzieht.

Natur und Schöpfung kennen diese Unruhe nicht. Sie ruhen in ihrer Existenz und erscheinen darin vollkommen. Ihnen fehlt der Unruhestifter, der menschliche Verstand. Sie nehmen ihr Dasein so an, wie es ist: Ein Baum und ein Tier fragen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie leben jenes Potenzial, das ihnen bereits in ihrem Ursprung mitgegeben wurde.

Der Mensch glaubt, es sei der Verstand, dessen Potenzial er ausschöpfen müsse, um sein Leben zu erfüllen. Die einen verbringen ihr Leben im Streben nach Mehr; die anderen versuchen, die Grenzen ihres Verstandes auszuloten, und es ergreift sie ein Zittern, wenn sie diese Grenzen nicht überschreiten können. In ihm lebt ein Träumen, ein Wünschen, eine Fantasie dessen, was alles geschehen könnte und doch nie geschieht. So verbringt er sein Leben, ohne seine eigentlichen Potenziale zu erkennen. Er taumelt durch das Leben, schenkt den falschen Versprechungen seines Verstandes Glauben und bleibt unruhig, weil er ahnt, dass ihm etwas Wesentliches entgeht.

Der Verstand begreift nicht, dass dem Menschen noch eine weitere Eigenschaft mitgegeben wurde: der Schöpfergeist, das Leben, die wesentlichste Gabe der Schöpfung an den Menschen. Diese Gabe richtet sich nicht nach außen auf die Welt, sondern nach innen auf die Seele. So wie die Welt mit all ihren Erscheinungen dem Gesetz der Evolution folgt, so ist auch der Mensch diesem Gesetz unterworfen: Er soll die Evolution seiner Seele entfalten und sich seiner selbst bewusst werden. Der Weg des Menschen führt daher nach innen, nicht nach außen.

Der Weg nach außen hat zur Entwurzelung des Menschen geführt; er hat den Boden unter den Füßen verloren. Bei seiner Geburt befindet er sich noch ganz in der Einheit mit dem Schöpfergeist. Doch der Verstand und die Welt führen ihn fort von seinem eigentlichen Sein. So breiten sich Verlorenheit und Verlassenheit in ihm aus, und er findet nicht in jene Einheit zurück, aus der er kam. Sein Verstand ist ein schlechter Berater, wenn er in ihm einen Helfer sucht; denn der Verstand kann ihm nicht den Weg zu seinem eigentlichen Ursprung weisen.

Ein Teil der Menschheit begreift jedoch, dass der Weg nicht nur nach außen, sondern auch nach innen führen muss, wenn wir unserem Schicksal gerecht werden wollen. Es ist der Weg der Meditation, der Kontemplation und des Gebets: der Weg der Rückbesinnung auf unser eigentliches Sein, auf den göttlichen Geist in uns, unseren inneren Wegweiser durch das Leben. Alle Unruhe und alles falsche Wünschen fallen von uns ab, wenn wir uns unseres Selbst bewusst werden. Dann sehen wir nicht mehr nur die Wolken am Himmel, sondern den Himmel hinter den Wolken.


Sonntag, 26. Juli 2026

Das Leben leben

Wenn das Leben in Statistiken dargestellt wird, begegnen wir Linien, Kurven und grafischen Diagrammen, die mit der Geburt beginnen und mit dem Tod enden. Doch wo gibt es in der Natur oder im Menschen schon gerade Linien? Auch geometrische Körper, die sich berechnen lassen, eignen sich nur begrenzt, um die Natur darzustellen. Alles in ihr ist einzigartig und lässt sich mit menschlicher Technik kaum systematisieren. Das Leben entzieht sich dem rein menschlichen Denken; auch künstliche Intelligenz wird daran nichts ändern.

Die Mehrheit der Menschheit glaubt, das Leben beginne mit unserer Geburt und ende mit unserem Tod. Nur eine kurze Zeit stehe uns für unser Leben zur Verfügung. So streben Menschen in die Welt hinaus, gründen Familien, erringen Ämter und Würden, schmücken sich mit materiellem Erfolg und finden sich am Ende ihres Lebens damit ab, dass alles, was sie je erreicht haben, von ihnen abfällt und ihnen nichts davon verbleibt.

Die Weisen aber wissen, dass Leben mehr ist als Geburt und Tod, mehr als alle Güter dieser Welt, und dass Zeit für das Leben keine entscheidende Bedeutung hat. Leben bewegt sich in Dimensionen, die nur erahnt werden können. Es war schon da, vor der Entstehung der Welt und des Menschen, und es wird noch da sein, wenn es die menschliche Existenz nicht mehr gibt. Das gilt für die ganze Natur, nicht nur für den Menschen. Alles existiert, weil es Leben gibt, weil es sich in einem ewigen Kreislauf erneuert und keinen endgültigen Tod kennt. Nichts ist und bleibt so, wie es dem menschlichen Auge sichtbar erscheint; alles entwickelt sich fort, verändert seine Strukturen und verwandelt sich. Selbst Planeten werden geboren und sterben, kehren in ihren ursprünglichen Zustand zurück und werden neu geboren.

Die ganze Natur ist sich dieses ewigen Werdens und Vergehens nicht bewusst. Nur dem Menschen ist die Fähigkeit gegeben, das Leben zu ahnen. Leben ist ewige Wandlung: Es lässt nichts unverändert, sondern befindet sich in einem fortwährenden Schöpfungsprozess. Der Mensch nennt diese Kraft das Leben, die Totalität, die Gesamtheit, die Gottheit. Wer sich dieser Kraft bewusst wird, ändert sein Leben. Er beginnt, das Leben in allem zu sehen, es auch in sich zu spüren und sich als Teil der Schöpfungskraft zu fühlen. Wenn der Mensch erwacht, begegnet ihm das Leben nicht nur in der Schöpfung, die ihn umgibt, sondern auch in ihm selbst.

Der sich bewusst werdende Mensch weiss das Geschenk des Verstandes durchaus zu schätzen. Er begreift aber, dass sein Sein nicht vom Verstand bestimmt wird. Er begreift auch, dass er seinen Verstand zum Schweigen bringen muss, wenn er sich seinem eigentlichen Leben nähern will. So lehren uns fast alle Religionen und Weisheitslehren die Meditation. Es ist die Stille in uns, die uns das Leben bewusst werden lässt; es ist das Pochen unseres Herzens, das uns das Leben in unserem Körper fühlen lässt; es ist das Rauschen des Windes in den Bäumen und die Schönheit der Blumen in unserem Garten, die uns den Schöpfergeist fühlen lassen. Wohin unser Blick auch führt, begegnen wir dem Leben. Eine gewaltige Kraft offenbart sich in der Stille als Leben: als Stille in uns und als Stille um uns. Überall ist die Kraft des Lebens und des Göttlichen zu spüren.

Geburt und Tod sind nur kurze Episoden in unserem Leben. Alles, was wir tun oder lassen, wird klein vor den Kräften des Lebens. Wenn wir unser Leben wirklich leben wollen, müssen wir uns ganz dem Leben hingeben, das sich in uns offenbart. Wir müssen den Kräften unserer Natur lauschen, unsere Bestimmung erahnen, mit unserem Schöpfungsgeist in Harmonie leben und das vollbringen, wofür wir bestimmt sind. Wir ahnen die Anwesenheit des Schöpfergeistes in uns und versuchen, jeder auf seine Weise, in der kurzen Lebenszeit, die uns gegeben ist, das zu vollbringen, wofür uns unser Schicksal gesandt hat.


Sonntag, 19. Juli 2026

Der Weg zurück

Wenn wir die Welt betreten, richtet sich unser Blick zunächst nach aussen. Wir staunen über ihre Schönheit und Vollkommenheit und werden ganz Teil dessen, was uns begegnet. In den ersten Jahren bildet sich unser Verstand; wir übernehmen, was uns Kultur, Eltern, Schulen und Universitäten vermitteln. Später beginnen wir, unsere eigene Welt zu errichten: ein Haus, eine Familie, einen eigenen Traum von Welt, so wie auch andere Menschen in ihren je eigenen Traumwelten leben.

Erst später beginnen wir zu ahnen, dass auch die Welt, die uns so selbstverständlich erscheint, vergänglich ist. Manchmal braucht es einen Blick auf frühere Kulturen, um die eigene Gegenwart als etwas Vorübergehendes zu erkennen.

In meiner Jugend interessierte ich mich für Kunstgeschichte. Ich reiste nach Griechenland und Italien, bestaunte die Überreste grosser Kulturen und die technischen Meisterleistungen vergangener Zeiten. Alles war inzwischen zerfallen, und doch hatten auch die Menschen jener Epochen wohl an die Dauer ihrer Welt geglaubt. Damals traten die ersten Zweifel in mein Leben: Ist die Welt, die wir erschaffen, wirklich von Bestand? Sind nicht selbst die kühnsten Bauwerke, wie ihre Errichter, schon im Moment ihres Entstehens dem Verfall bestimmt? Von da an begann ich, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Es dauert seine Zeit, bis wir in der Welt angekommen sind. Ebenso dauert es, bis wir erkennen, dass nicht die Welt und nicht die anderen Menschen allein unseren Weg bestimmen. Wir selbst sind berufen, unsere Welt zu bauen, so wie es alle Menschen vor uns getan haben. So entstehen unzählige Welten, von den kleinsten bis zu den grössten. Nicht nur der Mensch lebt in seiner eigenen Welt; auch Tiere und Pflanzen haben ihre Welten. Keine dieser Welten ist für die Ewigkeit bestimmt. Sie bestehen, solange ihre Schöpfer leben, und sie vergehen, wie ihre Schöpfer vergehen. Selbst ein Bettler auf den Plätzen der Städte lebt in seiner Welt, und auch seine Welt endet, wenn er diese Welt verlässt.

Die Welt, die wir für uns erschaffen, ist eine Welt der Illusion. Mit Begeisterung bauen wir unser Haus, unsere Familie und unsere Ordnung der Dinge, und jene, die nach uns kommen, folgen wiederum ihrem eigenen Bild von Welt. Seit jeher versucht der Mensch, diese Welten besser zu verstehen. Ganze Wissenschaften sind daraus entstanden, ohne dass es der Menschheit gelungen wäre, die Schöpfung auch nur in Ansätzen zu erfassen oder den Schöpfergeist wirklich zu begreifen.

Die Aborigines sprechen von Traumpfaden, wenn sie vom menschlichen Leben sprechen. Darin liegt eine tiefe Weisheit. Gleicht nicht auch unsere jeweilige Welt eher einem Traum oder einer Illusion? Wir glauben, in einer realen Welt zu leben; doch es ist die Welt, die uns unser Verstand erzählt. Es ist die Welt, in der Häuser gebaut werden und Menschen ihrem Beruf nachgehen. Wem ist schon bewusst, dass wir in jedem Moment eine veränderte Welt vor Augen haben, dass alles im Fluss ist und nichts bleibt, wie es ist? Heraklit hat davon gesprochen, dass wir niemals zweimal in denselben Fluss steigen: Der Fluss hat sich schon fortbewegt, ist ein anderer geworden, so wie auch das Leben sich unaufhörlich bewegt und verwandelt.

Das Ende unseres Weges ist auch das Ende unserer Illusionen. Alle Vorstellungen, die wir uns von der Welt, von unserem Selbst, von unserem Namen, unserem Rang und unserer Bedeutung gemacht haben, fallen von uns ab. Nackt und bloss, so wie wir die Welt betreten haben, verlassen wir sie wieder. Alles, was wir geschaffen haben, löst sich von uns, wird vielleicht noch eine kurze Zeit von unseren Nachkommen verwaltet, und bald kündet nur noch unser Name auf einem Grabstein von unserer Existenz.

So wie der Fluss sich am Ende seines Weges in das Meer ergiesst, in der Gesamtheit der Wasser aufgeht, so mündet  auch unser Leben am Ende unseres Weges in der Ewigkeit allen Lebens. So wie die Tropfen zu Wasser werden, in das Meer fliessen und dort wieder zu Wolken und Regen werden, in einem ewigen Kreislauf, so strebt auch das menschliche Leben wieder dem Schöpfergeist entgegen, seiner  eigentlichen Heimat. Alles ist ohne Anfang und ohne Ende; wir sind Schöpfer und Erschaffenes, Teil eines Schöpfungsprozesses, den unser Verstand nicht erfassen kann, einer Evolution von Leben, das sich in unserer Existenz offenbart. In tiefer Ehrfurcht sehen wir uns als Teil der Gesamtheit, wenn wir dorthin zurückkehren, woher wir gekommen sind.


Samstag, 11. Juli 2026

Das Absolute und der Mensch

In fast allen Schriftreligionen besteht das Verbot, sich ein Bildnis oder Gleichnis Gottes zu machen. Dieses Verbot gilt für alle menschlichen Ausdrucksformen des Göttlichen: für Worte, Bilder und Skulpturen. Nicht einmal das Wort Gott sollte es geben.

Wir müssen uns fragen, ob solche Verbote sinnvoll sind. So wie Kinder fast jedes Gebot übertreten, das ihnen Eltern erteilen, so hat die Menschheit zu allen Zeiten alle Verbote übertreten und ihre Gottheiten erschaffen und ihnen Namen gegeben. Ganze Religionen mit ihren Geboten und Verboten sind entstanden, und die Welt ist voll von Bildnissen des Göttlichen. Selbst Mütter und Söhne eines Gottes hat die menschliche Vorstellungskraft geschaffen, und wenn Gebete und Bitten an Gott gerichtet werden, dann oft an seine Vertreter, seinen Sohn oder die göttliche Mutter. Selbst Kriege wurden von Menschen für ihren Gott geführt und Menschen getötet, die ihren Gott mit einem anderen Namen nannten.

Vielleicht sind die Menschen weiser als alle ihre Religionen. Vielleicht weiss der Mensch intuitiv, dass die Ganzheit, das Absolute, das Leben, in allem ist: in der ganzen Schöpfung, in der Natur in all ihren Erscheinungsformen, im gesamten Kosmos, vor allem auch in uns selbst. Wohin wir unseren Blick auch wenden, nach aussen oder nach innen, wir begegnen dem Göttlichen. Wir begegnen dem Göttlichen in uns Menschen, in der Natur, in den Bergen und Wäldern, im Meer, selbst in der Rose in unserem Garten, deren Duft uns verzaubert. Selbst das Böse ist göttlicher Natur; es ist die dunkle Seite des Lichts, es strebt dem Licht entgegen und verwandelt sich wieder in Licht. Wo immer wir die göttliche Schaffenskraft sehen wollen, da werden wir sie finden.

Wir suchen nach dem Göttlichen, obwohl wir Teil des Göttlichen sind. Wir suchen etwas, was wir sind. Wir wären nicht, wenn nicht das Leben in uns wäre, als Teil der Ganzheit, als Teil der Gottheit, die in allem ist. Das Leben äussert sich in der gesamten Schöpfung; nichts, das vom Leben berührt wird, geht je verloren. Es braucht nicht gesucht zu werden, weil es schon da ist. Alles, was ist, kommt aus der Ewigkeit in die Endlichkeit und strebt wieder der Ewigkeit entgegen. Wenn der Mensch das Göttliche verehren will, dann sollte er bei sich selbst beginnen, denn dort findet er es am ehesten, weil er ein Teil der göttlichen Schöpfung ist.

Immer wieder hat die Menschheit Weise hervorgebracht, die von der absoluten Wahrheit kündeten. Ein Buddha, ein Jesus, ein Laotse wiesen, jeder auf seine Art, auf das Absolute, auf die Ganzheit in der gesamten Schöpfung hin. Jesus verlangte, dass wir den Tempel des Göttlichen in uns selbst errichten müssten, um die Ganzheit zu verehren. Wie die Kinder, noch ohne unseren Verstand, müssten wir werden, um das Himmelreich in uns zu finden. Aber wer von uns Menschen hört schon auf die Weisesten unter uns?