Samstag, 8. August 2026

Absicht und Ergebnis

Eines der merkwürdigsten Phänomene unseres Menschseins  sind unsere guten Absichten.  Voller Begeisterung  bekommen wir unsere Kinder, tun unser Bestes, um sie zu gesunden und aufrechten Menschen zu machen, wir handeln mit den besten Absichten.  Und  dann geschieht das Unfassbare, ein  Kind  entwickelt sich zu einem Verbrecher und schadet nicht nur sich, sondern bringt Unheil über seine gesamte Umgebung. Alle unsere guten Absichten sind ins Leere gegangen, sie scheinen nicht ausreichend zu sein, um sein Schicksal zu beeinflussen.

Manchmal erinnert uns das Schicksal des Menschen  an die Wolken am Himmel.  Wir wissen nicht, ob die Wolken uns Segen und Leben bringen,  den Regen den die Welt so dringend braucht,  oder Sturm  und Vernichtung, Blitz und Hagel, der die Welt um uns untergehen lässt. Keine Wettervorhersage ist geeignet, um uns vor dem Schaden zu bewahren, wenn es den Wolken anders gefällt. So wie die Wolken nicht geeignet sind uns zu sagen, was sie uns bringen werden, so sind auch alle unsere guten Absichten wie die Wolken, wir wissen nicht, was aus ihnen wird und welches Ergebnis sie am Ende bringen.

In den alten Kulturen lag das Schicksal in den Händen  von Schicksalsgottheiten, bei den Griechen die Moiren,  bei den Germanen die Nornen, weibliche Gottheiten, weil die Entstehung von Leben  und Schicksal mit der weiblichen Seite des Menschseins verbunden wurde. Der Mensch war sich schon immer bewusst, dass sein Schicksal nicht nur in seinen Händen liegt. In den Sagen und Dichtungen wird die Macht des Schicksals geschildert, die Hybris des Menschen, der glaubt, sein eigenes Schicksal zu bestimmen und die Demut, wenn wir vor unserem eigenen Schicksal stehen, gleich was immer es uns gebracht hat.

Wenn ich mein eigenes Schicksal am Ende eines reichen und erfüllten Lebens betrachte, dann habe ich nur überlebt, weil immer eine schützende Hand über mir lag. Gegen alle Wahrscheinlichkeit habe ich Bombenangriffe und tödliche Krankheiten überlebt.    Eine Kraft, die hoher ist als all unserer menschliche Wille und Verstand war immer an meiner Seite, in mir und über mir. Meine kühnsten Absichten für mein Leben sind in Erfüllung gegangen, was hätte ich mir mehr jemals erträumen können. Ich danke meinem Schicksal, und dem Geist der mich und alles um mich belebt, für das Wunder des Lebens, das ich erfahren durfte.

Samstag, 1. August 2026

Die Unruhe des Menschen

Der Mensch wird mit einem Verstand geboren, der es ihm ermöglicht, tief in die Geheimnisse von Wissenschaft und Philosophie einzudringen. Je tiefer wir aber in die Geheimnisse der Schöpfung eindringen, desto stärker wird unsere innere Unruhe. Wir ahnen ein Potenzial in uns, das wir noch nicht voll leben, weil wir es nicht begreifen können. Diese Unruhe entspringt nicht allein dem Denken, sondern der Spannung zwischen dem, was der Mensch mit seinem Verstand erfassen kann, und dem, was sich seiner begrifflichen Kontrolle entzieht.

Natur und Schöpfung kennen diese Unruhe nicht. Sie ruhen in ihrer Existenz und erscheinen darin vollkommen. Ihnen fehlt der Unruhestifter, der menschliche Verstand. Sie nehmen ihr Dasein so an, wie es ist: Ein Baum und ein Tier fragen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie leben jenes Potenzial, das ihnen bereits in ihrem Ursprung mitgegeben wurde.

Der Mensch glaubt, es sei der Verstand, dessen Potenzial er ausschöpfen müsse, um sein Leben zu erfüllen. Die einen verbringen ihr Leben im Streben nach Mehr; die anderen versuchen, die Grenzen ihres Verstandes auszuloten, und es ergreift sie ein Zittern, wenn sie diese Grenzen nicht überschreiten können. In ihm lebt ein Träumen, ein Wünschen, eine Fantasie dessen, was alles geschehen könnte und doch nie geschieht. So verbringt er sein Leben, ohne seine eigentlichen Potenziale zu erkennen. Er taumelt durch das Leben, schenkt den falschen Versprechungen seines Verstandes Glauben und bleibt unruhig, weil er ahnt, dass ihm etwas Wesentliches entgeht.

Der Verstand begreift nicht, dass dem Menschen noch eine weitere Eigenschaft mitgegeben wurde: der Schöpfergeist, das Leben, die wesentlichste Gabe der Schöpfung an den Menschen. Diese Gabe richtet sich nicht nach außen auf die Welt, sondern nach innen auf die Seele. So wie die Welt mit all ihren Erscheinungen dem Gesetz der Evolution folgt, so ist auch der Mensch diesem Gesetz unterworfen: Er soll die Evolution seiner Seele entfalten und sich seiner selbst bewusst werden. Der Weg des Menschen führt daher nach innen, nicht nach außen.

Der Weg nach außen hat zur Entwurzelung des Menschen geführt; er hat den Boden unter den Füßen verloren. Bei seiner Geburt befindet er sich noch ganz in der Einheit mit dem Schöpfergeist. Doch der Verstand und die Welt führen ihn fort von seinem eigentlichen Sein. So breiten sich Verlorenheit und Verlassenheit in ihm aus, und er findet nicht in jene Einheit zurück, aus der er kam. Sein Verstand ist ein schlechter Berater, wenn er in ihm einen Helfer sucht; denn der Verstand kann ihm nicht den Weg zu seinem eigentlichen Ursprung weisen.

Ein Teil der Menschheit begreift jedoch, dass der Weg nicht nur nach außen, sondern auch nach innen führen muss, wenn wir unserem Schicksal gerecht werden wollen. Es ist der Weg der Meditation, der Kontemplation und des Gebets: der Weg der Rückbesinnung auf unser eigentliches Sein, auf den göttlichen Geist in uns, unseren inneren Wegweiser durch das Leben. Alle Unruhe und alles falsche Wünschen fallen von uns ab, wenn wir uns unseres Selbst bewusst werden. Dann sehen wir nicht mehr nur die Wolken am Himmel, sondern den Himmel hinter den Wolken.


Sonntag, 26. Juli 2026

Das Leben leben

Wenn das Leben in Statistiken dargestellt wird, begegnen wir Linien, Kurven und grafischen Diagrammen, die mit der Geburt beginnen und mit dem Tod enden. Doch wo gibt es in der Natur oder im Menschen schon gerade Linien? Auch geometrische Körper, die sich berechnen lassen, eignen sich nur begrenzt, um die Natur darzustellen. Alles in ihr ist einzigartig und lässt sich mit menschlicher Technik kaum systematisieren. Das Leben entzieht sich dem rein menschlichen Denken; auch künstliche Intelligenz wird daran nichts ändern.

Die Mehrheit der Menschheit glaubt, das Leben beginne mit unserer Geburt und ende mit unserem Tod. Nur eine kurze Zeit stehe uns für unser Leben zur Verfügung. So streben Menschen in die Welt hinaus, gründen Familien, erringen Ämter und Würden, schmücken sich mit materiellem Erfolg und finden sich am Ende ihres Lebens damit ab, dass alles, was sie je erreicht haben, von ihnen abfällt und ihnen nichts davon verbleibt.

Die Weisen aber wissen, dass Leben mehr ist als Geburt und Tod, mehr als alle Güter dieser Welt, und dass Zeit für das Leben keine entscheidende Bedeutung hat. Leben bewegt sich in Dimensionen, die nur erahnt werden können. Es war schon da, vor der Entstehung der Welt und des Menschen, und es wird noch da sein, wenn es die menschliche Existenz nicht mehr gibt. Das gilt für die ganze Natur, nicht nur für den Menschen. Alles existiert, weil es Leben gibt, weil es sich in einem ewigen Kreislauf erneuert und keinen endgültigen Tod kennt. Nichts ist und bleibt so, wie es dem menschlichen Auge sichtbar erscheint; alles entwickelt sich fort, verändert seine Strukturen und verwandelt sich. Selbst Planeten werden geboren und sterben, kehren in ihren ursprünglichen Zustand zurück und werden neu geboren.

Die ganze Natur ist sich dieses ewigen Werdens und Vergehens nicht bewusst. Nur dem Menschen ist die Fähigkeit gegeben, das Leben zu ahnen. Leben ist ewige Wandlung: Es lässt nichts unverändert, sondern befindet sich in einem fortwährenden Schöpfungsprozess. Der Mensch nennt diese Kraft das Leben, die Totalität, die Gesamtheit, die Gottheit. Wer sich dieser Kraft bewusst wird, ändert sein Leben. Er beginnt, das Leben in allem zu sehen, es auch in sich zu spüren und sich als Teil der Schöpfungskraft zu fühlen. Wenn der Mensch erwacht, begegnet ihm das Leben nicht nur in der Schöpfung, die ihn umgibt, sondern auch in ihm selbst.

Der sich bewusst werdende Mensch weiss das Geschenk des Verstandes durchaus zu schätzen. Er begreift aber, dass sein Sein nicht vom Verstand bestimmt wird. Er begreift auch, dass er seinen Verstand zum Schweigen bringen muss, wenn er sich seinem eigentlichen Leben nähern will. So lehren uns fast alle Religionen und Weisheitslehren die Meditation. Es ist die Stille in uns, die uns das Leben bewusst werden lässt; es ist das Pochen unseres Herzens, das uns das Leben in unserem Körper fühlen lässt; es ist das Rauschen des Windes in den Bäumen und die Schönheit der Blumen in unserem Garten, die uns den Schöpfergeist fühlen lassen. Wohin unser Blick auch führt, begegnen wir dem Leben. Eine gewaltige Kraft offenbart sich in der Stille als Leben: als Stille in uns und als Stille um uns. Überall ist die Kraft des Lebens und des Göttlichen zu spüren.

Geburt und Tod sind nur kurze Episoden in unserem Leben. Alles, was wir tun oder lassen, wird klein vor den Kräften des Lebens. Wenn wir unser Leben wirklich leben wollen, müssen wir uns ganz dem Leben hingeben, das sich in uns offenbart. Wir müssen den Kräften unserer Natur lauschen, unsere Bestimmung erahnen, mit unserem Schöpfungsgeist in Harmonie leben und das vollbringen, wofür wir bestimmt sind. Wir ahnen die Anwesenheit des Schöpfergeistes in uns und versuchen, jeder auf seine Weise, in der kurzen Lebenszeit, die uns gegeben ist, das zu vollbringen, wofür uns unser Schicksal gesandt hat.


Sonntag, 19. Juli 2026

Der Weg zurück

Wenn wir die Welt betreten, richtet sich unser Blick zunächst nach aussen. Wir staunen über ihre Schönheit und Vollkommenheit und werden ganz Teil dessen, was uns begegnet. In den ersten Jahren bildet sich unser Verstand; wir übernehmen, was uns Kultur, Eltern, Schulen und Universitäten vermitteln. Später beginnen wir, unsere eigene Welt zu errichten: ein Haus, eine Familie, einen eigenen Traum von Welt, so wie auch andere Menschen in ihren je eigenen Traumwelten leben.

Erst später beginnen wir zu ahnen, dass auch die Welt, die uns so selbstverständlich erscheint, vergänglich ist. Manchmal braucht es einen Blick auf frühere Kulturen, um die eigene Gegenwart als etwas Vorübergehendes zu erkennen.

In meiner Jugend interessierte ich mich für Kunstgeschichte. Ich reiste nach Griechenland und Italien, bestaunte die Überreste grosser Kulturen und die technischen Meisterleistungen vergangener Zeiten. Alles war inzwischen zerfallen, und doch hatten auch die Menschen jener Epochen wohl an die Dauer ihrer Welt geglaubt. Damals traten die ersten Zweifel in mein Leben: Ist die Welt, die wir erschaffen, wirklich von Bestand? Sind nicht selbst die kühnsten Bauwerke, wie ihre Errichter, schon im Moment ihres Entstehens dem Verfall bestimmt? Von da an begann ich, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Es dauert seine Zeit, bis wir in der Welt angekommen sind. Ebenso dauert es, bis wir erkennen, dass nicht die Welt und nicht die anderen Menschen allein unseren Weg bestimmen. Wir selbst sind berufen, unsere Welt zu bauen, so wie es alle Menschen vor uns getan haben. So entstehen unzählige Welten, von den kleinsten bis zu den grössten. Nicht nur der Mensch lebt in seiner eigenen Welt; auch Tiere und Pflanzen haben ihre Welten. Keine dieser Welten ist für die Ewigkeit bestimmt. Sie bestehen, solange ihre Schöpfer leben, und sie vergehen, wie ihre Schöpfer vergehen. Selbst ein Bettler auf den Plätzen der Städte lebt in seiner Welt, und auch seine Welt endet, wenn er diese Welt verlässt.

Die Welt, die wir für uns erschaffen, ist eine Welt der Illusion. Mit Begeisterung bauen wir unser Haus, unsere Familie und unsere Ordnung der Dinge, und jene, die nach uns kommen, folgen wiederum ihrem eigenen Bild von Welt. Seit jeher versucht der Mensch, diese Welten besser zu verstehen. Ganze Wissenschaften sind daraus entstanden, ohne dass es der Menschheit gelungen wäre, die Schöpfung auch nur in Ansätzen zu erfassen oder den Schöpfergeist wirklich zu begreifen.

Die Aborigines sprechen von Traumpfaden, wenn sie vom menschlichen Leben sprechen. Darin liegt eine tiefe Weisheit. Gleicht nicht auch unsere jeweilige Welt eher einem Traum oder einer Illusion? Wir glauben, in einer realen Welt zu leben; doch es ist die Welt, die uns unser Verstand erzählt. Es ist die Welt, in der Häuser gebaut werden und Menschen ihrem Beruf nachgehen. Wem ist schon bewusst, dass wir in jedem Moment eine veränderte Welt vor Augen haben, dass alles im Fluss ist und nichts bleibt, wie es ist? Heraklit hat davon gesprochen, dass wir niemals zweimal in denselben Fluss steigen: Der Fluss hat sich schon fortbewegt, ist ein anderer geworden, so wie auch das Leben sich unaufhörlich bewegt und verwandelt.

Das Ende unseres Weges ist auch das Ende unserer Illusionen. Alle Vorstellungen, die wir uns von der Welt, von unserem Selbst, von unserem Namen, unserem Rang und unserer Bedeutung gemacht haben, fallen von uns ab. Nackt und bloss, so wie wir die Welt betreten haben, verlassen wir sie wieder. Alles, was wir geschaffen haben, löst sich von uns, wird vielleicht noch eine kurze Zeit von unseren Nachkommen verwaltet, und bald kündet nur noch unser Name auf einem Grabstein von unserer Existenz.

So wie der Fluss sich am Ende seines Weges in das Meer ergiesst, in der Gesamtheit der Wasser aufgeht, so mündet  auch unser Leben am Ende unseres Weges in der Ewigkeit allen Lebens. So wie die Tropfen zu Wasser werden, in das Meer fliessen und dort wieder zu Wolken und Regen werden, in einem ewigen Kreislauf, so strebt auch das menschliche Leben wieder dem Schöpfergeist entgegen, seiner  eigentlichen Heimat. Alles ist ohne Anfang und ohne Ende; wir sind Schöpfer und Erschaffenes, Teil eines Schöpfungsprozesses, den unser Verstand nicht erfassen kann, einer Evolution von Leben, das sich in unserer Existenz offenbart. In tiefer Ehrfurcht sehen wir uns als Teil der Gesamtheit, wenn wir dorthin zurückkehren, woher wir gekommen sind.


Samstag, 11. Juli 2026

Das Absolute und der Mensch

In fast allen Schriftreligionen besteht das Verbot, sich ein Bildnis oder Gleichnis Gottes zu machen. Dieses Verbot gilt für alle menschlichen Ausdrucksformen des Göttlichen: für Worte, Bilder und Skulpturen. Nicht einmal das Wort Gott sollte es geben.

Wir müssen uns fragen, ob solche Verbote sinnvoll sind. So wie Kinder fast jedes Gebot übertreten, das ihnen Eltern erteilen, so hat die Menschheit zu allen Zeiten alle Verbote übertreten und ihre Gottheiten erschaffen und ihnen Namen gegeben. Ganze Religionen mit ihren Geboten und Verboten sind entstanden, und die Welt ist voll von Bildnissen des Göttlichen. Selbst Mütter und Söhne eines Gottes hat die menschliche Vorstellungskraft geschaffen, und wenn Gebete und Bitten an Gott gerichtet werden, dann oft an seine Vertreter, seinen Sohn oder die göttliche Mutter. Selbst Kriege wurden von Menschen für ihren Gott geführt und Menschen getötet, die ihren Gott mit einem anderen Namen nannten.

Vielleicht sind die Menschen weiser als alle ihre Religionen. Vielleicht weiss der Mensch intuitiv, dass die Ganzheit, das Absolute, das Leben, in allem ist: in der ganzen Schöpfung, in der Natur in all ihren Erscheinungsformen, im gesamten Kosmos, vor allem auch in uns selbst. Wohin wir unseren Blick auch wenden, nach aussen oder nach innen, wir begegnen dem Göttlichen. Wir begegnen dem Göttlichen in uns Menschen, in der Natur, in den Bergen und Wäldern, im Meer, selbst in der Rose in unserem Garten, deren Duft uns verzaubert. Selbst das Böse ist göttlicher Natur; es ist die dunkle Seite des Lichts, es strebt dem Licht entgegen und verwandelt sich wieder in Licht. Wo immer wir die göttliche Schaffenskraft sehen wollen, da werden wir sie finden.

Wir suchen nach dem Göttlichen, obwohl wir Teil des Göttlichen sind. Wir suchen etwas, was wir sind. Wir wären nicht, wenn nicht das Leben in uns wäre, als Teil der Ganzheit, als Teil der Gottheit, die in allem ist. Das Leben äussert sich in der gesamten Schöpfung; nichts, das vom Leben berührt wird, geht je verloren. Es braucht nicht gesucht zu werden, weil es schon da ist. Alles, was ist, kommt aus der Ewigkeit in die Endlichkeit und strebt wieder der Ewigkeit entgegen. Wenn der Mensch das Göttliche verehren will, dann sollte er bei sich selbst beginnen, denn dort findet er es am ehesten, weil er ein Teil der göttlichen Schöpfung ist.

Immer wieder hat die Menschheit Weise hervorgebracht, die von der absoluten Wahrheit kündeten. Ein Buddha, ein Jesus, ein Laotse wiesen, jeder auf seine Art, auf das Absolute, auf die Ganzheit in der gesamten Schöpfung hin. Jesus verlangte, dass wir den Tempel des Göttlichen in uns selbst errichten müssten, um die Ganzheit zu verehren. Wie die Kinder, noch ohne unseren Verstand, müssten wir werden, um das Himmelreich in uns zu finden. Aber wer von uns Menschen hört schon auf die Weisesten unter uns?


Freitag, 10. Juli 2026

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

In der  biblischen Schöpfungsgeschichte isst der Mensch von den verbotenen Früchten und wird aus dem Paradies vertrieben.  Andere Religionen haben ähnliche mythologische Erzählungen. Es ist die Geschichte vom Erwachen des menschlichen Verstandes, das Erkennen von Gut und Böse, vom Verlust des Paradieses, in dem es kein Gut und Böse gab, das Paradies in dem der Mensch vor dem Erwachen des Verstandes lebte.

Mit dem Erwachen des Verstandes haben wir das Paradies verloren und als Ersatz die Welt erhalten. Gut und Böse sind nun unsere Begleiter. Nur die Tiere und Pflanzen sind im Paradies geblieben, für sie gibt es kein Gut und Böse. Aber in uns Menschen gibt es noch eine Erinnerung an das Paradies, eine Sehnsucht zurückzufinden in diesen Zustand der Glückseligkeit, in den Garten Eden, in dem wir nicht für unser Überleben kämpfen mussten.

Diese Sehnsucht findet in den Religionen Ausdruck, die sich die Menschheit gegeben hat. Allen Religionen liegt der gleiche Gedanke zu Grunde, den Weg zurückzufinden in den ursprünglichen paradiesischen Zustand, in das ewige Leben, in  dem es kein Gut und Böse gibt, keinen Kampf um das Überleben. Der Verstand und die Wissenschaften haben aber auch die Religionen erfasst.  Wie Staaten geben sie Gesetzesbücher und Regeln heraus. Sie beschäftigen sich mit Worten und Auslegungen, stellen wie die Philosophen Hypothesen auf  und haben ihre ursprüngliche Aufgabe in den Hintergrund treten lassen, sich um die Seele des Menschen zu kümmern, um das Göttliche, das sich in jedem Menschen offenbart.

Der menschliche Verstand hat auch den Religionen zugesetzt. Philosophie und menschliches Regelwerk durchziehen die religiösen Schriften. Es wird analysiert und in die kleinsten Details vorgedrungen. Wie in Königreichen wird regiert, prachtvolle Gewänder und Ränge zieren die Priester  und Verantwortlichen. Selbst den Beamtenstatus erhalten Geistliche, die doch allein für den Geist und die Seele zuständig sein sollten. Der Armenpriester, der so lebt, wie die Ärmsten unter uns, ist eher die Ausnahme, denn die Regel.

All diese Verirrungen des Menschlichen Verstandes können dem, was den Menschen und die ganze  Schöpfung ausmacht, nichts anhaben. Selbst alle Verirrungen sind vom Schöpfergeist durchdrungen  und Teil der Evolution der Schöpfung.  Alles befindet sich im Fluss des Lebens, jeder Moment ist anders als der vorhergehende.  Nichts stirbt, es verändert nur seine Gestalt. Aus Geist formt sich Energie, aus Energie Materie, Sterne entstehen und  werden wieder Energie, Energie wieder zu Geist. Der Mensch nur ein kleines Teilchen im Gesamten, wie ein Stern aus Geist zu Energie und Materie geworden und in den Geist zurückkehrend, seine eigentliche Heimat, in das Paradies von dem die Schriften künden.

Wir brauchen nicht als Menschen das verlorene Paradies zu suchen. Wir haben das Paradies nie verlassen. Wir sind Teil des ewigen Schöpfungsprozesses, durchdrungen vom Schöpfergeist, den wir in uns leben können, wenn wir den menschlichen Verstand zum Schweigen bringen. Wir müssen uns nur erinnern, wer wir wirklich sind.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Wissen und Erfahren

Wir sind heute eine Wissensgesellschaft. Der menschliche Verstand hat im Laufe der Jahrtausende eine unfassbare Menge an Wissen hervorgebracht. Nur noch Teile dieses Wissens können im menschlichen Verstand gespeichert werden. Was in Jahrhunderten an Wissen erworben wurde, ist in Bibliotheken und heute in Datenzentren abgespeichert und steht auf Knopfdruck zur Verfügung. Auch dem Menschen selbst steht mit seinem Gehirn ein Denkapparat zur Verfügung, der in Schulen und Universitäten geformt wird. Mit der künstlichen Intelligenz scheint das menschliche Denken ganz neue Höhen erreicht zu haben.

Ein ganz anderer Bereich der menschlichen Existenz scheint vor lauter Denken in den Hintergrund geraten zu sein: der Bereich der persönlichen Erfahrung und Erkenntnis. Wenn wir Informationen über Liebe, menschliche Emotionen, die Seele oder Gott suchen, können wir ganze Bibliotheken und das gesamte Wissen der Welt abrufen, ohne diesen Bereichen näherzukommen, weil wir Liebe oder Gott vielleicht nicht selbst erfahren haben. Wir können alles über die Liebe wissen, aber wer nie geliebt hat, weiss nicht, was Liebe bedeutet. Religionsgelehrte und Priester haben vielleicht alles über Gott gelesen, aber Gott nie selbst erfahren. In ihren Gebeten und Ritualen glauben sie, Gott nahe zu sein, und glauben an das, was ihnen beigebracht wurde; aber die eigene Gotteserfahrung fehlt vielleicht noch. Religionen können Gott nicht ersetzen, sie sind allenfalls ein Wegweiser. Dichter und Denker haben vielleicht alles über die Liebe geschrieben, aber vielleicht die Liebe nie gespürt.  Für sie gilt die alte Weisheit: «Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond».

Ist es eine Gnade, Gott oder die Liebe zu erfahren, oder ist es eine Fähigkeit, die erlernt werden kann? Es ist uns   mit unserer Geburt gegeben, die Tiefe des Lebens zu erkennen, aber die Wissensgesellschaft hat uns diese Fähigkeit oft vergessen lassen. Der Glaube an die Naturwissenschaften hat unsere tieferen Fähigkeiten zur  Erkenntnis überlagert. Alles spielt sich in unserem Verstand ab. - Es ist das Herz, das unsere tiefen Wahrnehmungen empfindet. Die Liebe zum Leben, zu anderen Menschen, zur Schöpfung und zu Gott hat ihren Sitz im Herzen. Das Leben erfahren wir in unserem Herzen, das voller Erwartungen pocht, wenn wir unsere Liebsten sehen, wenn es sich mit dem Leben unserer Mitmenschen verbindet und bis zum letzten Atemzug unser treuester Begleiter bleibt. Der Mediziner misst das Leben an den Gehirnströmen, der fühlende Mensch aber empfindet das Leben in seinem Herzen. Selbst wenn das Herz aufhört zu schlagen, sind die Liebe und die Seele des Menschen noch weit über seinen Tod hinaus zu spüren.