Im Moment unserer Geburt liegen neun Monate hinter uns, in
denen wir uns vom Einzeller zu
einem Menschen entwickelt haben. Aus der
Dunkelheit werden wir in das Licht geboren, in die vollkommene Unwissenheit. Die
Sprache entwickelt sich sich schon im Mutterleib, die Muttersprache. Unser zukünftiges Wissen beruht auf dieser
Sprache. Über Elternhaus, Schulen und Lesen häufen wir das Wissen an, das wir
für unser Leben benötigen, jeder nach seinen Befähigungen und
Notwendigkeiten. Je mehr Wissen wir
erlangen, desto mehr bewusst wird uns, wie wenig wir wissen.
Es ist mit dem Wissen wie mit Geld und Gütern, die wir im
Leben vielleicht erlangen. Beides wird uns nur
geliehen und verschwindet mit unserem
Tod. Im Grunde bleibt der wissende Mensch ein armer Mensch, denn er verliert sein
Wissen am Ende seines Weges. Es geht ihm
wie den Reichen, die scheinbar im Wohlstand leben und alles verlieren, wenn sie
die Welt verlassen. Sie können ihren Kindern nichts wirklich Wertvolles hinterlassen,
denn Wissen ist nicht vererbbar.
Es ist diese Erkenntnis, dass wir nichts wissen, die der
entscheidende Schritt in unserer Entwicklung ist. Den meisten Menschen gelingt
dieser Schritt nicht. Sie sind zufrieden, wenn sie einen Beruf erlernt haben,
wenn sie genügend Geld verdienen und ihre Familie ernähren können. Wenn wir mit
diesem Zustand zufrieden sind, unsere kostbare Lebenszeit nur mit Überleben und
Zeit totschlagen verbringen, gehen wir genauso arm aus dem Leben, wie wir es betreten haben.
Reich können wir nur durch Erkenntnis werden. Erkenntnis
können wir nicht durch Arbeit erwerben, nicht durch alles Wissen dieser Welt.
Erkenntnis ist ein Geschenk des Himmels. Erkenntnis ist nicht
an die Weisheit des Alters gebunden. Erkenntnis kann uns in jedem Moment des
Lebens zu Teil werden, selbst noch im
Moment des Todes. Wir können Erkenntnis nicht weitergeben. Ein Jesus, ein Buddha, ein Laotse haben
versucht ihre Erkenntnis an ihre Jünger weiterzugeben, Das, was wir heute als
Religionen kennen, ist der klägliche Versuch der Menschen, die nach ihnen
kamen, eine Erkenntnis weiterzugeben, die ihnen selbst nicht zu Teil wurde.
Wissen können wir in Büchern niederschreiben und an unsere Nachkommen
weitergeben. Erkenntnis ist ein Geschenk des Himmels. Sie kommt zu denen, die sich dem Himmel öffnen. Wir
müssen nicht in ein Kloster gehen, nicht
im Gebet um Erkenntnis bitten, nicht den
Reichtum der Welt hinter uns lassen, um Erkenntnis zu erlangen. Bei Buddha hat
eine Lotusblüte genügt, bei den Jüngern von Jesus vielleicht die Bergpredigt,
bei Laotse das Schweigen, um dieses grösste Geschenk des Himmels zu empfangen. Goethe
hat in seinem Faust den Moment geschildert, in dem Faust die Verlockungen der Welt hinter sich liess
und dafür Erkenntnis erhielt.
Es gibt keinen Weg, den wir erlernen könnten, um zur Erkenntnis
zu erlangen. Keine Bücher, die uns auf dem Weg zur Erkenntnis weiterbringen, keine
Religionen oder Philosophen, die uns Erkenntnis vermitteln könnten.
Erkenntnis kommt zu uns, in dem Moment, in dem wir für Erkenntnis reif sind.
Vielleicht glaubt die Menschheit alles Wissen, um die
Geheimnisse der Welt und des Kosmos erlangen zu können. Der Weise aber weiss, so
unendlich der Kosmos, so unendlich sind die Geheimnisse der Natur. Das Gleiche
gilt für die Erkenntnis. Der Mensch ist nur ein Teil der Schöpfung, ein Teil
des Ganzen. Ein Teil kann aber nie begreifen, was die Ganzheit ausmacht.
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