Sonntag, 19. April 2026

Wissen und Erkenntnis

Im Moment unserer Geburt liegen neun Monate hinter uns, in denen wir uns vom  Einzeller zu einem  Menschen entwickelt haben. Aus der Dunkelheit werden wir in das Licht geboren, in die vollkommene Unwissenheit. Die Sprache entwickelt sich sich schon im Mutterleib, die Muttersprache.   Unser zukünftiges Wissen beruht auf dieser Sprache. Über Elternhaus, Schulen und Lesen häufen wir das Wissen an, das wir für unser Leben benötigen, jeder nach seinen Befähigungen und Notwendigkeiten.  Je mehr Wissen wir erlangen, desto mehr bewusst wird uns, wie wenig wir wissen.

Es ist mit dem Wissen wie mit Geld und Gütern, die wir im Leben   vielleicht erlangen. Beides wird uns nur geliehen und verschwindet  mit unserem Tod. Im Grunde bleibt der wissende Mensch ein armer Mensch, denn er verliert sein Wissen  am Ende seines Weges. Es geht ihm wie den Reichen, die scheinbar im Wohlstand leben und alles verlieren, wenn sie die Welt verlassen. Sie können ihren Kindern nichts wirklich Wertvolles hinterlassen, denn Wissen ist nicht vererbbar.

Es ist diese Erkenntnis, dass wir nichts wissen, die der entscheidende Schritt in unserer Entwicklung ist. Den meisten Menschen gelingt dieser Schritt nicht. Sie sind zufrieden, wenn sie einen Beruf erlernt haben, wenn sie genügend Geld verdienen und ihre Familie ernähren können. Wenn wir mit diesem Zustand zufrieden sind, unsere kostbare Lebenszeit nur mit Überleben und Zeit totschlagen verbringen, gehen wir genauso arm aus dem Leben,  wie wir es betreten haben.

Reich können wir nur durch Erkenntnis werden. Erkenntnis können wir nicht durch Arbeit erwerben, nicht durch alles Wissen dieser Welt. Erkenntnis ist ein Geschenk des Himmels. Erkenntnis ist   nicht an die Weisheit des Alters gebunden. Erkenntnis kann uns in jedem Moment des Lebens zu Teil werden,  selbst noch im Moment des Todes. Wir können Erkenntnis nicht weitergeben.  Ein Jesus, ein Buddha, ein Laotse haben versucht ihre Erkenntnis an ihre Jünger weiterzugeben, Das, was wir heute als Religionen kennen, ist der klägliche Versuch der Menschen, die nach ihnen kamen, eine Erkenntnis weiterzugeben, die ihnen selbst nicht zu Teil wurde.

Wissen können wir in Büchern niederschreiben und an unsere Nachkommen weitergeben. Erkenntnis ist ein Geschenk des Himmels. Sie  kommt zu denen, die sich dem Himmel öffnen. Wir müssen nicht in ein Kloster gehen,  nicht im Gebet um Erkenntnis bitten,  nicht den Reichtum der Welt hinter uns lassen, um Erkenntnis zu erlangen. Bei Buddha hat eine Lotusblüte genügt, bei den Jüngern von Jesus vielleicht die Bergpredigt, bei Laotse das Schweigen, um dieses grösste Geschenk des Himmels zu empfangen. Goethe hat in seinem Faust den Moment geschildert, in dem Faust  die Verlockungen der Welt hinter sich liess und dafür Erkenntnis erhielt.

Es gibt keinen Weg, den wir erlernen könnten, um zur Erkenntnis zu erlangen. Keine Bücher, die uns auf dem Weg zur  Erkenntnis weiterbringen,  keine  Religionen oder Philosophen, die uns Erkenntnis vermitteln könnten. Erkenntnis kommt zu uns, in dem Moment, in dem wir für Erkenntnis reif sind.

Vielleicht glaubt die Menschheit alles Wissen, um die Geheimnisse der Welt und des Kosmos   erlangen zu können. Der Weise aber weiss, so unendlich der Kosmos, so unendlich sind die Geheimnisse der Natur. Das Gleiche gilt für die Erkenntnis. Der Mensch ist nur ein Teil der Schöpfung, ein Teil des Ganzen. Ein Teil kann aber nie begreifen, was die Ganzheit ausmacht.

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