Geburt und Tod bestimmen unser Leben auf diesem Planeten. Die
Tür, durch die wir ins Leben treten, ist auch jene, durch die wir die Welt
wieder verlassen. Der Tod ist jedoch nicht das Gegenteil des Lebens. Das Leben
ist ewig; es ist in allem enthalten, was ist, in der gesamten Schöpfung. Würden
wir eine Pflanze oder ein Tier fragen, was Tod sei, würden sie uns verwundert
ansehen und nicht verstehen, was wir meinen.
Der Tod ist nur aus menschlicher Sicht ein Phänomen, eine Folge
der Geburt. Mit der Geburt wird auch der Tod geboren: Vom ersten Moment des
Lebens an sterben wir bereits. Jeden Tag vergehen Millionen von Zellen, und
durch Zelltod und Zellneubildung erneuert sich der Mensch fortwährend. Nach
jeweils etwa sieben Jahren hat sich der Körper weitgehend erneuert; mit siebzig
Jahren sind wir also ungefähr zehnmal körperlich neu geboren. Geist und Leben aber
sind dabei immer gleich geblieben. Der Zelltod hat sie nicht berührt.
Es liegt daher nahe, davon auszugehen, dass Geist und Leben schon
vor der menschlichen Geburt da waren und auch durch den endgültigen Tod des
Körpers nicht betroffen sind. Geist und Leben erscheinen als schöpferische
Kräfte, die Materie zum Menschen formen, sie mit Leben erfüllen und von Krankheit,
Zerstörung und Tod nicht berührt werden. Dasselbe gilt für die ganze Natur: Form
und Materie wandeln sich, wachsen, reifen, zerfallen und kehren in ihren
ursprünglichen Zustand zurück. Das Leben und der Schöpfergeist aber bleiben und
verwirklichen sich immer wieder aufs Neue.
Tod und Wiedergeburt sind ein ganz natürlicher Vorgang im
Schöpfungsprozess. Nur der beobachtende Mensch entwickelt Angst vor Verwandlung
und Tod. Es ist die Angst des Verstandes, alles zu verlieren, was er mühsam
aufgebaut hat: sein Wissen, seine gesellschaftliche Position, seinen Reichtum,
seine Macht und seine Identifikation mit dem, was wir Welt nennen. Der Verstand
ist nach aussen gerichtet; er sieht vor allem die Welt. Geburt und Tod bestimmen
nicht das Leben selbst, sondern den menschlichen Verstand. Der Schöpfergeist aber
kennt nur das Leben, die ewige Evolution der Welt und des Universums als
eigentliche Wahrheit.
Um die Wahrheit zu erfahren, muss der Mensch den
Blick nach innen zu richten: auf das Leben, das allem innewohnt, auch ihm
selbst. So kann er begreifen, dass es etwas gibt, das höher ist als menschliches
Denken. Nur der Blick nach innen führt uns zu unserer inneren Wahrheit und Gewissheit.
Sie ist uns angeboren, unabhängig von Kultur, Sprache und Wissen, gerät jedoch allzu
leicht in Vergessenheit, weil der Verstand als das Mass aller Dinge gilt.
Der Blick nach innen, nicht durch Denken und nicht durch
unseren Verstand, lässt uns das Leben in uns spüren: in unserem Herzen und in
jeder Zelle unseres Körpers. Wohin wir auch blicken, überall ist Leben in uns,
das uns ständig begleitet, von der Geburt bis über den Tod hinaus. Es ist das
Ewige in uns, das wir fühlen, das Leben, das den Tod nicht kennt. Wenn wir
durch die Tür am Ende unserer irdischen Existenz gehen, lassen wir nur die
Materie in der Welt zurück, nicht aber das Leben, unser eigentliches Sein. Wir
kehren in die Gesamtheit zurück, in das ewige Leben, unsere ewige Heimat. Alle
Angst vor dem Tod fällt ab, wenn wir schon in unserem Leben in der Welt den
Blick nach innen richten und das Göttliche in uns erkennen: das Ewige Leben,
aus dem wir kommen und das wir nie verlassen, den Schöpfergeist, dessen Teil
wir sind.
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