Samstag, 17. Januar 2026

Die innere Stimme

Heute schreibe ich über Momente, bei denen mir deutlich wurde, dass in und über mir Kräfte walten, die wesentlichen Einfluss auf mein Leben nahmen, die weit über das hinausgehen, was sich mein menschlicher Verstand vorstellen kann.

1946 lebte ich in einem kleinen Dorf in Thüringen, wohin es mich, mit meinen Grosseltern,   am Ende des Krieges verschlagen hatte. Die Nahrungslage war prekär, wir lebten alle dicht am Hungertod und hatten gegen Krankheiten wenig Widerstand. Wahrscheinlich war es eine starke Erkältungskrankheit mit hohem Fieber, die mich an den Rand des Todes brachte. Ich war sechs Jahre alt.  Ich erinnere mich noch heute  an diese Nacht, in der ich das erlebte, was die Ärztin Kübler-Ross über Nahtod Erlebnisse berichtet. Ich bewegte mich in meinem Fiebertraum in einem  Tunnel, an dessen Ende ein Licht leuchtete. Eine Kraft hielt mich aber zurück, so dass ich nicht im Tunnel weiterkam, bis ich am nächsten Morgen aufwachte und die Kraft der Krankheit gebrochen war. Später war mir klar, dass ich dicht vor dem Tod gestanden hatte, aber eine Kraft, die über mich wachte, anderes mit mir vorhatte.

Ein angeheirateter Onkel,  der in unserm  Dorf nach dem Krieg als Arzt eine kleine Praxis hatte, rettete mir  im gleichen Jahr auch durch einen Zufall mein Leben. Nach dem Krieg gab es viele Medikamente nicht mehr. In einer eisigen Winternacht brachte meine Grossmutter mich mit hohem Fieber zu ihm. Er erkannte, dass ich Diphterie hatte. Aber das erforderliche Serum gab es nicht mehr, und er wusste auch nicht, wo er es vielleicht noch bekommen könnte.  Telefone funktionierten noch nicht. Er setzte mich kurz entschlossen vorne auf sein Motorrad und fuhr, auf gut Glück,  in das nächste Kreiskrankenhaus nach Pössneck, wo wir, wie durch ein Wunder auf eine letzte Dosis von dem Serum trafen. Das rettete  mein Leben. Ich hätte sonst zu den unzähligen Kindern gehört, die in den Hungerjahren umgekommen sind.

1947 holte mich meine Mutter nach Westdeutschland in die britische Besatzungszone nach Reinbek  bei Hamburg.  Im Anschluss an die Masern bekam ich dort eine Nierenentzündung, die mein geschwächter Körper nur durch das,   seit 1946 auch in Deutschland,  hergestellte Penicillin überwinden konnte. Ein Jahr früher hatte ich die Nierenentzündung nicht überlebt.

Mit über 80 bekam ich eine vom Arzt nicht erkannte Blinddarmentzündung auf den Balearen. Mir ging es immer schlechter. Meine heutige Frau riet mir, das nächste Flugzeug zu nehmen und nach Zürich zu fliegen. Es war ein Wochenende. Ich ging  noch am gleichen Abend mit meinem Sohn C in die Klinik in die Notaufnahme, und man erkannte eine Blinddarmentzündung. Am nächsten Morgen, einem Sonntag lag ich bereits auf dem Operationstisch. Der Blinddarm war durchgebrochen, einen Tag später, und  ich hätte  die Blutvergiftung nicht überlebt. Meine innere Stimme und das Drängen meiner Frau hatten mich dazu gebracht, mein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.  Die ganze Zeit aber wusste ich, meine  Todesstunde war noch nicht gekommen.

Mein ganzes Leben lang habe ich diese gütige, mich schützende Hand gespürt.    Als ich vor zwei Jähren in Südamerika einen Herzinfarkt hatte, sagte ich zu meinem Sohn,  der mich begleitete , dass ich nicht in einem Krankenhaus in Sao Paulo sterben wolle. Mein Sohn musste mich in einem Rollstuhl in das Flugzeug schieben,  gehen konnte ich nicht mehr, mir fehlte die Luft.  In Frankfurt fuhren wir direkt in ein Krankenhaus, wo ich sofort operiert wurde. Die ganze Zeit aber wusste ich wieder, dass mein Ende noch nicht gekommen war.

Es ist nicht der Verstand, der in diesen Momenten der Gefahr zu uns spricht, es ist eine innere Stimme, die über uns wacht und unser Leben bestimmt. Ich habe sie selbst gehört.

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