Heute schreibe ich über Momente, bei denen mir deutlich
wurde, dass in und über mir Kräfte walten, die wesentlichen Einfluss auf mein
Leben nahmen, die weit über das hinausgehen, was sich mein menschlicher
Verstand vorstellen kann.
1946 lebte ich in einem kleinen Dorf in Thüringen, wohin es mich,
mit meinen Grosseltern, am Ende des Krieges verschlagen hatte. Die
Nahrungslage war prekär, wir lebten alle dicht am Hungertod und hatten gegen
Krankheiten wenig Widerstand. Wahrscheinlich war es eine starke Erkältungskrankheit
mit hohem Fieber, die mich an den Rand des Todes brachte. Ich war sechs Jahre
alt. Ich erinnere mich noch heute an diese Nacht, in der ich das erlebte, was
die Ärztin Kübler-Ross über Nahtod Erlebnisse berichtet. Ich bewegte mich in
meinem Fiebertraum in einem Tunnel, an
dessen Ende ein Licht leuchtete. Eine Kraft hielt mich aber zurück, so dass ich
nicht im Tunnel weiterkam, bis ich am nächsten Morgen aufwachte und die Kraft
der Krankheit gebrochen war. Später war mir klar, dass ich dicht vor dem Tod
gestanden hatte, aber eine Kraft, die über mich wachte, anderes mit mir
vorhatte.
Ein angeheirateter Onkel, der in unserm Dorf nach dem Krieg als Arzt eine kleine
Praxis hatte, rettete mir im gleichen
Jahr auch durch einen Zufall mein Leben. Nach dem Krieg gab es viele
Medikamente nicht mehr. In einer eisigen Winternacht brachte meine Grossmutter
mich mit hohem Fieber zu ihm. Er erkannte, dass ich Diphterie hatte. Aber das
erforderliche Serum gab es nicht mehr, und er wusste auch nicht, wo er es
vielleicht noch bekommen könnte.
Telefone funktionierten noch nicht. Er setzte mich kurz entschlossen vorne
auf sein Motorrad und fuhr, auf gut Glück, in das nächste Kreiskrankenhaus nach Pössneck,
wo wir, wie durch ein Wunder auf eine letzte Dosis von dem Serum trafen. Das
rettete mein Leben. Ich hätte sonst zu
den unzähligen Kindern gehört, die in den Hungerjahren umgekommen sind.
1947 holte mich meine Mutter nach Westdeutschland in die
britische Besatzungszone nach Reinbek bei Hamburg. Im Anschluss an die Masern bekam ich dort eine
Nierenentzündung, die mein geschwächter Körper nur durch das, seit
1946 auch in Deutschland, hergestellte Penicillin
überwinden konnte. Ein Jahr früher hatte ich die Nierenentzündung nicht
überlebt.
Mit über 80 bekam ich eine vom Arzt nicht erkannte
Blinddarmentzündung auf den Balearen. Mir ging es immer schlechter. Meine
heutige Frau riet mir, das nächste Flugzeug zu nehmen und nach Zürich zu
fliegen. Es war ein Wochenende. Ich ging
noch am gleichen Abend mit meinem Sohn C in die Klinik in die
Notaufnahme, und man erkannte eine Blinddarmentzündung. Am nächsten Morgen,
einem Sonntag lag ich bereits auf dem Operationstisch. Der Blinddarm war
durchgebrochen, einen Tag später, und ich hätte
die Blutvergiftung nicht überlebt. Meine innere Stimme und das Drängen
meiner Frau hatten mich dazu gebracht, mein Schicksal in die eigene Hand zu
nehmen. Die ganze Zeit aber wusste ich,
meine Todesstunde war noch nicht
gekommen.
Mein ganzes Leben lang habe ich diese gütige, mich
schützende Hand gespürt. Als ich
vor zwei Jähren in Südamerika einen Herzinfarkt hatte, sagte ich zu meinem Sohn,
der mich begleitete , dass ich nicht in einem
Krankenhaus in Sao Paulo sterben wolle. Mein Sohn musste mich in einem
Rollstuhl in das Flugzeug schieben, gehen konnte ich nicht mehr, mir fehlte die
Luft. In Frankfurt fuhren wir direkt in
ein Krankenhaus, wo ich sofort operiert wurde. Die ganze Zeit aber wusste ich
wieder, dass mein Ende noch nicht gekommen war.
Es ist nicht der Verstand, der in diesen Momenten der Gefahr
zu uns spricht, es ist eine innere Stimme, die über uns wacht und unser Leben
bestimmt. Ich habe sie selbst gehört.
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