Samstag, 11. Juli 2026

Das Absolute und der Mensch

In fast allen Schriftreligionen besteht das Verbot, sich ein Bildnis oder Gleichnis Gottes zu machen. Dieses Verbot gilt für alle menschlichen Ausdrucksformen des Göttlichen: für Worte, Bilder und Skulpturen. Nicht einmal das Wort Gott sollte es geben.

Wir müssen uns fragen, ob solche Verbote sinnvoll sind. So wie Kinder fast jedes Gebot übertreten, das ihnen Eltern erteilen, so hat die Menschheit zu allen Zeiten alle Verbote übertreten und ihre Gottheiten erschaffen und ihnen Namen gegeben. Ganze Religionen mit ihren Geboten und Verboten sind entstanden, und die Welt ist voll von Bildnissen des Göttlichen. Selbst Mütter und Söhne eines Gottes hat die menschliche Vorstellungskraft geschaffen, und wenn Gebete und Bitten an Gott gerichtet werden, dann oft an seine Vertreter, seinen Sohn oder die göttliche Mutter. Selbst Kriege wurden von Menschen für ihren Gott geführt und Menschen getötet, die ihren Gott mit einem anderen Namen nannten.

Vielleicht sind die Menschen weiser als alle ihre Religionen. Vielleicht weiss der Mensch intuitiv, dass die Ganzheit, das Absolute, das Leben, in allem ist: in der ganzen Schöpfung, in der Natur in all ihren Erscheinungsformen, im gesamten Kosmos, vor allem auch in uns selbst. Wohin wir unseren Blick auch wenden, nach aussen oder nach innen, wir begegnen dem Göttlichen, wohin immer sich unser Blick und Verstand auch wenden. Wir begegnen dem Göttlichen in uns Menschen, in der Natur, in den Bergen und Wäldern, im Meer, selbst in der Rose in unserem Garten, deren Duft uns verzaubert. Selbst das Böse ist göttlicher Natur; es ist die dunkle Seite des Lichts, es strebt dem Licht entgegen und verwandelt sich wieder in Licht. Wo immer wir die göttliche Schaffenskraft sehen wollen, da werden wir sie finden.

Wir suchen nach dem Göttlichen, obwohl wir Teil des Göttlichen sind. Wir suchen etwas, was wir sind. Wir wären nicht, wenn nicht das Leben in uns wäre, als Teil der Ganzheit, als Teil der Gottheit, die in allem ist. Das Leben äussert sich in der gesamten Schöpfung; nichts, das vom Leben berührt wird, geht je verloren. Es braucht nicht gesucht zu werden, weil es schon da ist. Alles, was ist, kommt aus der Ewigkeit in die Endlichkeit und strebt wieder der Ewigkeit entgegen. Wenn der Mensch das Göttliche verehren will, dann sollte er bei sich selbst beginnen, denn dort findet er es am ehesten, weil er ein Teil der göttlichen Schöpfung ist.

Immer wieder hat die Menschheit Weise hervorgebracht, die von der absoluten Wahrheit kündeten. Ein Buddha, ein Jesus, ein Laotse wiesen, jeder auf seine Art, auf das Absolute, auf die Ganzheit in der gesamten Schöpfung hin. Jesus verlangte, dass wir den Tempel des Göttlichen in uns selbst errichten müssten, um die Ganzheit zu verehren. Wie die Kinder, noch ohne unseren Verstand, müssten wir werden, um das Himmelreich in uns zu finden. Aber wer von uns Menschen hört schon auf die Weisesten unter uns?


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