Donnerstag, 2. Juli 2026

Wissen und Erfahren

Wir sind heute eine Wissensgesellschaft. Der menschliche Verstand hat im Laufe der Jahrtausende eine unfassbare Menge an Wissen hervorgebracht. Nur noch Teile dieses Wissens können im menschlichen Verstand gespeichert werden. Was in Jahrhunderten an Wissen erworben wurde, ist in Bibliotheken und heute in Datenzentren abgespeichert und steht auf Knopfdruck zur Verfügung. Auch dem Menschen selbst steht mit seinem Gehirn ein Denkapparat zur Verfügung, der in Schulen und Universitäten geformt wird. Mit der künstlichen Intelligenz scheint das menschliche Denken ganz neue Höhen erreicht zu haben.

Ein ganz anderer Bereich der menschlichen Existenz scheint vor lauter Denken in den Hintergrund geraten zu sein: der Bereich der persönlichen Erfahrung und Erkenntnis. Wenn wir Informationen über Liebe, menschliche Emotionen, die Seele oder Gott suchen, können wir ganze Bibliotheken und das gesamte Wissen der Welt abrufen, ohne diesen Bereichen näherzukommen, weil wir Liebe oder Gott vielleicht nicht selbst erfahren haben. Wir können alles über die Liebe wissen, aber wer nie geliebt hat, weiss nicht, was Liebe bedeutet. Religionsgelehrte und Priester haben vielleicht alles über Gott gelesen, aber Gott nie selbst erfahren. In ihren Gebeten und Ritualen glauben sie, Gott nahe zu sein, und glauben an das, was ihnen beigebracht wurde; aber die eigene Gotteserfahrung fehlt vielleicht noch. Religionen können Gott nicht ersetzen, sie sind allenfalls ein Wegweiser. Dichter und Denker haben vielleicht alles über die Liebe geschrieben, aber vielleicht die Liebe nie gespürt.  Für sie gilt die alte Weisheit: «Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond».

Ist es eine Gnade, Gott oder die Liebe zu erfahren, oder ist es eine Fähigkeit, die erlernt werden kann? Es ist uns   mit unserer Geburt gegeben, die Tiefe des Lebens zu erkennen, aber die Wissensgesellschaft hat uns diese Fähigkeit oft vergessen lassen. Der Glaube an die Naturwissenschaften hat unsere tieferen Fähigkeiten zur  Erkenntnis überlagert. Alles spielt sich in unserem Verstand ab. - Es ist das Herz, das unsere tiefen Wahrnehmungen empfindet. Die Liebe zum Leben, zu anderen Menschen, zur Schöpfung und zu Gott hat ihren Sitz im Herzen. Das Leben erfahren wir in unserem Herzen, das voller Erwartungen pocht, wenn wir unsere Liebsten sehen, wenn es sich mit dem Leben unserer Mitmenschen verbindet und bis zum letzten Atemzug unser treuester Begleiter bleibt. Der Mediziner misst das Leben an den Gehirnströmen, der fühlende Mensch aber empfindet das Leben in seinem Herzen. Selbst wenn das Herz aufhört zu schlagen, sind die Liebe und die Seele des Menschen noch weit über seinen Tod hinaus zu spüren.

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