Wir sind heute eine Wissensgesellschaft. Der menschliche Verstand hat im Laufe der Jahrtausende eine unfassbare Menge an Wissen hervorgebracht. Nur noch Teile dieses Wissens können im menschlichen Verstand gespeichert werden. Was in Jahrhunderten an Wissen erworben wurde, ist in Bibliotheken und heute in Datenzentren abgespeichert und steht auf Knopfdruck zur Verfügung. Auch dem Menschen selbst steht mit seinem Gehirn ein Denkapparat zur Verfügung, der in Schulen und Universitäten geformt wird. Mit der künstlichen Intelligenz scheint das menschliche Denken ganz neue Höhen erreicht zu haben.
Ein ganz anderer Bereich der menschlichen Existenz scheint
vor lauter Denken in den Hintergrund geraten zu sein: der Bereich der
persönlichen Erfahrung und Erkenntnis. Wenn wir Informationen über Liebe,
menschliche Emotionen, die Seele oder Gott suchen, können wir ganze
Bibliotheken und das gesamte Wissen der Welt abrufen, ohne diesen Bereichen näherzukommen,
weil wir Liebe oder Gott vielleicht nicht selbst erfahren haben. Wir können
alles über die Liebe wissen, aber wer nie geliebt hat, weiss nicht, was Liebe
bedeutet. Religionsgelehrte und Priester haben vielleicht alles über Gott
gelesen, aber Gott nie selbst erfahren. In ihren Gebeten und Ritualen glauben
sie, Gott nahe zu sein, und glauben an das, was ihnen beigebracht wurde; aber
die eigene Gotteserfahrung fehlt vielleicht noch. Religionen können Gott nicht
ersetzen, sie sind allenfalls ein Wegweiser. Dichter und Denker haben
vielleicht alles über die Liebe geschrieben, aber vielleicht die Liebe nie
gespürt. Für sie gilt die alte Weisheit:
«Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond».
Ist es eine Gnade, Gott oder die Liebe zu erfahren, oder ist
es eine Fähigkeit, die erlernt werden kann? Es ist uns mit
unserer Geburt gegeben, die Tiefe des Lebens zu erkennen, aber die
Wissensgesellschaft hat uns diese Fähigkeit oft vergessen lassen. Der Glaube an
die Naturwissenschaften hat unsere tieferen Fähigkeiten zur Erkenntnis überlagert. Alles spielt sich in
unserem Verstand ab. - Es ist das Herz, das unsere tiefen Wahrnehmungen
empfindet. Die Liebe zum Leben, zu anderen Menschen, zur Schöpfung und zu Gott
hat ihren Sitz im Herzen. Das Leben erfahren wir in unserem Herzen, das voller
Erwartungen pocht, wenn wir unsere Liebsten sehen, wenn es sich mit dem Leben
unserer Mitmenschen verbindet und bis zum letzten Atemzug unser treuester
Begleiter bleibt. Der Mediziner misst das Leben an den Gehirnströmen, der
fühlende Mensch aber empfindet das Leben in seinem Herzen. Selbst wenn das Herz
aufhört zu schlagen, sind die Liebe und die Seele des Menschen noch weit über
seinen Tod hinaus zu spüren.
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