«Es ist eine Sache von Leben und Tod», sagen wir, wenn etwas
Bedrohliches in unserem Leben geschieht. Über unser Leben machen wir uns aber
weniger Gedanken; wichtiger scheint uns die Drohung des Todes zu sein, eine
Gefahr, die unser Leben beenden könnte.
Unser menschlicher Verstand befasst sich kaum mit dem Leben.
Es wird eher als ein zeitlicher oder historischer Vorgang verstanden und als
etwas Selbstverständliches hingenommen. Umso mehr Gedanken machen wir uns zum
Tod. Das ganze Wissen der Menschheit wird aufgewendet, um den uns ständig
bedrohenden Tod abzuwenden oder ihn so lange wie möglich hinauszuschieben. Die
moderne Wissenschaft ist sich weitgehend einig, wann der Tod eingetreten ist.
Aber einen Weg, den Tod abzuwenden, haben die klügsten Köpfe noch nie gefunden.
Ein wesentlicher Irrtum besteht allein darin, Leben und Tod
auf eine Stufe zu stellen. Richtiger wäre es, Geburt und Tod, Beginn und Ende,
auf eine Stufe zu stellen. Bereits mit unserer Geburt tritt der Tod in unser
Leben. Unsere ganze Existenz ist vom Tod begleitet: nicht nur der Tod durch
Krankheit oder Unfall. Unser ganzer Körper stirbt von unserer Geburt an. Tausende
von Zellen sterben täglich und werden durch neue Zellen ersetzt, aber das, was
wir als unser Leben empfinden, wird vom Zelltod nicht berührt. Tod und Erneuerung
sind Bestandteil unseres Lebens.
Wir müssten eher über Licht und Dunkelheit nachdenken, wenn
wir unser Leben einordnen wollen. Krankheit und Tod stehen für die Dunkelheit.
Wenn das Licht in die Dunkelheit eintritt, dann weicht die Dunkelheit, und das
Licht ist das Einzige, was bleibt. Dunkelheit kann das Licht nicht berühren. Mit
dem Leben verhält es sich wie mit dem Licht. Leben ist die Kraft, die im
Mutterleib in das neu entstehende Wesen eintritt. Leben unterliegt nicht den
Naturgesetzen; es ist die Schöpfungskraft, die den ganzen Kosmos bewegt. Leben
kennt keinen Beginn und kein Ende, keine Geburt und keinen Tod. Nur der Mensch begreift
sein Leben als zeitlich begrenzt Gedanken des Todes gibt es sonst in der Natur
nicht. Kein Tier und keine Pflanze ist sich des Todes bewusst. Für alle anderen
Lebewesen ist der Vorgang des Vergehens und des Neuentstehens ein natürlicher, ewiger
Vorgang. Nur der Mensch glaubt an den Tod und will nicht erkennen, dass auch er
den Gesetzen der Natur unterliegt, den Gesetzen des ewigen Entstehens und
Vergehens.
Der Grund für diesen Irrtum sind die Grenzen des
menschlichen Verstandes, der, wie der Körper, bereits mit seiner Geburt die
Gedanken des Todes in sich trägt und nicht in der Lage ist, die Beschränkungen
seines eigenen Denkens zu erkennen. Für den Verstand ist der Tod das Ende des
Lebens. Die Religionen versuchen, dieses Problem des Menschen zu lösen. Sie
versprechen dem Menschen ein Weiterleben im Paradies. Menschliche Begriffe wie
der Vater im Himmel oder ein Leben im Himmel werden als Versprechen für ein
Leben nach dem Tod geschaffen. In manchen Religionen wird Seelenwanderung beschrieben.
Vielleicht kommt dieser Gedanke der eigentlichen Wahrheit näher. Leben ist
etwas Unvergängliches; selbst wenn unsere Welt nicht mehr ist, bleibt das Leben.
Könnte es da nicht auch Seelenwanderung geben?
In der Natur beobachten wir Entstehen und Vergehen, aber
auch Wiederkehr. Wir wissen auch, dass sich im energetischen und stofflichen
Bereich alles ändert, aber nichts verloren geht. Wie sollte das Leben, das die
gesamte Schöpfung erfüllt, vom Tod bedroht sein? Wir wissen nicht, in welcher
Form das uns erfüllende Leben erhalten bleibt; in unserem tiefsten Inneren
besteht aber eine Gewissheit, dass unser Leben nicht mit unserem physischen Tod
endet.
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