Wir glauben, in der Welt des Verstandes zu leben. Für die
meisten Menschen zählen nur ihr Wissen und ihr Verstand, also das, was sie als
Stand der Wissenschaft betrachten. Doch wie verhält es sich mit der Welt des
Kindes, mit der Welt der Religionen oder mit der Welt der Emotionen? Haben wir
diese Welten bereits hinter uns gelassen? Können wir uns noch in sie
hineinversetzen, und haben sie für uns überhaupt noch Bedeutung?
Nach den alten Religionen wurden wir aus dem Paradies
vertrieben, weil wir das Verbot gebrochen haben, vom Baum der Erkenntnis zu
essen. Ist aber nicht unser ganzes Leben darauf ausgerichtet, Erkenntnis zu
erlangen? Ist nicht gerade die Menschwerdung auf Neugier gegründet, auf das
Brechen von Geboten – «Du sollst» – und auf das Übertreten von Verboten – «Du
sollst nicht»? Gerade das, was verboten ist, muss selbst erfahren werden und
gehört zur Menschwerdung dazu.
Das Christentum scheint als erste Religion die Verbote der
alten Religionen aufgebrochen und die Kinder mit ihrem Drang, die Welt zu
erforschen, in den Mittelpunkt gestellt zu haben. Zur Menschwerdung gehört es,
vom Baum der Erkenntnis zu essen und die Gebote der Alten zu brechen. Wir
müssen so offen sein wie die Kinder, um den Himmel zu berühren. Nur so
erforschen wir die Welt und werden zu überlebensfähigen Wesen.
Es gibt die Welt des Verstandes. An die Stelle von Religion
und Glaube ist das Wissen als neue Gottheit getreten. Wir erforschen die Welt,
und der jeweilige Stand des Wissens, gleich in welchem Bereich, gilt oft als
absolute Wahrheit. Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass das Wissen von heute
der Irrtum von morgen sein kann. In der Welt des Wissens können wir nur dann
unbeschadet überleben, wenn uns bewusst bleibt, dass alles Wissen dieser Welt
vor den Geheimnissen der Schöpfung verblasst.
Es gibt die Welt der Gesetze und Verordnungen, die das
menschliche Miteinander regeln sollen. Diese Welt funktioniert mehr schlecht
als recht. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht täglich mehrfach gegen
ihre Gebote verstösst. Man braucht sich nur unser eigenes Verhalten beim Essen,
im Verkehr oder in der Missachtung gesundheitlicher Gebote in Erinnerung zu
rufen. Der Mensch scheint geradezu Freude daran zu haben, Gebote zu übertreten,
selbst wenn ihm daraus Nachteile entstehen.
Selbst die Welt der Weisen und Philosophen ist keine ideale
Welt. Sie bleibt eine theoretische Welt, die kaum je in die Wirklichkeit
einfliesst. Sie existiert vor allem in den Köpfen der Menschen, findet aber in
der Realität des Zusammenlebens nur wenig Beachtung.
Alle diese Welten können uns täglich begegnen. Sie umgeben
uns, berühren unsere eigene Welt und werden damit auch Teil der Wirklichkeit,
in der wir leben. Aus all diesen Welten nehmen wir jedoch nur das auf, was wir
für unser eigenes Leben brauchen können. Alles andere bleibt draussen und
streift unsere Lebenswelt nur am Rand. Keine dieser anderen Welten ist für sich
genommen wirklich wichtig für unser Leben. Bedeutung gewinnen sie erst dadurch,
dass wir sie in unser eigenes Leben aufnehmen. Es ist unsere Aufgabe, aus den
vielen Welten, denen wir begegnen, unsere eigene Lebenswelt zu formen.
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