Samstag, 20. Juni 2026

Ideale und Egos

Kürzlich besuchten wir den alten Friedhof in Dahlem. Die Grabsteine enthielten neben den Namen der Verstorbenen auch immer deren Beruf und Titel. Merkwürdig, dass im Moment des Todes Beruf und Titel noch irgendeine Bedeutung haben sollten. Im Moment des Todes fallen doch spätestens alle Namen und Titel von uns ab, das Ego erlischt, der Tod macht uns Menschen alle gleich.

Unsere ganze Erziehung ist darauf angelegt, uns in den Wettstreit mit anderen zu begeben. Wir sollen die Besten in der Schule, im Beruf und im Sport werden. Noten, Titel und Erfolg im Leben und Beruf sind der Anreiz, um uns über andere zu erheben. So werden Egos durch falsche Erziehung gezüchtet: Wir sollen unsere Mitmenschen besiegen, hinter uns lassen, besser als die anderen sein. So entstehen ganze Generationen von kleinen und grösseren Egos, die nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander leben.

An den Universitäten wird nicht das Universum gelehrt, nicht die Gesamtheit, nicht das Leben. Es wird die Wissenschaft gelehrt, die Zerlegung der Schöpfung in ihre kleinsten Elemente. Es wird uns erschwert, die Ganzheit in allem zu sehen, wenn wir uns mit den kleinsten Teilchen beschäftigen. Wenn wir endlich bei den Quanten und anderen Teilchen angelangt sind, haben wir die Ganzheit aus dem Auge verloren und wundern uns, dass Teilchen am anderen Ende der Welt die gleichen Reaktionen zeigen wie in unserer Forschungsstätte.

Besonders auffällig ist das Ego, wenn sich Menschen mit fremden Lorbeeren schmücken, hinter denen nicht einmal eigene Leistung steht: wenn sich Mitglieder von berühmten oder adeligen Familien als etwas Besonderes dünken oder die Fans von Fussballclubs sich mit ihren Helden identifizieren und glauben, dadurch etwas Besonderes zu sein. Statt eigener Leistung wird fremde Leistung genommen, um das eigene Ego zu stärken. Fernsehen und Medien haben dazu beigetragen, diese falschen Identitäten zu verstärken und falsche Egos zu züchten.

Die echten Ideale müssen schon in der Kindheit an uns herangetragen werden, um der Entstehung eines falschen Egos entgegenzuwirken. Wir müssen unseren Kindern ein bescheidenes, unseren Fähigkeiten entsprechendes Leben vorleben. Wir selbst müssen das Ideal für unsere Kinder sein. Unser Anspruch muss sich an uns selbst ausrichten, an unserer eigenen Begabung, an unseren eigenen Fähigkeiten. Selbstbewusst zu werden heisst, sich seiner eigenen Fähigkeiten bewusst zu sein. Diese zu entwickeln und die Talente zu nutzen, die uns mitgegeben wurden, ist der Sinn unseres Lebens. Vorbilder dürfen wir haben, um diesen nachzueifern. Selbst zu handeln und uns zu dem Menschen mit den Talenten zu entwickeln, die uns mit auf unseren Weg gegeben wurden, muss unser Lebensideal sein.

Der eine Mensch hat mehr, der andere Mensch weniger Talente von der Natur mitbekommen. Und so, wie wir geschaffen sind, bleiben wir Teil des Universums, Teil der Gesamtheit, ein jeder an seinem Platz. Da ist kein Raum für die Entstehung falscher Egos; wir nutzen die kurze Zeit unseres Lebens im in dieser Welt, um zu dem zu werden, der wir sind, schon wenn wir die Welt betreten. Und wenn wir diese Welt verlassen, dann wäre es schön, wenn wir satt von den Früchten des Lebens, den Weg freimachen, für das Leben das nach uns kommt. Namen, Titel und falsche Egos fallen von uns ab, und wir werden wieder Teil der Ganzheit, der wir immer waren.

 

 

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