Wenn das Leben in Statistiken dargestellt wird, begegnen wir Linien,
Kurven und grafischen Diagrammen, die mit der Geburt beginnen und mit dem Tod
enden. Doch wo gibt es in der Natur oder im Menschen schon gerade Linien? Auch
geometrische Körper, die sich berechnen lassen, eignen sich nur begrenzt, um
die Natur darzustellen. Alles in ihr ist einzigartig und lässt sich mit
menschlicher Technik kaum systematisieren. Das Leben entzieht sich dem rein menschlichen
Denken; auch künstliche Intelligenz wird daran nichts ändern.
Die Mehrheit der Menschheit glaubt, das Leben beginne mit
unserer Geburt und ende mit unserem Tod. Nur eine kurze Zeit stehe uns für unser
Leben zur Verfügung. So streben Menschen in die Welt hinaus, gründen Familien, erringen
Ämter und Würden, schmücken sich mit materiellem Erfolg und finden sich am Ende
ihres Lebens damit ab, dass alles, was sie je erreicht haben, von ihnen abfällt
und ihnen nichts davon verbleibt.
Die Weisen aber wissen, dass Leben mehr ist als Geburt und Tod,
mehr als alle Güter dieser Welt, und dass Zeit für das Leben keine entscheidende
Bedeutung hat. Leben bewegt sich in Dimensionen, die nur erahnt werden können. Es
war schon da, vor der Entstehung der Welt und des Menschen, und es wird noch da
sein, wenn es die menschliche Existenz nicht mehr gibt. Das gilt für die ganze
Natur, nicht nur für den Menschen. Alles existiert, weil es Leben gibt, weil es
sich in einem ewigen Kreislauf erneuert und keinen endgültigen Tod kennt.
Nichts ist und bleibt so, wie es dem menschlichen Auge sichtbar erscheint;
alles entwickelt sich fort, verändert seine Strukturen und verwandelt sich.
Selbst Planeten werden geboren und sterben, kehren in ihren ursprünglichen Zustand
zurück und werden neu geboren.
Die ganze Natur ist sich dieses ewigen Werdens und Vergehens
nicht bewusst. Nur dem Menschen ist die Fähigkeit gegeben, das Leben zu ahnen. Leben
ist ewige Wandlung: Es lässt nichts unverändert, sondern befindet sich in einem
fortwährenden Schöpfungsprozess. Der Mensch nennt diese Kraft das Leben, die
Totalität, die Gesamtheit, die Gottheit. Wer sich dieser Kraft bewusst wird,
ändert sein Leben. Er beginnt, das Leben in allem zu sehen, es auch in sich zu
spüren und sich als Teil der Schöpfungskraft zu fühlen. Wenn der Mensch
erwacht, begegnet ihm das Leben nicht nur in der Schöpfung, die ihn umgibt,
sondern auch in ihm selbst.
Der sich bewusst werdende Mensch weiss das Geschenk des
Verstandes durchaus zu schätzen. Er begreift aber, dass sein Sein nicht vom
Verstand bestimmt wird. Er begreift auch, dass er seinen Verstand zum Schweigen
bringen muss, wenn er sich seinem eigentlichen Leben nähern will. So lehren uns
fast alle Religionen und Weisheitslehren die Meditation. Es ist die Stille in
uns, die uns das Leben bewusst werden lässt; es ist das Pochen unseres Herzens,
das uns das Leben in unserem Körper fühlen lässt; es ist das Rauschen des
Windes in den Bäumen und die Schönheit der Blumen in unserem Garten, die uns den
Schöpfergeist fühlen lassen. Wohin unser Blick auch führt, begegnen wir dem
Leben. Eine gewaltige Kraft offenbart sich in der Stille als Leben: als Stille
in uns und als Stille um uns. Überall ist die Kraft des Lebens und des
Göttlichen zu spüren.
Geburt und Tod sind nur kurze Episoden in unserem Leben. Alles,
was wir tun oder lassen, wird klein vor den Kräften des Lebens. Wenn wir unser
Leben wirklich leben wollen, müssen wir uns ganz dem Leben hingeben, das sich
in uns offenbart. Wir müssen den Kräften unserer Natur lauschen, unsere Bestimmung
erahnen, mit unserem Schöpfungsgeist in Harmonie leben und das vollbringen, wofür
wir bestimmt sind. Wir ahnen die Anwesenheit des Schöpfergeistes in uns und versuchen,
jeder auf seine Weise, in der kurzen Lebenszeit, die uns gegeben ist, das zu
vollbringen, wofür uns unser Schicksal gesandt hat.
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