Wenn wir die Welt betreten, richtet sich unser Blick zunächst
nach aussen. Wir staunen über ihre Schönheit und Vollkommenheit und werden ganz
Teil dessen, was uns begegnet. In den ersten Jahren bildet sich unser Verstand;
wir übernehmen, was uns Kultur, Eltern, Schulen und Universitäten vermitteln.
Später beginnen wir, unsere eigene Welt zu errichten: ein Haus, eine Familie, einen
eigenen Traum von Welt, so wie auch andere Menschen in ihren je eigenen
Traumwelten leben.
Erst später beginnen wir zu ahnen, dass auch die Welt, die
uns so selbstverständlich erscheint, vergänglich ist. Manchmal braucht es einen
Blick auf frühere Kulturen, um die eigene Gegenwart als etwas Vorübergehendes
zu erkennen.
In meiner Jugend interessierte ich mich für Kunstgeschichte.
Ich reiste nach Griechenland und Italien, bestaunte die Überreste grosser Kulturen
und die technischen Meisterleistungen vergangener Zeiten. Alles war inzwischen
zerfallen, und doch hatten auch die Menschen jener Epochen wohl an die Dauer
ihrer Welt geglaubt. Damals traten die ersten Zweifel in mein Leben: Ist die
Welt, die wir erschaffen, wirklich von Bestand? Sind nicht selbst die kühnsten
Bauwerke, wie ihre Errichter, schon im Moment ihres Entstehens dem Verfall
bestimmt? Von da an begann ich, die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Es dauert seine Zeit, bis wir in der Welt angekommen sind. Ebenso
dauert es, bis wir erkennen, dass nicht die Welt und nicht die anderen Menschen
allein unseren Weg bestimmen. Wir selbst sind berufen, unsere Welt zu bauen, so
wie es alle Menschen vor uns getan haben. So entstehen unzählige Welten, von
den kleinsten bis zu den grössten. Nicht nur der Mensch lebt in seiner eigenen
Welt; auch Tiere und Pflanzen haben ihre Welten. Keine dieser Welten ist für
die Ewigkeit bestimmt. Sie bestehen, solange ihre Schöpfer leben, und sie
vergehen, wie ihre Schöpfer vergehen. Selbst ein Bettler auf den Plätzen der
Städte lebt in seiner Welt, und auch seine Welt endet, wenn er diese Welt
verlässt.
Die Welt, die wir für uns erschaffen, ist eine Welt der
Illusion. Mit Begeisterung bauen wir unser Haus, unsere Familie und unsere
Ordnung der Dinge, und jene, die nach uns kommen, folgen wiederum ihrem eigenen
Bild von Welt. Seit jeher versucht der Mensch, diese Welten besser zu
verstehen. Ganze Wissenschaften sind daraus entstanden, ohne dass es der
Menschheit gelungen wäre, die Schöpfung auch nur in Ansätzen zu erfassen oder
den Schöpfergeist wirklich zu begreifen.
Die Aborigines sprechen von Traumpfaden, wenn sie vom
menschlichen Leben sprechen. Darin liegt eine tiefe Weisheit. Gleicht nicht auch
unsere jeweilige Welt eher einem Traum oder einer Illusion? Wir glauben, in
einer realen Welt zu leben; doch es ist die Welt, die uns unser Verstand
erzählt. Es ist die Welt, in der Häuser gebaut werden und Menschen ihrem Beruf
nachgehen. Wem ist schon bewusst, dass wir in jedem Moment eine veränderte Welt
vor Augen haben, dass alles im Fluss ist und nichts bleibt, wie es ist? Heraklit
hat davon gesprochen, dass wir niemals zweimal in denselben Fluss steigen: Der
Fluss hat sich schon fortbewegt, ist ein anderer geworden, so wie auch das
Leben sich unaufhörlich bewegt und verwandelt.
Das Ende unseres Weges ist auch das Ende unserer Illusionen.
Alle Vorstellungen, die wir uns von der Welt, von unserem Selbst, von unserem Namen,
unserem Rang und unserer Bedeutung gemacht haben, fallen von uns ab. Nackt und
bloss, so wie wir die Welt betreten haben, verlassen wir sie wieder. Alles, was
wir geschaffen haben, löst sich von uns, wird vielleicht noch eine kurze Zeit
von unseren Nachkommen verwaltet, und bald kündet nur noch unser Name auf einem
Grabstein von unserer Existenz.
So wie der Fluss sich am Ende seines Weges in das Meer
ergiesst, in der Gesamtheit der Wasser aufgeht, so mündet auch unser Leben am Ende unseres Weges in der
Ewigkeit allen Lebens. So wie die Tropfen zu Wasser werden, in das Meer
fliessen und dort wieder zu Wolken und Regen werden, in einem ewigen Kreislauf,
so strebt auch das menschliche Leben wieder dem Schöpfergeist entgegen, seiner eigentlichen Heimat. Alles ist ohne Anfang und
ohne Ende; wir sind Schöpfer und Erschaffenes, Teil eines Schöpfungsprozesses,
den unser Verstand nicht erfassen kann, einer Evolution von Leben, das sich in unserer
Existenz offenbart. In tiefer Ehrfurcht sehen wir uns als Teil der Gesamtheit,
wenn wir dorthin zurückkehren, woher wir gekommen sind.
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