Sonntag, 25. Oktober 2026

Fragen ohne Antworten

Bevor wir geboren werden, löst sich unser persönliches Sein aus der Totalität. Noch ruht es in sich; wir sind ein leeres Gefäss, das sich erst füllen muss. Wenn wir erwachen, lernen wir eine Welt kennen, die uns völlig fremd ist. Mit allen Sinnen versuchen wir zu begreifen, was um uns herum geschieht. Schon im Mutterleib hören wir Sprache und erahnen die Welt, die auf uns wartet – eine Welt voller Geheimnisse. Sobald wir zu sprechen beginnen, fangen wir an zu fragen. Wir wollen alles wissen; wir wollen das Leben begreifen, das uns umgibt und das wir selbst sind. Doch wir erhalten nur die Antworten der jeweiligen Kultur, in die wir hineingeboren werden, und der Menschen, die uns umgeben. Irgendwann erkennen wir, dass all diese Antworten nur einen kleinen Ausschnitt der Welt erklären, in der wir leben, und weit davon entfernt sind, unsere Neugier auf sie zu stillen.

Die Mehrheit der Menschen gibt sich mit dem zufrieden, was Eltern, Lehrer und die jeweilige Kultur ihnen als Erklärung der Welt anbieten. Einige wenige jedoch stellen weiterhin die Fragen ihrer Kindheit. Sie hinterfragen, was ihre Sinne ihnen vorgeben, denn sie spüren ein grösseres Potenzial in sich. Sie empfinden sich als Teil der ganzen Welt und nicht nur des kleinen Ausschnitts, in dem sie leben. Sie begreifen, dass es auf ihre Fragen keine endgültigen Antworten gibt. Denn Endgültigkeit, Anfang und Ende sind menschliche Vorstellungen; die Schöpfung aber ist – wie das eigene Sein – ohne Anfang und Ende, und die ewige Wahrheit entzieht sich unserem Denken.

Der weise Mensch erkennt, dass es keine endgültigen Antworten gibt. Weisheit bedeutet, dass wir als Menschen niemals aufhören sollten zu fragen. Das Gefäss unserer Seele lässt sich nicht füllen, denn sie ist Teil einer Ganzheit, die sich als solche nicht erfassen lässt. Das Fragen jedoch ist Teil des Schöpfergeistes; jede Frage ist ein Schritt in die richtige Richtung. Solange wir unserem Sein folgen, können wir diese Richtung nicht verfehlen. Wir können nur unsere eigene kleine Welt erschaffen – als Teil der Schöpfung. Zugleich wissen wir, dass diese Welt vergehen und unsere Fragen unbeantwortet bleiben werden. Doch das Sein in uns ist ewig und trägt all jene Antworten in sich, die unser menschlicher Verstand nicht zu geben vermag.

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