Sonntag, 4. Oktober 2026

Heiligsprechung und die Welt der Sinne

Gerade feiern wir ein Erinnerungsjahr an den heiligen Franziskus von Assisi. Franziskus ist ein Heiliger der katholischen Kirche und einer der beliebtesten Heiligen. Sein Kloster und seine Grabstätte sind seit jeher Ziel vieler Wallfahrer und Besucher. Nur die katholische Kirche ernennt Heilige. Andere Religionen kennen ebenfalls heilige Menschen, denen besondere spirituelle Fähigkeiten zugeschrieben werden. Im Islam werden fromme Menschen besonders im Sufismus verehrt; bei den Hindus sind es Gurus, bei den Buddhisten die grossen Meister und Bodhisattvas. In allen Glaubensrichtungen wird der Begriff «heilig» mit der besonderen Hingabe an das Göttliche verbunden.

Was macht das Heilige im Menschen, in der Natur, in der Schöpfung aus? Ist es der Schöpfergeist, der allem innewohnt? Wäre dann nicht jeder Mensch heilig, jedes Lebewesen und die ganze Natur, sogar der gesamte Kosmos, weil alles vom Schöpfergeist durchdrungen ist?

Warum heben wir dann einzelne Menschen als Heilige hervor? Weil der Mensch als einziges Lebewesen in die Dualität von Welt und Geist hineingeboren ist. Die Sinne des Menschen und sein Verstand verhüllen die eigentliche, tiefe Wahrheit seines Lebens. Welt und Erziehung lassen ihn sein göttliches Sein vergessen. Der verlorene Sohn des Vaters zieht hinaus in die Welt und vergisst seine eigentliche Heimat. Aber immer wieder erreichen ihn die Boten des Zweifels, die ihn fragen lassen, ob die Welt, die sich ihm anbietet, wirklich alles sei, was sein Leben ausmacht. Nur wer diese Mauer des Zweifels überwindet, findet den Weg in die tiefere Wahrheit, die der ganzen Schöpfung zugrunde liegt.

Viele Religionen sagen, es sei eine besondere Gnade, wenn wir die Welt und unsere Sinne überwinden können und den Schöpfergeist, die Totalität, in uns selber finden. Vielleicht ist es die Fixierung des Menschen auf die Welt, sein Glaube, dass nur das, was sein Verstand erfassen könne, die Schöpfung und er selbst seien. Die Mehrheit der Menschheit durchbricht nie die Grenzen des Verstands; sie verharrt beharrlich im Glauben an die Welt ihrer Sinne. Wenn der Verstand nicht in der Lage ist, seine Grenzen zu überschreiten, dann bleibt der Mensch an seine Vorstellungen von Welt und Sinnen gebunden.

Nur einem kleinen Teil der Menschheit ist es vergönnt, die Grenzen der Welt zu durchbrechen und sich zu seinem göttlichen Sein zu erheben. Vielleicht ist es ein Akt der Gnade des Schöpfergeistes, vielleicht ist es die Evolution von Verstand und Geist, die ihrer Vereinigung entgegenstreben; vielleicht ist es die Überwindung des Egos, das jedem Menschen anhaftet und ihn zum Zentrum der Welt macht.

Der grosse Meister Eckhart hat im 13. Jahrhundert gesagt: «Wer Gott finden will, der muss die Kreaturen lassen.» Was er damit meinte, ist: Wir müssen unsere Anhaftung an die Dinge, unsere Vorstellungen von unserem Ich und unserer Welt fahren lassen, um die eigentliche Tiefe in uns selbst zu finden. Wenn wir das richtig verstehen wollen, dann lassen wir die Welt so sein, wie unser Verstand sie zeigt. Wir lassen aber unsere Vorstellungen von Welt und Ego ruhen, um den Blick auf die tieferen Wahrheiten in uns zu öffnen. Die Welt bleibt dann bestehen, so wie sie ist; wir aber treten ein in die eigentliche Tiefe unseres Seins und erkennen, dass wir jenseits unseres menschlichen Ichs Teil der göttlichen Gesamtheit sind.

Für mich ist der lebende Mensch dann heilig, wenn er es schafft, sein menschliches Ego zu überwinden und sich als Teil des Schöpfergeistes zu erkennen. Spätestens bei unserem Tod legen alle Menschen die Illusion der Welt ab und werden wieder eins mit dem göttlichen Sein; sie werden heil und ganz, werden heilig.

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