Sonntag, 24. Mai 2026

Neue Götter

Als Kinder sehen wir unsere Eltern als Götter. Sie geben uns Schutz, Liebe und Geborgenheit. Wenn wir unsere Eltern verloren haben, und niemand aus der Familie die Funktion der Eltern übernimmt, wird unser ganzes späteres Leben problematisch, denn allein auf uns gestellt, fühlen wir uns verloren, schutzlos der Welt ausgeliefert.

Spätestens in der Pubertät nabeln wir uns von unseren Eltern ab. In Schule, Kirche und Büchern kommen wir mit einer neuen Gottheit in Berührung, mit Staat, Religion und unserer Kultur. Wir erfahren, dass eine Gottheit uns und die Welt erschaffen habe. Schutz suchen wir bei fremden Dritten, auch wenn das mit vielen Unsicherheiten verbunden ist.

So geht es den Kindern in der ganzen Welt.  Wir werden in unsere Kultur hineingeboren, leben in den Sitten und Gebräuchen unserer Umwelt. Erfahren, dass nur unsere Kultur, unser Staat und unsere Religion, die einzig massgebende sei, nur unsere Gottheit die Welt erschaffen habe, und nur unsere heiligen Bücher und Gesetze heilig seien.  Nur die Wenigsten trauen sich ihre eigene Kultur in Frage zu stellen und sich aus der Sicherheit und Geborgenheit ihrer Kultur hinauszuwagen in die Welt.

Wenn wir uns hinauswagen in die Welt, verlieren wir unsere Gewissheiten. Keiner kann uns wirklich sagen, woher das Leben kommt, das wir in uns spüren, und wohin wir gehen, wenn uns das Leben verlässt. Wir fragen uns, ob unser Leben einen Sinn, eine Bedeutung und eine Bestimmung hat.  Wir fühlen uns ohne den Schutz unserer Kultur, unserer Gottheiten allein, verlassen und schutzlos.

Auch die modernen Staaten mit ihren Institutionen können uns nicht die Geborgenheit vermitteln, die uns Elternhaus und Religionen gaben. Der Versuch, die Religionen und Kulturen durch Ideologien zu ersetzen, im Sozialismus und Kommunismus abzuschaffen, führte zur Entwurzelung des Menschen, und die führerlos gewordenen Menschen schufen sich neue Götter, Massenmörder, wie Stalin, Hitler oder Mao, die Vernichter aller menschlichen Kultur.   Führerkulte führten zu neuen Gottheiten, mit schrecklichen Folgen für die Menschheit.

Keine Philosophie und keine Psychologie können dem Menschen seine Götter zurückgeben. Die Zerstörung von früheren Gewissheiten, hat keine neue Gewissheiten an ihre Stelle treten lassen. Aber noch immer steht der heutige Mensch staunend vor der Schönheit der Schöpfung, fühlt das Leben, das sich in Allem offenbart, fühlen es in sich selbst.  Es ist das gleiche Gefühl, das unsere Urahnen hatten, als sie die Geister der Natur verehrten, den Geist der Erde und des Himmels. Und wir fragen uns, ob nicht das Leben, das sich in der ganzen Schöpfung offenbart, -auch in uns selbst, die eigentliche Gottheit ist, und wir ein Teil dessen sind, das wir verehren?


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