Sonntag, 16. August 2026

Archaische Rituale

Pride-Paraden erinnern an archaische Rituale des Gruppentanzes. Die Menschen tätowieren sich wieder wie in Frühkulturen auf fast allen Kontinenten. Sie tanzen verzückt zu einem gleichbleibenden Rhythmus, Stunde um Stunde. Fast eine Million Menschen kommen zusammen, um freiwillig an dem Ereignis teilzunehmen. Das Ereignis scheint ihnen Kraft und Lebensfreude zu geben. In Brasilien finden ähnliche Umzüge zum Karneval statt; tagelang ziehen die Gruppen tanzend durch die Stadt, zu den Rhythmen der Trommeln. Die Ursprünge liegen dort im afrikanischen Erbe, das mit den Sklaven nach Brasilien kam. Selbst die Kirchen konnten sich diesen Umzügen nach Ende der Fastenzeit nicht widersetzen, obwohl die Lebenslust der Menschen ihren Vorstellungen nicht ensprachen.

Der Rhythmus der Trommeln entspricht unserem Herzschlag. Wir synchronisieren uns mit dem Beat; verzückt tanzt die Jugend auf den Festivals im gleichen Takt und befindet sich wie ihre Urahnen in einem gemeinsamen Rausch. Der gleiche Rausch scheint bei politischen Massenveranstaltungen zu herrschen, in Bierzelten und Stadien. Es scheint ein klanglicher Gesamtkörper zu entstehen, dem sich niemand entziehen kann. Wir Kriegskinder denken an die Nazizeit, als die Menschenmenge in ein jubelndes Ja ausbrach, als sie nach dem totalen Krieg gefragt wurde. Es scheint nicht nur im positiven Sinne einen Massenrausch zu geben, sondern auch im negativen Sinne, wie beim Rattenfänger von Hameln, dem die Kinder blind ins Verderben folgten, oder wie beim Wunsch der Menschen nach dem totalen Krieg, der zu ihrer eigenen Vernichtung führte.

Wahrscheinlich ist es der Pulsschlag des Lebens, den wir in uns spüren und den wir auf diesen Massenveranstaltungen suchen. Wir fühlen uns dem Leben näher, wenn wir die gleiche Energie in uns verspüren wie Hunderte anderer Menschen, wenn sich dieses gemeinsame Gefühl zu einer gewaltigen Gesamtenergie verbindet und uns alle erfasst. Unser Verstand sagt uns zwar, es handele sich um einen Wahn, weil er dieses Gefühl nicht einordnen kann. Das Leben zu fühlen, gehört nicht zu den Bereichen, die für den Verstand zugänglich sind, genauso wenig, wie der Verstand erfassen kann, was Leben ist. Aber gerade weil niemand erklären kann, was der Rausch des Lebens ist, faszinieren den Menschen Ereignisse, in denen eine Gesamtenergie entsteht, die sich dem menschlichen Denken und Wissen entzieht, die er aber deutlich in sich spürt.

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