Samstag, 29. August 2026

Die heiligen Schriften

Immer wieder sind im Verlauf der Geschichte erleuchtete Menschen unter die Menschheit getreten, die später als grosse Lehrer überliefert wurden. Seit der Erfindung der Schrift sind auch Teile ihrer Lehren erhalten geblieben. Doch nie hat ein Erleuchteter selbst uns etwas Schriftliches hinterlassen. Es waren stets Jünger und Nachfolger, die das niederschrieben, woran sie sich erinnerten.

Dafür gibt es einen guten Grund: Erleuchtung lässt sich nicht in Worte fassen. Sie ist etwas Einzigartiges, eine Gnade, die nur dem Erleuchteten selbst zugänglich ist. Die Jünger konnten deshalb nur erahnen, dass unter ihnen ein erleuchteter Mensch weilte; jeder von ihnen vermochte nur einen kleinen Teil dessen zu begreifen, was der Meister zu sagen hatte. Erleuchtung ist ein innerer Vorgang, der sich der Sprache entzieht. Sie kann nicht gehört, nicht gesehen, nicht gefühlt und erst recht nicht in Schriftform festgehalten werden. Erleuchtung ist ein Seelenzustand, kein Wissen und nichts Erlernbares.

Oft waren es grosse Dichter und Schriftsteller, die erst Jahrhunderte nach dem Leben eines Erleuchteten dessen überlieferte Lehren zu Papier brachten. Dabei entstanden nicht selten Werke von beachtlicher Poesie und sprachlicher Schönheit. Doch sie entsprechen nicht notwendig den Wahrheiten, die sich dem Erleuchteten selbst offenbart hatten. Die wahrhaft Erleuchteten wollten keine Schriften hinterlassen und keine neue Religion gründen. Sie hatten die Wahrheit gesehen; und diese Wahrheit war zu allen Zeiten nur einem kleinen Kreis von Menschen zugänglich und kaum geeignet, von allen verstanden zu werden.

Schon die Jünger Buddhas, Jesu oder Laotses ahnten nur, dass unter ihnen ein Mensch lebte, dem Erleuchtung zuteilgeworden war. Sie folgten ihm in der Hoffnung, ihr Meister könne sie zur Erleuchtung führen. Jeder von ihnen verstand, hörte oder empfand etwas anderes; ob aber auch einer der Jünger selbst erleuchtet wurde, wissen wir nicht. Erleuchtung lässt sich weder lernen noch in Büchern erfassen. Sie ist eine Gnade, die demjenigen zuteilwird, der sich ihr zu öffnen vermag.

Für unseren Verstand bleibt Erleuchtung unbegreiflich, so unbegreiflich wie das Leben selbst in uns. Erleuchtung ist heilig, weil sie aus dem Leben fliesst, aus jenem Schöpfergeist, der allem innewohnt, was ist. Heilig ist alles, was Teil der Schöpfung ist. Auch der Mensch selbst, mit seiner Seele und seinem Leben, ist heilig. Nicht die Bücher und Worte sind heilig. Sie wurden von Menschen geschrieben, lange nachdem jene Erleuchteten, auf die sie sich berufen, die Welt verlassen hatten. Sie entstanden aus menschlichem Verstand und menschlicher Erinnerung, oft getragen vom guten Willen, etwas von dem zu bewahren, was ein Erleuchteter als Vermächtnis hinterliess. Doch weit entfernt bleiben sie davon, Erleuchtung selbst zu vermitteln.

Wenn solche Bücher heilig genannt und dazu benutzt wurden, einander zu bekriegen und zu töten, weil man glaubte, allein im Besitz der ewigen Wahrheit zu sein, dann wird deutlich, dass es Bücher von Menschen für Menschen sind. Sie enthalten alles, was menschlichem Verstand entspringen kann: grosse Dichtung und Schönheit ebenso wie abgründige Scheusslichkeiten. Ob man diese Schriften heilig nennen will, bleibt jedem selbst überlassen. Erleuchtung aber ist ein innerer Zustand; Worte allein sind wenig geeignet, zu ihr zu führen. Es ist die Seele, wenn sie zu uns spricht, die den Weg zur Erleuchtung öffnet. Und die Seele spricht durch das Schweigen des Verstandes und durch die Anwesenheit des Göttlichen in uns.

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