Immer wieder sind im Verlauf der Geschichte erleuchtete Menschen unter die Menschheit getreten, die später als grosse Lehrer überliefert wurden. Seit der Erfindung der Schrift sind auch Teile ihrer Lehren erhalten geblieben. Doch nie hat ein Erleuchteter selbst uns etwas Schriftliches hinterlassen. Es waren stets Jünger und Nachfolger, die das niederschrieben, woran sie sich erinnerten.
Dafür gibt es einen guten Grund: Erleuchtung lässt sich nicht
in Worte fassen. Sie ist etwas Einzigartiges, eine Gnade, die nur dem
Erleuchteten selbst zugänglich ist. Die Jünger konnten deshalb nur erahnen, dass
unter ihnen ein erleuchteter Mensch weilte; jeder von ihnen vermochte nur einen
kleinen Teil dessen zu begreifen, was der Meister zu sagen hatte. Erleuchtung
ist ein innerer Vorgang, der sich der Sprache entzieht. Sie kann nicht gehört,
nicht gesehen, nicht gefühlt und erst recht nicht in Schriftform festgehalten
werden. Erleuchtung ist ein Seelenzustand, kein Wissen und nichts Erlernbares.
Oft waren es grosse Dichter und Schriftsteller, die erst
Jahrhunderte nach dem Leben eines Erleuchteten dessen überlieferte Lehren zu
Papier brachten. Dabei entstanden nicht selten Werke von beachtlicher Poesie
und sprachlicher Schönheit. Doch sie entsprechen nicht notwendig den Wahrheiten,
die sich dem Erleuchteten selbst offenbart hatten. Die wahrhaft Erleuchteten
wollten keine Schriften hinterlassen und keine neue Religion gründen. Sie hatten
die Wahrheit gesehen; und diese Wahrheit war zu allen Zeiten nur einem kleinen
Kreis von Menschen zugänglich und kaum geeignet, von allen verstanden zu
werden.
Schon die Jünger Buddhas, Jesu oder Laotses ahnten nur, dass
unter ihnen ein Mensch lebte, dem Erleuchtung zuteilgeworden war. Sie folgten
ihm in der Hoffnung, ihr Meister könne sie zur Erleuchtung führen. Jeder von
ihnen verstand, hörte oder empfand etwas anderes; ob aber auch einer der Jünger
selbst erleuchtet wurde, wissen wir nicht. Erleuchtung lässt sich weder lernen
noch in Büchern erfassen. Sie ist eine Gnade, die demjenigen zuteilwird, der
sich ihr zu öffnen vermag.
Für unseren Verstand bleibt Erleuchtung unbegreiflich, so unbegreiflich
wie das Leben selbst in uns. Erleuchtung ist heilig, weil sie aus dem Leben
fliesst, aus jenem Schöpfergeist, der allem innewohnt, was ist. Heilig ist
alles, was Teil der Schöpfung ist. Auch der Mensch selbst, mit seiner Seele und
seinem Leben, ist heilig. Nicht die Bücher und Worte sind heilig. Sie wurden
von Menschen geschrieben, lange nachdem jene Erleuchteten, auf die sie sich
berufen, die Welt verlassen hatten. Sie entstanden aus menschlichem Verstand und
menschlicher Erinnerung, oft getragen vom guten Willen, etwas von dem zu bewahren,
was ein Erleuchteter als Vermächtnis hinterliess. Doch weit entfernt bleiben
sie davon, Erleuchtung selbst zu vermitteln.
Wenn solche Bücher heilig genannt und dazu benutzt wurden, einander
zu bekriegen und zu töten, weil man glaubte, allein im Besitz der ewigen
Wahrheit zu sein, dann wird deutlich, dass es Bücher von Menschen für Menschen
sind. Sie enthalten alles, was menschlichem Verstand entspringen kann: grosse
Dichtung und Schönheit ebenso wie abgründige Scheusslichkeiten. Ob man diese
Schriften heilig nennen will, bleibt jedem selbst überlassen. Erleuchtung aber ist
ein innerer Zustand; Worte allein sind wenig geeignet, zu ihr zu führen. Es ist
die Seele, wenn sie zu uns spricht, die den Weg zur Erleuchtung öffnet. Und die
Seele spricht durch das Schweigen des Verstandes und durch die Anwesenheit des
Göttlichen in uns.
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