Schon als meine Mutter mich das Beten lehrte, interessierte ich mich dafür, was denn das Übel sei, von dem ich um Erlösung bat. Meine Mutter meinte, das sei die Sünde, das Böse, das wir tun. Ich gab mich lange mit dieser Erklärung zufrieden.
Später dachte ich, das Übel läge in der Dualität, in die wir
als Menschen geboren werden. Nur der Mensch kennt Gut und Böse, Liebe und Hass,
Krieg und Frieden. Vielleicht handelt es sich um einen Geburtsfehler der
Menschheit, um den menschlichen Verstand, der alles in dualer Form sieht. Aber warum
sollte der Schöpfergeist so fehlerhaft handeln und eine hoch entwickelte
Spezies mit etwas ausstatten, das so viele Probleme bereitet? Mir schien es
wahrscheinlicher, dass Dualität ein bewusster Schritt in der Evolution der
Schöpfung war, um dem menschlichen Geist die Fähigkeit zu geben, sich selbst zu
erkennen. Wie sollte denn der Mensch je den göttlichen Geist erkennen können,
wenn er nicht die Fähigkeit entwickelte, zwischen Schöpfergeist und Schöpfung
zu unterscheiden?
Einen entscheidenden Hinweis fand ich erst bei Meister Eckhardt.
Er weist darauf hin, dass das grösste Übel des Menschen in der persönlichen Anhaftung
an die Welt besteht. Es reicht nicht, wenn wir allen irdischen Gütern entsagen,
in ein Kloster gehen oder zu indischen Weisen pilgern, um Weisheit zu erlangen.
Wo immer wir nach höherem Wissen, nach Erleuchtung suchen, werden wir auf menschliche
Egos stossen: in geistlichen Hierarchien, in religiösen Organisationen – überall
treffen wir auf menschliche Egos. Es sind die Egos, die an der Welt anhaften, an
den Menschen, denen wir begegnen, an uns selbst und unserem Leben in der Welt. Das
menschliche Ego begegnet uns und ist schon da, wo immer wir uns von ihm erlösen
wollen. Selbst im Spiegel an der Wand blickt uns unser eigenes Ego an.
Nur wenn wir unser Ego loslassen können, befreien wir uns von
dem eigentlichen Übel der Menschheit; dann erst wird der göttliche Geist
sichtbar, der uns ausmacht. Alle Güter dieser Welt sind dann ohne Bedeutung; sie
sind nur Teil der Welt, in der wir leben, Teil der körperlichen Existenz. Wenn
wir unser Ego loslassen können, leben wir noch immer in der Welt, aber wir erkennen
das Leben in uns und kehren in die Einheit mit dem Schöpfergeist zurück. Nur in
der Einheit mit der Gesamtheit dienen wir der Evolution der Schöpfung, gleich,
ob wir ein erleuchteter Herrscher, Priester oder einfacher Bewohner dieses
Erdballs sind. Das einzige Übel in dieser Welt, das Übel der Anhaftung an unser
Ego, haben wir dann hinter uns gelassen.
Es reicht nicht, wenn wir in unserem Gebet um die Befreiung von
dem Übel bitten. Es ist ein aktives Handeln unsererseits erforderlich. Wenn wir
unser Ego als Ursache allen Übels erkennen, befreien uns weder Gott noch Gebet oder
Religion von unserem Ego. Wir selbst sind gefordert, ebenso wie die geistigen
Kräfte, die uns mitgegeben sind. Unser aktives Handeln ist gefragt, um unser
Ego zu besiegen. Erleuchtung werden wir nur jenseits unseres Egos erfahren. Das
Leben in uns ist die Kraft, die uns dabei hilft, das Ego als grösstes Übel zu
erkennen, und was wir erkennen können, das können wir auch ablegen.
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