Sonntag, 7. Mai 2023

Manipulationen

Wenn wir auf die verschiedenen Völker und  ihre Regierungen blicken, kann uns nur das Entsetzen packen, mit welcher Unverfrorenheit die Mächtigen ihre, ihnen vertrauenden Menschen, manipulieren.  Es gibt die alten Formen der Manipulation, wie in allen faschistischen Staaten, wo mit brutaler staatlicher Unterdrückung die Menschen in der Unterwerfung gehalten werden, Gefangene der Mächtigen, in staatlichen Gefängnissen. Es gibt die verfeinerten Methoden, wie in China, wo mit allen Möglichkeiten der digitalen Überwachung gearbeitet wird, wo erkennbare Gegner der herrschenden Eliten in staatlichen Gewahrsam genommen werden. Es gibt die noch versteckteren Systeme  der westlichen Welt,  in denen angeblich Demokratie herrscht und Gedankenfreiheit. Dort wird durch die Medien und die angeblich freiheitliche, öffentliche Meinung manipuliert. Demokratie kann man es wohl nicht nennen, wenn  den Menschen nur Parteien zur Wahl vorgesetzt werden, die   wiederum von Cliquen beherrscht werden, die  ihre eigenen Parteien manipulieren. Einmal an der Macht, wollen sie sich nur ungern von ihren lukrativen Posten trennen und erfinden immer neue Ablenkungsmanöver, um ihre gutgläubigen Wähler davon abzuhalten,  sich näher mit ihrer Regierung zu befassen. Es werden nicht nur Kriege erfunden, -  da wüssten noch die Menschen woran sie wären. Heute werden stattdessen Nebenkriegsschauplätze geschaffen, wie Klimawandel, Gendern, Seuchen, Immigration, die  Enteignung von Erfolgreichen und darüber wird vergessen, dass auch die herrschende Clique nichts anderes im Sinn hat, als auf Kosten der Allgemeinheit sich an den Futterkörben des Staates zu bedienen. Das Einzige  worin sich  die subtilere Manipulation der Demokratien von den brutalen Formen der faschistischen Staaten  unterscheidet, ist die Unsichtbarkeit der Manipulation für den normalen Bürger. – Die gefährlichste Manipulation aber findet in unseren eigenen Köpfen statt, es ist die Selbstmanipulation. Die Mehrheit der Menschen befindet sich im Tiefschlaf, was ihre geistigen Wahrnehmungsmöglichkeit anbelangt. Es waren gerade die jungen, naiven Menschen und die Intellektuellen, die begeistert die roten Bibeln schwangen und den Kommunismus verehrten, unter dessen Fahnen  das Paradies auf Erden entstehen sollte, aber mehr als hundert Millionen von Menschen ermordet wurden. Heute sind es die gleichen Manipulatoren, im Westen wie im Osten, die gerade die Jugend und die angeblich aufgeklärten Linken verführen. Die halbe Welt scheint am liebsten im Wahn zu leben,  Jugendliche kleben sich an Strassen fest, reden vom Weltuntergang, lauschen verzückt den Geschichten von Kindern,  und merken nicht, dass sie von den eigentlich Mächtigen wieder einmal manipuliert werden. Die unkritische Selbstmanipulation führt den Menschen wieder in die Irre. Es herrschen Irrsinn und Wahnsinn, wie zu allen Zeiten. Der Mensch  irrt buchstäblich im Wahn durch die Welt, schliesst sich  der Weltrettung an, und glaubt wieder einmal an die irren Gedanken von grünen Bibeln, die diesmal nicht das Paradies, sondern den Untergang der Welt voraussagen. - Die Welt wird sich nicht  durch die verrückten Ideen der Spezies Mensch ändern, sie zieht ungerührt ihre Bahn durch den Kosmos. Auch die Spezies Mensch scheint sich nicht zu ändern. Ein Wahnsinn wird durch den nächsten abgelöst.  Der Mensch lebt ohne zu denken, ist nur manipulierter Zombie, der nicht begreift, was er tut. Der Mensch geht blind durch eine fiktive Welt, die es nur in seinem Kopf gibt und verpasst dabei sein eigenes Leben. Denkende Menschen, die sich nicht manipulieren lassen, sind zu allen Zeiten seltene Exemplare gewesen. Die Masse Mensch geht wie eh und je ihren Beschäftigungen nach, glaubt das, was die Medien berichten,  denkt nicht einen Moment darüber nach, ob das was sie hört und sieht auch so ist, wie es scheint. So braucht es keiner grossen Manipulation von aussen, um die Massen zu manipulieren, es ist die  Selbstmanipulation des Einzelnen, die es den Machthabern so leicht macht,  ihre Macht zu erhalten. Heute sind es die grünen Bibeln von Kindern und Weltverbesserer, die uns manipulieren sollen ,gestern waren es die roten. Weder rote, noch grüne Bibeln haben jemals die Welt verbessert. Das einzige, was die Welt verbessern könnte, wäre das Erwachen des Menschen aus seiner Unmündigkeit und aus seiner Selbstmanipulation.

Samstag, 6. Mai 2023

Leben und Alter

Die Meisten von uns verstehen unter Leben,  die Geschichte ihres Lebens. Es ist die Geschichte des Menschen auf seinem Weg durch die Welt. Wenn die Geschichte zu Ende ist, dann werden sie ins Altersheim abgeschoben und es bleibt ihnen nur die Erinnerung an Vergangenes,  eine Geschichte, die sich in ihrem Kopf ständig wiederholt. Wir nennen sie dann alt und verkalkt. - Selbst die alten Religionen sind nicht mehr in der Lage, ihnen Hoffnung auf eine Zukunft nach dem Tod zu machen .-  Goethe hat für seinen Faust 60 Jahre gebraucht, um ihn zu vollenden. Im Faust I wird die Geschichte des Menschen hinaus in die Welt geschildert. Faust verliert sich an die Versuchungen der Welt. Die Welt in der Figur des Satans dargestellt.  -  Und dann Faust II, der von vielen nicht richtig verstanden wird:  Die Rettung des Menschen von der Welt, das Erwachen zum Leben. Faust wird gerettet, weil er sich dem wirklichen Leben öffnet, dem Leben hinter dem Leben. Leben wird zum Göttlichen, das in Allem ist. Die Welt der Sinne tritt zurück, es öffnet sich der Himmel, und Faust erkennt, dass der Himmel  sein wahres Leben ist, er kehrt in sein wahres Ich zurück. -  Wer nicht dieses faustische Erwachen in sich selbst erleben  kann,  bleibt in der Illusion von Welt,  wird im Alter starr und dement, ohne Verständnis für das was sein Leben war.   Demenz ist dann eine von ihm selbst verursachte Folge, er hat seinen Verstand verloren. - Dem nicht erwachten Menschen bleibt nur die Geschichte seines vergangenen Lebens, die Vergangenheit, die in ständiger Wiederholung in seinem Kopf kreist.  Dabei wäre gerade das Alter der Moment, in dem der trügerische Schein der Welt von ihm  abfällt und er sich dem eigentlichen Leben öffnen könnte.  Auf seinem Weg durch die Welt   hatte er sein Leben vergessen, aber ohne dass er es merkte, war sein Leben immer sein Begleiter. - Wenn wir Faust II begriffen haben, dann wird uns bewusst, was Leben ist: das Göttliche in Allem was uns umgibt, in den Menschen, in der Natur, im gesamten Kosmos,  und am Wichtigsten, auch in uns selbst. Immer wieder in der Geschichte der Menschheit treten die Mahner in unser Leben und weisen uns den Weg. Goethe war einer von ihnen. Aber wer kennt schon Faust II?  Unser Leben ist daher nicht nur ein Teil der  Geschichte der Welt,  unser Leben wartet in uns auf unser Erwachen, auf die Wende in unserem Leben, auf  den Moment, in dem wir zum Leben in uns zurück finden.  Welcher Zeitpunkt wäre dazu geeigneter als unser Alter, wenn der Ballast der Welt von uns langsam abgefallen ist?


Dienstag, 2. Mai 2023

Putin und der Wahnsinn

Wieder herrscht Krieg in Europa und in vielen Teilen der Welt. Wie  zu allen Zeiten reiten die apokalyptischen Reiter durch die Welt. Sie heissen Seuchen, Hunger, Völkerwanderung, Klimawandel, Wahnsinn, Krieg und Tod. Wie immer scheint der Untergang der Menschheit nahe.  Was uns so denken lässt ist nicht der Wahnsinn in den Köpfen der Herrschenden, sondern der Wahnsinn im Grossteil der Menschheit. Die meisten Menschen leben im Wahn, dass was ihre Sinne ihnen zeigten, das wäre die Welt. Die Sinne zeigen uns aber nur kleine Teile der Welt, die Welt wie sie wirklich ist, bleibt uns weitgehend verborgen. Die Wissenschaft hat es weit gebracht in kurzer Zeit,  kratzt aber nur an der Tür zur Schöpfung. Wenn die Sinne glauben, die Welt wäre das, was sie wahrnehmen können, dann  bezeichnet die Sprache das als Wahn. Die Welt unserer Sinne und unserer Wahn von Welt sind der Wahnsinn der menschlichen Wahrnehmung. So ist die Frage durchaus berechtigt, ob Putin wahnsinnig sei – er  ist genauso wahnsinnig, wie derjenige, der die Frage stellt. Solange wir unser Leben als Wahrnehmung unserer materiellen Existenz begreifen, sind wir im Wahn der Sinne befangen. Wir erkennen nicht, dass Leben in Allem ist, was existiert. Leben ist nicht nur im Menschen, in der Natur, in allen Materialien, in unserem Planeten, Leben ist auch in  Atomen und Molekülen und und in der Energie, die diese bewegt.  Alle Welten unterliegen den gleichen Gesetzen. Wenn der Mensch die Gesetze, die ihn ausmachen nicht mehr erkennen kann, hilft ihm ein Blick in andere Welten. - In der Welt der Energie herrscht Ordnung und Chaos. Beides scheint sich unabhängig voneinander zu bewegen. Das kreative dieses Prinzips scheint darin zu liegen, dass sie scheinbar unabhängig voneinander sind und doch wieder ins Gleichgewicht zurückfinden. In der Welt des Menschen gelten die gleichen Gesetze. Auf die Zeit der Unordnung und des Chaos wird wieder die Zeit des Gleichgewichts der Kräfte folgen. Es sind diese Kräfte, die die Schöpfung bewegen und weiterentwickeln. Die gleichen Kräfte bestimmen auch das Leben des Menschen.  Auf  Störung und Chaos folgt Gleichgewicht und Frieden. Unser Verstand nennt das eine gut, das andere schlecht. Beides bedingt sich und findet immer wieder zurück in das Gleichgewicht. Der Weg des Menschen ist so auch ein Weg in den Wahnsinn der Welt und zurück in die Einheit mit dem Leben. Wir nennen das Schicksal, dem wir nicht entrinnen können.  Selbst im grössten  Chaos der Welt, im Krieg und den Gefangenenlagern, die von den Mächtigen errichtet werden, können wir das Leben sehen lernen, das in Allem ist.  Das Leben, das alles erfüllt, vor allem auch uns selbst, das uns keiner nehmen kann, auch nicht der Tod und die Vernichtung. Wenn das Licht dieser Erkenntnis uns trifft, fällt der Wahnsinn der Sinne von uns ab und wir sehen uns und die Welt als das, was sie wirklich sind, als Teil der göttlichen Schöpfung, die sich in diesem Moment uns offenbart. Wahnsinn und Chaos sind Teil des Schöpfungsprozesses, und immer finden die ausgelösten Kräfte ihren Ausgleich und ihren Frieden. So ist der Wahnsinn der Welt auch gleichzeitig der Frieden der Schöpfung.


Erinnerungen 5 - Gedanken zu Erinnerungen

Während ich über Erinnerungen schreibe, muss ich mich immer daran erinnern, dass jede Erinnerung flüchtige Energie  im Raum der Gegenwart ist. Energie, die ständig ihre Form ändert, aus der Ewigkeit des Raums aufscheint und im nächsten Moment eine andere Form annimmt und zu einer geänderten Erinnerung wird. So entstehen Bilder aus der Gegenwart des Momentes, die möglicherweise nichts mit den tatsächlichen Begebenheiten zu tun haben. Geschichte ist von allen fragwürdigen Wissenschaften, die Allerfragwürdigste. Der Historiker beschäftigt sich mit längst vergangenen  Erscheinungsformen von Welt, die lange vorher in der Vergangenheit entstanden und vergangen sind. Meine Erinnerungen und alle Erinnerungen, die es in der Welt gibt, sind ein energetischer Gedanke, der nur in dem Moment existiert, in dem er entsteht. Das gilt nicht nur für das, was ich in diesem Moment niederschreibe, sondern für alles, was in den Bibliotheken dieser Welt verwahrt oder Teil  des kollektiven Gedächtnisses der Menschheit ist.  Alles entsteht und vergeht bereits im Moment seiner Erscheinung. Das gilt nicht nur für Worte und Gedanken, es gilt auch für alle anderen Erinnerungen und Formen, für die flüchtigsten und die festesten Erscheinungsformen, im nächsten Moment hat sich das Gegenständliche der Form bereits verändert, der Gedanke,   wie  auch das Haus, das wir scheinbar so fest errichtet haben – im nächsten Moment ist es  bereits dem Zerfall übereignet und in 100 Jahren wird es verschwunden sein. Wenn ich über Vergangenes schreibe, dann weiss ich, dass alles was ich schreibe längst verändert ist, und jede Überlieferung immer in neuer Erscheinungsform verkleidet wird.  Erinnerungen sind nicht mehr als die Bilder eines Romans, die im Leser entstehen und wieder verschwinden, wenn ich die nächste Seite umblättere. Daran erinnere ich mich, während ich dies schreibe, nichts überlebt den Moment ohne Veränderung, selbst das Wort auf dem Papier verblasst mit seiner Niederschrift. Und doch lohnt es sich das  Vergehen jedes Gedankens und jeden Gegenstandes zu erleben, denn im Vergehen scheint der Raum auf, aus dem Alles entsteht, der Raum des Ewigen, der Raum von Stille und Leere. - Und ich erinnere mich auch daran, dass ich selbst im gleichen Prozess des Vergehens  bin, und mit jedem Moment meines Lebens der Moment näher kommt, in dem mein existenzielles Sein beendet sein wird,  und ich zurückkehre, dorthin woher ich gekommen bin. Die Welt will nichts von diesen Vorgängen wissen,  der kleine menschliche Verstand wehrt sich mit allen Kräften gegen seinen Untergang. Der Verstand erkennt nicht das Wunderbare, das Heilige im ewigen Veränderungsprozess, die Tiefe die hinter dem Existenziellen liegt, die göttliche Gelassenheit und Ruhe in der alles stattfindet. Tod und Vergängliches sind nur Wandlung,  und in der Wandlung erkennen wir das Göttliche, das wir selber sind. Daran erinnere ich mich, wenn ich dies niederschreibe.

Erinnerungen 4 - Die Geschwister

Es steht mir nicht zu, über lebende Personen zu schreiben. Daher beschränke ich diese Erinnerungen auf meine und die Generation vor uns.  Ich hatte das Glück, als Ältester von 3 Geschwistern, mit zwei besonderen Menschen aufzuwachsen. Wichtig war, dass uns kein grosser Altersunterschied trennte, meine Mutter war schon 37 als ich als Erster zur Welt kam und sie war 40  als Andreas 1943 geboren wurde. Was heute eher normal erscheint, war damals schon eine späte Geburt.

Mein Bruder Arnim war schon früh den Geisteswissenschaften zugewandt. Als wir in Mailand lebten gingen wir zusammen über einen antiquarischen Büchermarkt. Er sah ein Buch das ihn interessierte, bat mich, ihm 100 Lire zu leihen, um es zu kaufen.  Er war 10 Jahre alt – es war eine koptische Grammatik.  Er wolle sie in den Schulferien lernen sagte er – und er tat es.  Er war nie gross an Äusserlichkeiten interessiert. Zu seiner Antrittsvorlesung als Professor in Konstanz lieh er sich eine Anzugsjacke von mir, er besass keine eigene. Seit früher Jugend lebte schon sein Geist in anderen Welten und sein Studium dauerte länger als gewöhnlich. Er überraschte uns alle, als ich ihn eines Morgens anrief, ihn in einer Bibliothek in Münster erreichte, und er mir mitteilte er hätte geheiratet. Wir freuten uns für ihn, waren aber etwas traurig, wir hätten die Hochzeit gerne mit ihm gefeiert. Arnim wurde zum führenden Linguisten seiner Zeit. Er erhielt den Lehrstuhl  für Linguistik der Universität Tübingen. Seine schriftlichen Werke wurden wegweisend weit über Deutschland hinaus. Er schrieb entscheidende Lehrbücher, über Semantik, zur generativen Grammatik und Syntax, zu den Bausteinen syntaktischen Wissens. Seine Kollegen bestätigten mir, dass er zu den bedeutendsten Wissenschaftlern seines Bereichs gehörte. Von uns drei Brüdern, war er der gebildetste, sprach 16 Sprachen, war tief in die Philosophie und Mathematik eingestiegen – wir Brüder waren immer stolz auf ihn. Er fühlte sich nicht nur in  Bibliotheken  und Seminaren wohl,  sehr gerne fuhr er mit seiner Familie ins Tessin in sein Rustico, das man nur mit einem beschwerlichen Fussmarsch erreichen konnte. Wir haben dort schöne Tage miteinander verbracht. Heute hat ein Gehirnschlag diesen grossen Geist zum Schweigen gebracht.  Er verbringt seine Tage  mit seiner Frau Franzis, die seit seiner Zeit in Münster, immer an seiner Seite gewesen ist. Wenn ich  meinen Bruder heute treffe, fühle ich die gegenseitige tiefe Verbundenheit zwischen uns, ich bin immer sein grosser Bruder geblieben.

Mein Bruder Andreas kam als Jüngster am Ende des Krieges zur Welt. Er litt vor allem unter dem Nahrungsmangel der Nachkriegszeit. Er brauchte besonders seine Mutter und vertrug es nicht von zuhause getrennt zu sein.  Er ging auch mit meinen Eltern nach Kopenhagen, als wir anderen Brüder auf ein Internat kamen, um uns auf das Abitur vorzubereiten. Zu meinem Vater hatte er ein besonderes Verhältnis, er war ihm am ähnlichsten.  Andreas schlug dann auch den gleichen Berufsweg des Vaters ein. Andreas war dreimal verheiratet. Aus seiner ersten Ehe stammt sein Sohn Konstantin.  Seine zweite Frau, eine französische Physikerin,  starb früh und ich erinnere mich, wie ich bei ihrem Begräbnis in den französischen Alpen, ihren kleinen Sohn Adrian  in den  Armen  hielt und  wir den Psalm hörten,  der von der Hilfe spricht, die von den Bergen kommt. Andreas fand in Junko, einer japanischen Sängerin, noch einmal eine  späte Liebe. Junko wurde für Adrian eine wunderbare Mutter. Die neue Familie war noch gemeinsam auf den letzten Botschafterposten in Thailand und der Schweiz. Andreas starb viel zu früh an einem zu spät entdeckten Darmleiden. Auch hierin hatte er das gleiche Schicksal unseres Vaters, der früh an seinem Lungenleiden starb. Bis zuletzt hatte ich ein tiefes Vertrauensverhältnis zu Andreas. Er war unser jüngster Bruder und stand mir immer besonders nah. Er liegt  in Stechow in unserem Familienbegräbnis. Auf dem Grabstein steht auch der Name von Junko,  sie möchte mit ihm gemeinsam begraben werden.


Die Mutter 2

Die  Nachkriegszeit  ist schon Teil meiner bewussten Erinnerungen.  Die davorliegende Zeit kenne ich nur aus den Erzählungen der Eltern. Die Eltern trafen sich, auf getrennten Wegen,  1945 wieder in Reinbek bei Hamburg, der westlichen Besatzungszone. Sie wurden dort in einer Flüchtlingswohnung untergebracht. Meiner Mutter gelang es bald wieder als Journalisten zu arbeiten, beim Hamburger Abendblatt. Zwei Kindermädchen machten das möglich.  Unser Vater arbeitete bis 1950 bei der Deutschen Presseagentur. Die Nachkriegsjahre waren die schwierigsten Jahre, weil die Lebensmittelkarten nicht reichten und  nicht ausreichend Nahrung zur Verfügung stand. Immerhin gelang es, vor allem meiner Mutter, so viel Nahrung zu beschaffen, dass wir nicht verhungerten. Ein kleiner Gemüsegarten, den sie angepachtet hatten, half dabei sehr.  Ihre beiden, in der Ostzone, zurückgelassenen Kinder, meinen Bruder Arnim und mich, holte sie einzeln, unter Lebensgefahr, schwarz über die Zonengrenze, auch in den Westen. - Erst 1950 änderte sich unser Leben, mit der Berufung des Vaters als Konsul nach Mailand. Es war wahrscheinlich ein neuer Lebensabschnitt für unsere Mutter, jetzt nur noch als Ehefrau für die Familie da zu sein. Die Zeit in Mailand brachten Ruhe in unser Leben, die Schrecken des Krieges und der Mangel der Nachkriegszeit fielen von uns ab. Auch in unserer Mutter konnte man den  neuen Frieden merken, sie war zum ersten Mal nicht mehr für das Überleben der Familie verantwortlich, sondern konnte sich ganz der Familie widmen. Sie vermisste noch ihren Beruf,  aber die Hinwendung zu ihrer Familie tat nicht nur ihr gut, sondern uns allen. Ihr Leben war in ruhiges Fahrwasser geraten, das bis zum Tod  ihres Mannes nach der Pensionierung andauerte. Ab 1950 hatte sie sich entschlossen ihr Leben ganz der Familie zu widmen, auch wenn ihr immer eine leichte Trauer  in den Gedanken an ihre Berufszeit anhaftete. Sie kümmerte sich um uns alle, um die Familien ihrer Kinder, die Enkelkinder.  Den zunehmenden Verlust ihrer Hörfähigkeit nahm sie gelassen hin. Sie hörte nur noch, was sie hören wollte. Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie noch mehr als 10 Jahre allein, sehr belesen, sehr interessiert an den Dingen der Welt, aber auch immer mehr der transzenten Seite unseres Menschseins zugewandt. Sie konnte auf ein reiches und erfülltes Leben zurückblicken.  Ich hatte das Privileg die letzten Tage in Teneriffa mit ihr und meiner Familie zusammen zu sein. Als wir merkten, dass eine Magenverstimmung  sie immer mehr schwächte, brachte ich sie in das Krankenhaus nach Sta Cruz. Ich sehe sie noch heute, wie sie am Tropf in ihrem Bett mich bei unserem Abschied ansah. Sie wusste, dass sie sterben würde, ich wusste es nicht. Sie starb noch in der gleichen Nacht an Herzversagen. Ich habe ihren letzten Blick nie vergessen.


Erinnerungen 3 - Die Mutter 1

Unsere Mutter wurde 1903  in Tysmenicza  bei Ivano Frankivsk  in Galizien als Österreicherin geboren und auf den Namen Olga Maria getauft. Galizien war die östliche Provinz von Österreich, in dem sich die Kulturen der Völker aus Polen, Ukrainern, Juden und Armeniern und Deutschen  gegenseitig befruchteten. Ihre Eltern waren eine Lehrerfamilie, und sie wuchs  mit dem Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben als Frau zu führen.  Ihre Mutter, meine Grossmutter, starb schon in jungen Jahren an Tuberkulose.  Der Vater heiratete neu , und die neue Frau war eine gute Ersatzmutter. Es gab noch einen Bruder Wlodko aus  der 1. Ehe und eine Stiefschwester Slawca.  Beide emigrierten in die USA.  Als 1918 die Polen Galizien annektierten stand für ihre Familie fest, dass sie nach Deutschland gehen sollte, um  dort zu studieren. 1921 kam sie nach Berlin und studierte Volkswirtschaft. Dort lernte sie unseren Vater kennen, der sie fast das ganze Studium in  jeder Hinsicht unterstützte. Sie musste sich ihr Studium selber verdienen, das Lehrergehalt ihrer Eltern reichte dazu nicht aus. In ihrem Tagebuch steht, sie kam nur mit einem Koffer nach Berlin und einem Goldstück, das ihr Vater ihr mitgab. Sie kam aber voller Mut und Zuversicht, und dieser Mut verliess sie ihr ganzes Leben nicht. Nach dem Studium ging sie als Journalistin  in den Moshe Verlag, später Ullstein, in Berlin. Sie  arbeitete für die Zeitschrift «Die Dame», die grösste  europäische Frauenzeitschrift ihrer Zeit. Das Verzeichnis der Mitarbeiter liest sich wie eine Liste der Geistesgrössen der zwanziger Jahre. Auf alten Fotos trägt sie einen Pagenkopf, sie war zu einem Kind ihrer Zeit und der Berliner  Welt geworden.  Zu ihren intellektuellen Freunden gehörte Rowohlt, Walther Kiaulehn, Albert Schäfer- Ast, mit ihnen traf sie sich zum wöchentlichen Stammtisch bei Witwe Bolte. Sie war eine der ersten Frauen, die ein eigenes Auto hatten, den berühmte Opel 4 PS Laubfrosch.  Es waren die ereignisreichsten Jahre ihres Lebens. Mit unserem Vater war sie die ganzen Jahre befreundet, sie wollte aber lange ihre Unabhängigkeit erhalten. Erst mit der Machtergreifung 1933  beschlossen beide zu heiraten, um den Benachteiligungen von Ausländern zu entgehen. Als Angehöriger des Auswärtigen Amtes brauchte unser Vater die Genehmigung, eine Frau mit polnischer Staatsangehörigkeit zu heiraten. Die Genehmigung wurde verweigert, die Rassenpolitik hatte ihren Einzug in Deutschland gehalten. Unser Vater wurde umgehend nach Australien versetzt, wo er vier Jahre blieb, damit er sich die Gedanken an Heirat aus dem Kopf schlagen sollte. Besuche waren praktisch nicht möglich, da nur der kostspielige Seeweg zur Verfügung stand, der 2 Wochen dauerte. Nach seiner Rückkehr war mein Vater mehr denn je  zur Ehe entschlossen. 1938 heirateten die Beiden.  Das war ein klarer Verstoss gegen das Heiratsverbot des AA und der Einbruch in die Karriere des Vaters. - Wenn unser Vater schon ein entschlossener Mensch war, dann unsere Mutter nicht minder. Sie liessen sich von den neuen Machthabern nichts vorschreiben. -  Auf der Hochzeitsreise nach Sizilien im Zug stritten die beiden wie ein altes Ehepaar. Als der Zug vor einem Signal  stehenblieb stieg unsere Mutter kurz entschlossen aus und lief auf den Gleisen zurück, sie wollte die Reise nicht fortsetzen. Ihr Mann lief hinterher und versuchte sie zur Vernunft zu bringen. Es gelang ihm schliesslich und nur knapp erreichten sie wieder den Zug, der sich kurze Zeit später wieder in Bewegung setzte. Beide hatten eine starken Charakter. -  1940 kam ich als erstes Kind zur Welt.  Deutschland befand sich bereits im Krieg mit Halbeuropa. In den von  Hitler an Stalin abgetretenen Ostgebieten haten sich die Russen festgesetzt. 1940 wurden auch die Eltern unserer Mutter nachts vom KGB abgeholt und erschossen, sie gehörten zur Intelligenz und waren daher Gegner des Kommunismus. 1941 kam mein Bruder Arnim und 1943 mein Bruder Andreas zur Welt. Die Frauen mussten ihr Leben auf Kriegswirtschaft umstellen. Unsere Mutter arbeitete im Verlag weiter, jetzt aber für die Propagandazeitschrift  «Signal»  für die besetzten Ostgebiete. Für uns Kinder hatte sie 2 Hilfen aus ihrer ukrainischen Heimat anstellen können, die damit dem Zwangsarbeitsdienst entkommen konnten. Erst 1943 gingen wir aus Berlin fort nach Ranis in Thüringen zu ihren Schwiegereltern, wo unser Bruder Andreas zur Welt kam. 1945 bei Kriegsende waren wir auf der Burg  Ranis, und bei Übergabe von Thüringen an die Russen musste  unsere Mutter mit dem jüngsten Bruder fliehen, ihre Tätigkeit beim Signal hätte sie sofort zum Tode verurteilt.