Sonntag, 20. September 2026

Tiefe Wahrheiten

Wohin sich unser Blick auch wendet, überall können wir die verborgenen tiefen Wahrheiten erkennen. Verborgen sind die Wahrheiten durch unseren Verstand, der daran gewöhnt ist, nur die Welt zu sehen und zu verstehen. Dem Menschen ist, einzig in der Schöpfung, nicht nur der Verstand, sondern auch der Geist gegeben, die alles bewegende Kraft des Lebens zu erkennen, die allem innewohnt. Diese Erkenntnis wird den erleuchteten Menschen zuteil, denen es gegeben ist, sich über den menschlichen Verstand zu erheben.

Zu den erleuchteten Menschen zählen Philosophen, Schriftsteller und Dichter, die jenseits von Worten und Dichtung das Wesentliche ahnen, aber sich auch der eigenen Unwesentlichkeit bewusst sind, wie ein Goethe in seinem Gedicht «Grenzen der Menschheit». In der Bergpredigt verzauberte ein erleuchteter Jesus die anwesenden Menschen, seine Worte versorgten Hunderte mit geistiger Nahrung, und in seiner Gegenwart erwachen innerlich gestorbene Menschen zu neuem Leben.

Die grossen Komponisten, Liederschreiber und Sänger verwandeln die Welt mit ihrer Musik und ihren Liedern, ergreifen die Seelen der Menschen, entführen sie in die Welt der Klänge und der Worte, sprechen zu den Seelen der Menschen, ergreifen sie und lassen für kurze Zeit die Welt in Vergessenheit geraten. Welcher Mensch könnte sich der Ergriffenheit entziehen, beim Hören der grossen Symphonie eines Beethoven oder bei einem Gospelgottesdienst?

Die grossen Künstler, Maler und Bildhauer fangen das Leben ein und bringen scheinbar tote Materie durch ihre Kunst zum Leben. Was kann dem Schöpfungsakt näher kommen, als Leinwand, Stein und Metall Leben einzuhauchen?

Erleuchtung ist die tiefste Wahrheit des Lebens, die wir erfahren können. Sie ist das Ewige in uns, das wir im Endlichen zum Leuchten bringen können.

Freitag, 11. September 2026

Keine Angst vor dem Tod

Geburt und Tod bestimmen unser Leben auf diesem Planeten. Die Tür, durch die wir ins Leben treten, ist auch jene, durch die wir die Welt wieder verlassen. Der Tod ist jedoch nicht das Gegenteil des Lebens. Das Leben ist ewig; es ist in allem enthalten, was ist, in der gesamten Schöpfung. Würden wir eine Pflanze oder ein Tier fragen, was Tod sei, würden sie uns verwundert ansehen und nicht verstehen, was wir meinen.

Der Tod ist nur aus menschlicher Sicht ein Phänomen, eine Folge der Geburt. Mit der Geburt wird auch der Tod geboren: Vom ersten Moment des Lebens an sterben wir bereits. Jeden Tag vergehen Millionen von Zellen, und durch Zelltod und Zellneubildung erneuert sich der Mensch fortwährend. Nach jeweils etwa sieben Jahren hat sich der Körper weitgehend erneuert; mit siebzig Jahren sind wir also ungefähr zehnmal körperlich neu geboren. Geist und Leben aber sind dabei immer gleich geblieben. Der Zelltod hat sie nicht berührt.

Es liegt daher nahe, davon auszugehen, dass Geist und Leben schon vor der menschlichen Geburt da waren und auch durch den endgültigen Tod des Körpers nicht betroffen sind. Geist und Leben erscheinen als schöpferische Kräfte, die Materie zum Menschen formen, sie mit Leben erfüllen und von Krankheit, Zerstörung und Tod nicht berührt werden. Dasselbe gilt für die ganze Natur: Form und Materie wandeln sich, wachsen, reifen, zerfallen und kehren in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Das Leben und der Schöpfergeist aber bleiben und verwirklichen sich immer wieder aufs Neue.

Tod und Wiedergeburt sind ein ganz natürlicher Vorgang im Schöpfungsprozess. Nur der beobachtende Mensch entwickelt Angst vor Verwandlung und Tod. Es ist die Angst des Verstandes, alles zu verlieren, was er mühsam aufgebaut hat: sein Wissen, seine gesellschaftliche Position, seinen Reichtum, seine Macht und seine Identifikation mit dem, was wir Welt nennen. Der Verstand ist nach aussen gerichtet; er sieht vor allem die Welt. Geburt und Tod bestimmen nicht das Leben selbst, sondern den menschlichen Verstand. Der Schöpfergeist aber kennt nur das Leben, die ewige Evolution der Welt und des Universums als eigentliche Wahrheit.

Um die Wahrheit zu erfahren, muss der Mensch   den Blick nach innen zu richten: auf das Leben, das allem innewohnt, auch ihm selbst. So kann er begreifen, dass es etwas gibt, das höher ist als menschliches Denken. Nur der Blick nach innen führt uns zu unserer inneren Wahrheit und Gewissheit. Sie ist uns angeboren, unabhängig von Kultur, Sprache und Wissen, gerät jedoch allzu leicht in Vergessenheit, weil der Verstand als das Mass aller Dinge gilt.

Der Blick nach innen, nicht durch Denken und nicht durch unseren Verstand, lässt uns das Leben in uns spüren: in unserem Herzen und in jeder Zelle unseres Körpers. Wohin wir auch blicken, überall ist Leben in uns, das uns ständig begleitet, von der Geburt bis über den Tod hinaus. Es ist das Ewige in uns, das wir fühlen, das Leben, das den Tod nicht kennt. Wenn wir durch die Tür am Ende unserer irdischen Existenz gehen, lassen wir nur die Materie in der Welt zurück, nicht aber das Leben, unser eigentliches Sein. Wir kehren in die Gesamtheit zurück, in das ewige Leben, unsere ewige Heimat. Alle Angst vor dem Tod fällt ab, wenn wir schon in unserem Leben in der Welt den Blick nach innen richten und das Göttliche in uns erkennen: das Ewige Leben, aus dem wir kommen und das wir nie verlassen, den Schöpfergeist, dessen Teil wir sind.

Freitag, 4. September 2026

Künstliche Intelligenz und Erkenntnis

Künstliche Intelligenz, kurz KI, stellt einen weiteren Schritt in der Entwicklung der Menschheit dar. Was früher in Bibliotheken, Computern und den menschlichen Gehirnen gespeichert war, kann heute von jedem Menschen abgerufen werden, der über einen Rechner verfügt. Wie jede bedeutende technische Neuerung ruft auch die KI Ängste hervor. Ähnliche Befürchtungen begleiteten einst die Erfindung der Dampfmaschine oder des Automobils.

KI wird unsere Welt verändern. Ich hoffe, dass dies zum Positiven geschieht und der weiteren Entwicklung der Schöpfung dient. Sie kann dem Menschen dabei helfen, die Herausforderungen seiner Existenz besser zu bewältigen und die Bereiche Ernährung, Gesundheit, Sicherheit und Wissen weiterzuentwickeln. Dennoch gibt es einen Bereich, in dem KI den Menschen nicht ersetzen kann: es ist der Weg der  Erkenntnis.

KI richtet sich nach außen auf das Wissen der Welt. Sie verarbeitet und verknüpft das, was menschliche Gehirne hervorgebracht haben. Sie ist ein mächtiges Werkzeug überall dort, wo der menschliche Verstand gefragt ist.  - Das menschliche Gehirn ist bei unserer Geburt als Speicher von Wissen weitgehend leer und lediglich durch unsere genetischen Anlagen geprägt. Von Beginn unseres Lebens an, vielleicht sogar schon im Mutterleib, werden die Gehirnzellen mit Informationen gefüllt. Erst durch diese Informationen wird das Gehirn zu einem Instrument, das dem Menschen dienen kann.

Das Wissen ist jedoch immer von der Kultur abhängig, in der wir aufwachsen. Menschen des Westens werden von ihren Sprachen, Traditionen, Religionen und ihrem Bildungsverständnis geprägt. In muslimischen Regionen geschieht dies durch andere religiöse und kulturelle Einflüsse, ebenso in den großen Kulturen Asiens. Das Denken jedes Menschen basiert auf dem Wissen, das in seinem kulturellen Umfeld vermittelt und gespeichert wird. Daraus entsteht häufig Unverständnis gegenüber anderen Kulturen, weil deren Erfahrungswelt und Denkweise uns nicht vertraut sind.

Die Lebenszeit eines Menschen reicht nicht aus, um das gesamte Wissen der Welt zu erwerben. Deshalb beschränken wir uns meist auf das Wissen, das unser eigener Kulturkreis bereithält. Das Verständnis für andere Sichtweisen bleibt oft begrenzt.

KI hingegen sammelt das Wissen der gesamten Menschheit. Innerhalb von Sekunden können wir Gedanken, Traditionen und Erfahrungen unterschiedlichster Völker abrufen, ohne sie selbst über Jahre hinweg erlernen zu müssen. Vielleicht werden dadurch künftige Generationen ein tieferes Verständnis füreinander entwickeln. Wenn wir die Ursachen von Konflikten, Verletzungen von Stolz und Würde sowie die Hintergründe kultureller Missverständnisse besser verstehen, können wir Wege finden, Krisen zu vermeiden und friedlicher miteinander zu leben.

Samstag, 29. August 2026

Die heiligen Schriften

Immer wieder sind im Verlauf der Geschichte erleuchtete Menschen unter die Menschheit getreten, die später als grosse Lehrer überliefert wurden. Seit der Erfindung der Schrift sind auch Teile ihrer Lehren erhalten geblieben. Doch nie hat ein Erleuchteter selbst uns etwas Schriftliches hinterlassen. Es waren stets Jünger und Nachfolger, die das niederschrieben, woran sie sich erinnerten.

Dafür gibt es einen guten Grund: Erleuchtung lässt sich nicht in Worte fassen. Sie ist etwas Einzigartiges, eine Gnade, die nur dem Erleuchteten selbst zugänglich ist. Die Jünger konnten deshalb nur erahnen, dass unter ihnen ein erleuchteter Mensch weilte; jeder von ihnen vermochte nur einen kleinen Teil dessen zu begreifen, was der Meister zu sagen hatte. Erleuchtung ist ein innerer Vorgang, der sich der Sprache entzieht. Sie kann nicht gehört, nicht gesehen, nicht gefühlt und erst recht nicht in Schriftform festgehalten werden. Erleuchtung ist ein Seelenzustand, kein Wissen und nichts Erlernbares.

Oft waren es grosse Dichter und Schriftsteller, die erst Jahrhunderte nach dem Leben eines Erleuchteten dessen überlieferte Lehren zu Papier brachten. Dabei entstanden nicht selten Werke von beachtlicher Poesie und sprachlicher Schönheit. Doch sie entsprechen nicht notwendig den Wahrheiten, die sich dem Erleuchteten selbst offenbart hatten. Die wahrhaft Erleuchteten wollten keine Schriften hinterlassen und keine neue Religion gründen. Sie hatten die Wahrheit gesehen; und diese Wahrheit war zu allen Zeiten nur einem kleinen Kreis von Menschen zugänglich und kaum geeignet, von allen verstanden zu werden.

Schon die Jünger Buddhas, Jesu oder Laotses ahnten nur, dass unter ihnen ein Mensch lebte, dem Erleuchtung zuteilgeworden war. Sie folgten ihm in der Hoffnung, ihr Meister könne sie zur Erleuchtung führen. Jeder von ihnen verstand, hörte oder empfand etwas anderes; ob aber auch einer der Jünger selbst erleuchtet wurde, wissen wir nicht. Erleuchtung lässt sich weder lernen noch in Büchern erfassen. Sie ist eine Gnade, die demjenigen zuteilwird, der sich ihr zu öffnen vermag.

Für unseren Verstand bleibt Erleuchtung unbegreiflich, so unbegreiflich wie das Leben selbst in uns. Erleuchtung ist heilig, weil sie aus dem Leben fliesst, aus jenem Schöpfergeist, der allem innewohnt, was ist. Heilig ist alles, was Teil der Schöpfung ist. Auch der Mensch selbst, mit seiner Seele und seinem Leben, ist heilig. Nicht die Bücher und Worte sind heilig. Sie wurden von Menschen geschrieben, lange nachdem jene Erleuchteten, auf die sie sich berufen, die Welt verlassen hatten. Sie entstanden aus menschlichem Verstand und menschlicher Erinnerung, oft getragen vom guten Willen, etwas von dem zu bewahren, was ein Erleuchteter als Vermächtnis hinterliess. Doch weit entfernt bleiben sie davon, Erleuchtung selbst zu vermitteln.

Wenn solche Bücher heilig genannt und dazu benutzt wurden, einander zu bekriegen und zu töten, weil man glaubte, allein im Besitz der ewigen Wahrheit zu sein, dann wird deutlich, dass es Bücher von Menschen für Menschen sind. Sie enthalten alles, was menschlichem Verstand entspringen kann: grosse Dichtung und Schönheit ebenso wie abgründige Scheusslichkeiten. Ob man diese Schriften heilig nennen will, bleibt jedem selbst überlassen. Erleuchtung aber ist ein innerer Zustand; Worte allein sind wenig geeignet, zu ihr zu führen. Es ist die Seele, wenn sie zu uns spricht, die den Weg zur Erleuchtung öffnet. Und die Seele spricht durch das Schweigen des Verstandes und durch die Anwesenheit des Göttlichen in uns.

Sonntag, 23. August 2026

Im Fluss des Lebens

Wenn ich mein Leben betrachte, am Ende eines langen Weges, dann sehe ich voller Dankbarkeit auf ein erfülltes Leben zurück. Das Leben hat mir immer geschenkt, was nötig war, um zu überleben, und viel mehr, als ich je erwarten konnte. Ich habe nicht nur das Licht der Welt erblickt, sondern auch das Licht der Ewigkeit auf meinem Weg sehen dürfen. Was hätte ich mir jemals mehr wünschen können?

Geboren wurde ich in eine Welt des Krieges. Um mich herum waren Tod und Zerstörung. Wir wurden vertrieben und wir Kinder von unseren Eltern getrennt. Mehrmals stand mein Leben auf des Messers Schneide. Aber ein gütiges Schicksal hat mir immer wieder die Hand gereicht. Selbst als ich am Ende eines Tunnels das Licht der Ewigkeit bereits sehen konnte, hat mein Schicksal mich ins Leben zurückgeholt und mir zu verstehen gegeben, dass mein Leben noch vor mir liege.

Und so habe ich mich dem Fluss des Lebens anvertraut, bin mit ihm geschwommen und nicht gegen ihn. Ich habe das Leben angenommen, so wie es auf mich zukam: voller Freude, voller Zuversicht, voller Vertrauen. Verluste und Rückschläge habe ich wie jeder Mensch erlebt; sie gehören zum Leben, sie gehören zum Reichtum des Lebens. Wer sie nicht annimmt, tut sich keinen Gefallen, denn gerade in Rückschlägen sammeln wir die Kräfte, die wir brauchen, um das Leben ganz zu erfahren.

Wundervolle Menschen sind in mein Leben getreten: meine Familie, meine Kinder und Enkelkinder, aber auch Menschen, die mich ein Stück meines Lebens begleitet und mich die Dinge gelehrt haben, die ich für das Leben brauchte. Was hätte ich mir mehr wünschen können? Nie habe ich wirklich Enttäuschungen erlebt, denn was gibt es Wertvolleres, als zu merken, dass wir einer Täuschung aufgesessen sind und die Enttäuschung uns wieder den Schritt in die richtige Richtung tun lässt. Immer wieder ist das Leben auch in der Form dunkler Energie an mich herangetreten und hat mir die Reichtümer der Welt versprochen. Ich bin den Versuchungen nie erlegen und bin unbeirrt den Weg gegangen, von dem ich meinte, dass das Schicksal ihn mir vorzeichnete.

Jetzt, am Ende meines Lebens, fühle ich noch immer das gleiche Leben in mir wie am Anfang. Das Leben spricht mit mir und sagt mir, auch in meinen Träumen, dass das Ende auch der Anfang ist und die Tür, die hinausführt, zugleich die Tür ist, die in etwas anderes hineinführt. Der Fluss meines Lebens hat mich fast bis ans Meer der Ewigkeit geführt, und überall habe ich den reichen Segen gespürt, der über meinem Leben lag.

Heute weiss ich, dass ich am Ende meiner Reise das gleiche Licht erblicken werde, das ich schon in meiner Kindheit erleben durfte. So gehe ich mit tiefer Zuversicht das letzte Stück meines Weges. Jeder Tag in meinem Alter ist ein Geschenk des Lebens an mich. Noch immer bin ich ein Teil dieser Welt, aber mit einem Fuss schon in der Tür, die sich vor mir zur Ewigkeit öffnet.

 

Sonntag, 16. August 2026

Archaische Rituale

Pride-Paraden erinnern an archaische Rituale des Gruppentanzes. Die Menschen tätowieren sich wieder wie in Frühkulturen auf fast allen Kontinenten. Sie tanzen verzückt zu einem gleichbleibenden Rhythmus, Stunde um Stunde. Fast eine Million Menschen kommen zusammen, um freiwillig an dem Ereignis teilzunehmen. Das Ereignis scheint ihnen Kraft und Lebensfreude zu geben. In Brasilien finden ähnliche Umzüge zum Karneval statt; tagelang ziehen die Gruppen tanzend durch die Stadt, zu den Rhythmen der Trommeln. Die Ursprünge liegen dort im afrikanischen Erbe, das mit den Sklaven nach Brasilien kam. Selbst die Kirchen konnten sich diesen Umzügen nach Ende der Fastenzeit nicht widersetzen, obwohl die Lebenslust der Menschen ihren Vorstellungen nicht ensprachen.

Der Rhythmus der Trommeln entspricht unserem Herzschlag. Wir synchronisieren uns mit dem Beat; verzückt tanzt die Jugend auf den Festivals im gleichen Takt und befindet sich wie ihre Urahnen in einem gemeinsamen Rausch. Der gleiche Rausch scheint bei politischen Massenveranstaltungen zu herrschen, in Bierzelten und Stadien. Es scheint ein klanglicher Gesamtkörper zu entstehen, dem sich niemand entziehen kann. Wir Kriegskinder denken an die Nazizeit, als die Menschenmenge in ein jubelndes Ja ausbrach, als sie nach dem totalen Krieg gefragt wurde. Es scheint nicht nur im positiven Sinne einen Massenrausch zu geben, sondern auch im negativen Sinne, wie beim Rattenfänger von Hameln, dem die Kinder blind ins Verderben folgten, oder wie beim Wunsch der Menschen nach dem totalen Krieg, der zu ihrer eigenen Vernichtung führte.

Wahrscheinlich ist es der Pulsschlag des Lebens, den wir in uns spüren und den wir auf diesen Massenveranstaltungen suchen. Wir fühlen uns dem Leben näher, wenn wir die gleiche Energie in uns verspüren wie Hunderte anderer Menschen, wenn sich dieses gemeinsame Gefühl zu einer gewaltigen Gesamtenergie verbindet und uns alle erfasst. Unser Verstand sagt uns zwar, es handele sich um einen Wahn, weil er dieses Gefühl nicht einordnen kann. Das Leben zu fühlen, gehört nicht zu den Bereichen, die für den Verstand zugänglich sind, genauso wenig, wie der Verstand erfassen kann, was Leben ist. Aber gerade weil niemand erklären kann, was der Rausch des Lebens ist, faszinieren den Menschen Ereignisse, in denen eine Gesamtenergie entsteht, die sich dem menschlichen Denken und Wissen entzieht, die er aber deutlich in sich spürt.

Samstag, 8. August 2026

Absicht und Ergebnis

Eines der merkwürdigsten Phänomene unseres Menschseins  sind unsere guten Absichten.  Voller Begeisterung  bekommen wir unsere Kinder, tun unser Bestes, um sie zu gesunden und aufrechten Menschen zu machen, wir handeln mit den besten Absichten.  Und  dann geschieht das Unfassbare, ein  Kind  entwickelt sich zu einem Verbrecher und schadet nicht nur sich, sondern bringt Unheil über seine gesamte Umgebung. Alle unsere guten Absichten sind ins Leere gegangen, sie scheinen nicht ausreichend zu sein, um sein Schicksal zu beeinflussen.

Manchmal erinnert uns das Schicksal des Menschen  an die Wolken am Himmel.  Wir wissen nicht, ob die Wolken uns Segen und Leben bringen,  den Regen den die Welt so dringend braucht,  oder Sturm  und Vernichtung, Blitz und Hagel, der die Welt um uns untergehen lässt. Keine Wettervorhersage ist geeignet, um uns vor dem Schaden zu bewahren, wenn es den Wolken anders gefällt. So wie die Wolken nicht geeignet sind uns zu sagen, was sie uns bringen werden, so sind auch alle unsere guten Absichten wie die Wolken, wir wissen nicht, was aus ihnen wird und welches Ergebnis sie am Ende bringen.

In den alten Kulturen lag das Schicksal in den Händen  von Schicksalsgottheiten, bei den Griechen die Moiren,  bei den Germanen die Nornen, weibliche Gottheiten, weil die Entstehung von Leben  und Schicksal mit der weiblichen Seite des Menschseins verbunden wurde. Der Mensch war sich schon immer bewusst, dass sein Schicksal nicht nur in seinen Händen liegt. In den Sagen und Dichtungen wird die Macht des Schicksals geschildert, die Hybris des Menschen, der glaubt, sein eigenes Schicksal zu bestimmen und die Demut, wenn wir vor unserem eigenen Schicksal stehen, gleich was immer es uns gebracht hat.

Wenn ich mein eigenes Schicksal am Ende eines reichen und erfüllten Lebens betrachte, dann habe ich nur überlebt, weil immer eine schützende Hand über mir lag. Gegen alle Wahrscheinlichkeit habe ich Bombenangriffe und tödliche Krankheiten überlebt.    Eine Kraft, die hoher ist als all unserer menschliche Wille und Verstand war immer an meiner Seite, in mir und über mir. Meine kühnsten Absichten für mein Leben sind in Erfüllung gegangen, was hätte ich mir mehr jemals erträumen können. Ich danke meinem Schicksal, und dem Geist der mich und alles um mich belebt, für das Wunder des Lebens, das ich erfahren durfte.

Samstag, 1. August 2026

Die Unruhe des Menschen

Der Mensch wird mit einem Verstand geboren, der es ihm ermöglicht, tief in die Geheimnisse von Wissenschaft und Philosophie einzudringen. Je tiefer wir aber in die Geheimnisse der Schöpfung eindringen, desto stärker wird unsere innere Unruhe. Wir ahnen ein Potenzial in uns, das wir noch nicht voll leben, weil wir es nicht begreifen können. Diese Unruhe entspringt nicht allein dem Denken, sondern der Spannung zwischen dem, was der Mensch mit seinem Verstand erfassen kann, und dem, was sich seiner begrifflichen Kontrolle entzieht.

Natur und Schöpfung kennen diese Unruhe nicht. Sie ruhen in ihrer Existenz und erscheinen darin vollkommen. Ihnen fehlt der Unruhestifter, der menschliche Verstand. Sie nehmen ihr Dasein so an, wie es ist: Ein Baum und ein Tier fragen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie leben jenes Potenzial, das ihnen bereits in ihrem Ursprung mitgegeben wurde.

Der Mensch glaubt, es sei der Verstand, dessen Potenzial er ausschöpfen müsse, um sein Leben zu erfüllen. Die einen verbringen ihr Leben im Streben nach Mehr; die anderen versuchen, die Grenzen ihres Verstandes auszuloten, und es ergreift sie ein Zittern, wenn sie diese Grenzen nicht überschreiten können. In ihm lebt ein Träumen, ein Wünschen, eine Fantasie dessen, was alles geschehen könnte und doch nie geschieht. So verbringt er sein Leben, ohne seine eigentlichen Potenziale zu erkennen. Er taumelt durch das Leben, schenkt den falschen Versprechungen seines Verstandes Glauben und bleibt unruhig, weil er ahnt, dass ihm etwas Wesentliches entgeht.

Der Verstand begreift nicht, dass dem Menschen noch eine weitere Eigenschaft mitgegeben wurde: der Schöpfergeist, das Leben, die wesentlichste Gabe der Schöpfung an den Menschen. Diese Gabe richtet sich nicht nach außen auf die Welt, sondern nach innen auf die Seele. So wie die Welt mit all ihren Erscheinungen dem Gesetz der Evolution folgt, so ist auch der Mensch diesem Gesetz unterworfen: Er soll die Evolution seiner Seele entfalten und sich seiner selbst bewusst werden. Der Weg des Menschen führt daher nach innen, nicht nach außen.

Der Weg nach außen hat zur Entwurzelung des Menschen geführt; er hat den Boden unter den Füßen verloren. Bei seiner Geburt befindet er sich noch ganz in der Einheit mit dem Schöpfergeist. Doch der Verstand und die Welt führen ihn fort von seinem eigentlichen Sein. So breiten sich Verlorenheit und Verlassenheit in ihm aus, und er findet nicht in jene Einheit zurück, aus der er kam. Sein Verstand ist ein schlechter Berater, wenn er in ihm einen Helfer sucht; denn der Verstand kann ihm nicht den Weg zu seinem eigentlichen Ursprung weisen.

Ein Teil der Menschheit begreift jedoch, dass der Weg nicht nur nach außen, sondern auch nach innen führen muss, wenn wir unserem Schicksal gerecht werden wollen. Es ist der Weg der Meditation, der Kontemplation und des Gebets: der Weg der Rückbesinnung auf unser eigentliches Sein, auf den göttlichen Geist in uns, unseren inneren Wegweiser durch das Leben. Alle Unruhe und alles falsche Wünschen fallen von uns ab, wenn wir uns unseres Selbst bewusst werden. Dann sehen wir nicht mehr nur die Wolken am Himmel, sondern den Himmel hinter den Wolken.


Sonntag, 26. Juli 2026

Das Leben leben

Wenn das Leben in Statistiken dargestellt wird, begegnen wir Linien, Kurven und grafischen Diagrammen, die mit der Geburt beginnen und mit dem Tod enden. Doch wo gibt es in der Natur oder im Menschen schon gerade Linien? Auch geometrische Körper, die sich berechnen lassen, eignen sich nur begrenzt, um die Natur darzustellen. Alles in ihr ist einzigartig und lässt sich mit menschlicher Technik kaum systematisieren. Das Leben entzieht sich dem rein menschlichen Denken; auch künstliche Intelligenz wird daran nichts ändern.

Die Mehrheit der Menschheit glaubt, das Leben beginne mit unserer Geburt und ende mit unserem Tod. Nur eine kurze Zeit stehe uns für unser Leben zur Verfügung. So streben Menschen in die Welt hinaus, gründen Familien, erringen Ämter und Würden, schmücken sich mit materiellem Erfolg und finden sich am Ende ihres Lebens damit ab, dass alles, was sie je erreicht haben, von ihnen abfällt und ihnen nichts davon verbleibt.

Die Weisen aber wissen, dass Leben mehr ist als Geburt und Tod, mehr als alle Güter dieser Welt, und dass Zeit für das Leben keine entscheidende Bedeutung hat. Leben bewegt sich in Dimensionen, die nur erahnt werden können. Es war schon da, vor der Entstehung der Welt und des Menschen, und es wird noch da sein, wenn es die menschliche Existenz nicht mehr gibt. Das gilt für die ganze Natur, nicht nur für den Menschen. Alles existiert, weil es Leben gibt, weil es sich in einem ewigen Kreislauf erneuert und keinen endgültigen Tod kennt. Nichts ist und bleibt so, wie es dem menschlichen Auge sichtbar erscheint; alles entwickelt sich fort, verändert seine Strukturen und verwandelt sich. Selbst Planeten werden geboren und sterben, kehren in ihren ursprünglichen Zustand zurück und werden neu geboren.

Die ganze Natur ist sich dieses ewigen Werdens und Vergehens nicht bewusst. Nur dem Menschen ist die Fähigkeit gegeben, das Leben zu ahnen. Leben ist ewige Wandlung: Es lässt nichts unverändert, sondern befindet sich in einem fortwährenden Schöpfungsprozess. Der Mensch nennt diese Kraft das Leben, die Totalität, die Gesamtheit, die Gottheit. Wer sich dieser Kraft bewusst wird, ändert sein Leben. Er beginnt, das Leben in allem zu sehen, es auch in sich zu spüren und sich als Teil der Schöpfungskraft zu fühlen. Wenn der Mensch erwacht, begegnet ihm das Leben nicht nur in der Schöpfung, die ihn umgibt, sondern auch in ihm selbst.

Der sich bewusst werdende Mensch weiss das Geschenk des Verstandes durchaus zu schätzen. Er begreift aber, dass sein Sein nicht vom Verstand bestimmt wird. Er begreift auch, dass er seinen Verstand zum Schweigen bringen muss, wenn er sich seinem eigentlichen Leben nähern will. So lehren uns fast alle Religionen und Weisheitslehren die Meditation. Es ist die Stille in uns, die uns das Leben bewusst werden lässt; es ist das Pochen unseres Herzens, das uns das Leben in unserem Körper fühlen lässt; es ist das Rauschen des Windes in den Bäumen und die Schönheit der Blumen in unserem Garten, die uns den Schöpfergeist fühlen lassen. Wohin unser Blick auch führt, begegnen wir dem Leben. Eine gewaltige Kraft offenbart sich in der Stille als Leben: als Stille in uns und als Stille um uns. Überall ist die Kraft des Lebens und des Göttlichen zu spüren.

Geburt und Tod sind nur kurze Episoden in unserem Leben. Alles, was wir tun oder lassen, wird klein vor den Kräften des Lebens. Wenn wir unser Leben wirklich leben wollen, müssen wir uns ganz dem Leben hingeben, das sich in uns offenbart. Wir müssen den Kräften unserer Natur lauschen, unsere Bestimmung erahnen, mit unserem Schöpfungsgeist in Harmonie leben und das vollbringen, wofür wir bestimmt sind. Wir ahnen die Anwesenheit des Schöpfergeistes in uns und versuchen, jeder auf seine Weise, in der kurzen Lebenszeit, die uns gegeben ist, das zu vollbringen, wofür uns unser Schicksal gesandt hat.


Sonntag, 19. Juli 2026

Der Weg zurück

Wenn wir die Welt betreten, richtet sich unser Blick zunächst nach aussen. Wir staunen über ihre Schönheit und Vollkommenheit und werden ganz Teil dessen, was uns begegnet. In den ersten Jahren bildet sich unser Verstand; wir übernehmen, was uns Kultur, Eltern, Schulen und Universitäten vermitteln. Später beginnen wir, unsere eigene Welt zu errichten: ein Haus, eine Familie, einen eigenen Traum von Welt, so wie auch andere Menschen in ihren je eigenen Traumwelten leben.

Erst später beginnen wir zu ahnen, dass auch die Welt, die uns so selbstverständlich erscheint, vergänglich ist. Manchmal braucht es einen Blick auf frühere Kulturen, um die eigene Gegenwart als etwas Vorübergehendes zu erkennen.

In meiner Jugend interessierte ich mich für Kunstgeschichte. Ich reiste nach Griechenland und Italien, bestaunte die Überreste grosser Kulturen und die technischen Meisterleistungen vergangener Zeiten. Alles war inzwischen zerfallen, und doch hatten auch die Menschen jener Epochen wohl an die Dauer ihrer Welt geglaubt. Damals traten die ersten Zweifel in mein Leben: Ist die Welt, die wir erschaffen, wirklich von Bestand? Sind nicht selbst die kühnsten Bauwerke, wie ihre Errichter, schon im Moment ihres Entstehens dem Verfall bestimmt? Von da an begann ich, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Es dauert seine Zeit, bis wir in der Welt angekommen sind. Ebenso dauert es, bis wir erkennen, dass nicht die Welt und nicht die anderen Menschen allein unseren Weg bestimmen. Wir selbst sind berufen, unsere Welt zu bauen, so wie es alle Menschen vor uns getan haben. So entstehen unzählige Welten, von den kleinsten bis zu den grössten. Nicht nur der Mensch lebt in seiner eigenen Welt; auch Tiere und Pflanzen haben ihre Welten. Keine dieser Welten ist für die Ewigkeit bestimmt. Sie bestehen, solange ihre Schöpfer leben, und sie vergehen, wie ihre Schöpfer vergehen. Selbst ein Bettler auf den Plätzen der Städte lebt in seiner Welt, und auch seine Welt endet, wenn er diese Welt verlässt.

Die Welt, die wir für uns erschaffen, ist eine Welt der Illusion. Mit Begeisterung bauen wir unser Haus, unsere Familie und unsere Ordnung der Dinge, und jene, die nach uns kommen, folgen wiederum ihrem eigenen Bild von Welt. Seit jeher versucht der Mensch, diese Welten besser zu verstehen. Ganze Wissenschaften sind daraus entstanden, ohne dass es der Menschheit gelungen wäre, die Schöpfung auch nur in Ansätzen zu erfassen oder den Schöpfergeist wirklich zu begreifen.

Die Aborigines sprechen von Traumpfaden, wenn sie vom menschlichen Leben sprechen. Darin liegt eine tiefe Weisheit. Gleicht nicht auch unsere jeweilige Welt eher einem Traum oder einer Illusion? Wir glauben, in einer realen Welt zu leben; doch es ist die Welt, die uns unser Verstand erzählt. Es ist die Welt, in der Häuser gebaut werden und Menschen ihrem Beruf nachgehen. Wem ist schon bewusst, dass wir in jedem Moment eine veränderte Welt vor Augen haben, dass alles im Fluss ist und nichts bleibt, wie es ist? Heraklit hat davon gesprochen, dass wir niemals zweimal in denselben Fluss steigen: Der Fluss hat sich schon fortbewegt, ist ein anderer geworden, so wie auch das Leben sich unaufhörlich bewegt und verwandelt.

Das Ende unseres Weges ist auch das Ende unserer Illusionen. Alle Vorstellungen, die wir uns von der Welt, von unserem Selbst, von unserem Namen, unserem Rang und unserer Bedeutung gemacht haben, fallen von uns ab. Nackt und bloss, so wie wir die Welt betreten haben, verlassen wir sie wieder. Alles, was wir geschaffen haben, löst sich von uns, wird vielleicht noch eine kurze Zeit von unseren Nachkommen verwaltet, und bald kündet nur noch unser Name auf einem Grabstein von unserer Existenz.

So wie der Fluss sich am Ende seines Weges in das Meer ergiesst, in der Gesamtheit der Wasser aufgeht, so mündet  auch unser Leben am Ende unseres Weges in der Ewigkeit allen Lebens. So wie die Tropfen zu Wasser werden, in das Meer fliessen und dort wieder zu Wolken und Regen werden, in einem ewigen Kreislauf, so strebt auch das menschliche Leben wieder dem Schöpfergeist entgegen, seiner  eigentlichen Heimat. Alles ist ohne Anfang und ohne Ende; wir sind Schöpfer und Erschaffenes, Teil eines Schöpfungsprozesses, den unser Verstand nicht erfassen kann, einer Evolution von Leben, das sich in unserer Existenz offenbart. In tiefer Ehrfurcht sehen wir uns als Teil der Gesamtheit, wenn wir dorthin zurückkehren, woher wir gekommen sind.


Samstag, 11. Juli 2026

Das Absolute und der Mensch

In fast allen Schriftreligionen besteht das Verbot, sich ein Bildnis oder Gleichnis Gottes zu machen. Dieses Verbot gilt für alle menschlichen Ausdrucksformen des Göttlichen: für Worte, Bilder und Skulpturen. Nicht einmal das Wort Gott sollte es geben.

Wir müssen uns fragen, ob solche Verbote sinnvoll sind. So wie Kinder fast jedes Gebot übertreten, das ihnen Eltern erteilen, so hat die Menschheit zu allen Zeiten alle Verbote übertreten und ihre Gottheiten erschaffen und ihnen Namen gegeben. Ganze Religionen mit ihren Geboten und Verboten sind entstanden, und die Welt ist voll von Bildnissen des Göttlichen. Selbst Mütter und Söhne eines Gottes hat die menschliche Vorstellungskraft geschaffen, und wenn Gebete und Bitten an Gott gerichtet werden, dann oft an seine Vertreter, seinen Sohn oder die göttliche Mutter. Selbst Kriege wurden von Menschen für ihren Gott geführt und Menschen getötet, die ihren Gott mit einem anderen Namen nannten.

Vielleicht sind die Menschen weiser als alle ihre Religionen. Vielleicht weiss der Mensch intuitiv, dass die Ganzheit, das Absolute, das Leben, in allem ist: in der ganzen Schöpfung, in der Natur in all ihren Erscheinungsformen, im gesamten Kosmos, vor allem auch in uns selbst. Wohin wir unseren Blick auch wenden, nach aussen oder nach innen, wir begegnen dem Göttlichen. Wir begegnen dem Göttlichen in uns Menschen, in der Natur, in den Bergen und Wäldern, im Meer, selbst in der Rose in unserem Garten, deren Duft uns verzaubert. Selbst das Böse ist göttlicher Natur; es ist die dunkle Seite des Lichts, es strebt dem Licht entgegen und verwandelt sich wieder in Licht. Wo immer wir die göttliche Schaffenskraft sehen wollen, da werden wir sie finden.

Wir suchen nach dem Göttlichen, obwohl wir Teil des Göttlichen sind. Wir suchen etwas, was wir sind. Wir wären nicht, wenn nicht das Leben in uns wäre, als Teil der Ganzheit, als Teil der Gottheit, die in allem ist. Das Leben äussert sich in der gesamten Schöpfung; nichts, das vom Leben berührt wird, geht je verloren. Es braucht nicht gesucht zu werden, weil es schon da ist. Alles, was ist, kommt aus der Ewigkeit in die Endlichkeit und strebt wieder der Ewigkeit entgegen. Wenn der Mensch das Göttliche verehren will, dann sollte er bei sich selbst beginnen, denn dort findet er es am ehesten, weil er ein Teil der göttlichen Schöpfung ist.

Immer wieder hat die Menschheit Weise hervorgebracht, die von der absoluten Wahrheit kündeten. Ein Buddha, ein Jesus, ein Laotse wiesen, jeder auf seine Art, auf das Absolute, auf die Ganzheit in der gesamten Schöpfung hin. Jesus verlangte, dass wir den Tempel des Göttlichen in uns selbst errichten müssten, um die Ganzheit zu verehren. Wie die Kinder, noch ohne unseren Verstand, müssten wir werden, um das Himmelreich in uns zu finden. Aber wer von uns Menschen hört schon auf die Weisesten unter uns?


Freitag, 10. Juli 2026

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

In der  biblischen Schöpfungsgeschichte isst der Mensch von den verbotenen Früchten und wird aus dem Paradies vertrieben.  Andere Religionen haben ähnliche mythologische Erzählungen. Es ist die Geschichte vom Erwachen des menschlichen Verstandes, das Erkennen von Gut und Böse, vom Verlust des Paradieses, in dem es kein Gut und Böse gab, das Paradies in dem der Mensch vor dem Erwachen des Verstandes lebte.

Mit dem Erwachen des Verstandes haben wir das Paradies verloren und als Ersatz die Welt erhalten. Gut und Böse sind nun unsere Begleiter. Nur die Tiere und Pflanzen sind im Paradies geblieben, für sie gibt es kein Gut und Böse. Aber in uns Menschen gibt es noch eine Erinnerung an das Paradies, eine Sehnsucht zurückzufinden in diesen Zustand der Glückseligkeit, in den Garten Eden, in dem wir nicht für unser Überleben kämpfen mussten.

Diese Sehnsucht findet in den Religionen Ausdruck, die sich die Menschheit gegeben hat. Allen Religionen liegt der gleiche Gedanke zu Grunde, den Weg zurückzufinden in den ursprünglichen paradiesischen Zustand, in das ewige Leben, in  dem es kein Gut und Böse gibt, keinen Kampf um das Überleben. Der Verstand und die Wissenschaften haben aber auch die Religionen erfasst.  Wie Staaten geben sie Gesetzesbücher und Regeln heraus. Sie beschäftigen sich mit Worten und Auslegungen, stellen wie die Philosophen Hypothesen auf  und haben ihre ursprüngliche Aufgabe in den Hintergrund treten lassen, sich um die Seele des Menschen zu kümmern, um das Göttliche, das sich in jedem Menschen offenbart.

Der menschliche Verstand hat auch den Religionen zugesetzt. Philosophie und menschliches Regelwerk durchziehen die religiösen Schriften. Es wird analysiert und in die kleinsten Details vorgedrungen. Wie in Königreichen wird regiert, prachtvolle Gewänder und Ränge zieren die Priester  und Verantwortlichen. Selbst den Beamtenstatus erhalten Geistliche, die doch allein für den Geist und die Seele zuständig sein sollten. Der Armenpriester, der so lebt, wie die Ärmsten unter uns, ist eher die Ausnahme, denn die Regel.

All diese Verirrungen des Menschlichen Verstandes können dem, was den Menschen und die ganze  Schöpfung ausmacht, nichts anhaben. Selbst alle Verirrungen sind vom Schöpfergeist durchdrungen  und Teil der Evolution der Schöpfung.  Alles befindet sich im Fluss des Lebens, jeder Moment ist anders als der vorhergehende.  Nichts stirbt, es verändert nur seine Gestalt. Aus Geist formt sich Energie, aus Energie Materie, Sterne entstehen und  werden wieder Energie, Energie wieder zu Geist. Der Mensch nur ein kleines Teilchen im Gesamten, wie ein Stern aus Geist zu Energie und Materie geworden und in den Geist zurückkehrend, seine eigentliche Heimat, in das Paradies von dem die Schriften künden.

Wir brauchen nicht als Menschen das verlorene Paradies zu suchen. Wir haben das Paradies nie verlassen. Wir sind Teil des ewigen Schöpfungsprozesses, durchdrungen vom Schöpfergeist, den wir in uns leben können, wenn wir den menschlichen Verstand zum Schweigen bringen. Wir müssen uns nur erinnern, wer wir wirklich sind.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Wissen und Erfahren

Wir sind heute eine Wissensgesellschaft. Der menschliche Verstand hat im Laufe der Jahrtausende eine unfassbare Menge an Wissen hervorgebracht. Nur noch Teile dieses Wissens können im menschlichen Verstand gespeichert werden. Was in Jahrhunderten an Wissen erworben wurde, ist in Bibliotheken und heute in Datenzentren abgespeichert und steht auf Knopfdruck zur Verfügung. Auch dem Menschen selbst steht mit seinem Gehirn ein Denkapparat zur Verfügung, der in Schulen und Universitäten geformt wird. Mit der künstlichen Intelligenz scheint das menschliche Denken ganz neue Höhen erreicht zu haben.

Ein ganz anderer Bereich der menschlichen Existenz scheint vor lauter Denken in den Hintergrund geraten zu sein: der Bereich der persönlichen Erfahrung und Erkenntnis. Wenn wir Informationen über Liebe, menschliche Emotionen, die Seele oder Gott suchen, können wir ganze Bibliotheken und das gesamte Wissen der Welt abrufen, ohne diesen Bereichen näherzukommen, weil wir Liebe oder Gott vielleicht nicht selbst erfahren haben. Wir können alles über die Liebe wissen, aber wer nie geliebt hat, weiss nicht, was Liebe bedeutet. Religionsgelehrte und Priester haben vielleicht alles über Gott gelesen, aber Gott nie selbst erfahren. In ihren Gebeten und Ritualen glauben sie, Gott nahe zu sein, und glauben an das, was ihnen beigebracht wurde; aber die eigene Gotteserfahrung fehlt vielleicht noch. Religionen können Gott nicht ersetzen, sie sind allenfalls ein Wegweiser. Dichter und Denker haben vielleicht alles über die Liebe geschrieben, aber vielleicht die Liebe nie gespürt.  Für sie gilt die alte Weisheit: «Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond».

Ist es eine Gnade, Gott oder die Liebe zu erfahren, oder ist es eine Fähigkeit, die erlernt werden kann? Es ist uns   mit unserer Geburt gegeben, die Tiefe des Lebens zu erkennen, aber die Wissensgesellschaft hat uns diese Fähigkeit oft vergessen lassen. Der Glaube an die Naturwissenschaften hat unsere tieferen Fähigkeiten zur  Erkenntnis überlagert. Alles spielt sich in unserem Verstand ab. - Es ist das Herz, das unsere tiefen Wahrnehmungen empfindet. Die Liebe zum Leben, zu anderen Menschen, zur Schöpfung und zu Gott hat ihren Sitz im Herzen. Das Leben erfahren wir in unserem Herzen, das voller Erwartungen pocht, wenn wir unsere Liebsten sehen, wenn es sich mit dem Leben unserer Mitmenschen verbindet und bis zum letzten Atemzug unser treuester Begleiter bleibt. Der Mediziner misst das Leben an den Gehirnströmen, der fühlende Mensch aber empfindet das Leben in seinem Herzen. Selbst wenn das Herz aufhört zu schlagen, sind die Liebe und die Seele des Menschen noch weit über seinen Tod hinaus zu spüren.

Dienstag, 23. Juni 2026

Geburt und Tod

«Es ist eine Sache von Leben und Tod», sagen wir, wenn etwas Bedrohliches in unserem Leben geschieht. Über unser Leben machen wir uns aber weniger Gedanken; wichtiger scheint uns die Drohung des Todes zu sein, eine Gefahr, die unser Leben beenden könnte.

Unser menschlicher Verstand befasst sich kaum mit dem Leben. Es wird eher als ein zeitlicher oder historischer Vorgang verstanden und als etwas Selbstverständliches hingenommen. Umso mehr Gedanken machen wir uns zum Tod. Das ganze Wissen der Menschheit wird aufgewendet, um den uns ständig bedrohenden Tod abzuwenden oder ihn so lange wie möglich hinauszuschieben. Die moderne Wissenschaft ist sich weitgehend einig, wann der Tod eingetreten ist. Aber einen Weg, den Tod abzuwenden, haben die klügsten Köpfe noch nie gefunden.

Ein wesentlicher Irrtum besteht allein darin, Leben und Tod auf eine Stufe zu stellen. Richtiger wäre es, Geburt und Tod, Beginn und Ende, auf eine Stufe zu stellen. Bereits mit unserer Geburt tritt der Tod in unser Leben. Unsere ganze Existenz ist vom Tod begleitet: nicht nur der Tod durch Krankheit oder Unfall. Unser ganzer Körper stirbt von unserer Geburt an. Tausende von Zellen sterben täglich und werden durch neue Zellen ersetzt, aber das, was wir als unser Leben empfinden, wird vom Zelltod nicht berührt. Tod und Erneuerung sind Bestandteil unseres Lebens.

Wir müssten eher über Licht und Dunkelheit nachdenken, wenn wir unser Leben einordnen wollen. Krankheit und Tod stehen für die Dunkelheit. Wenn das Licht in die Dunkelheit eintritt, dann weicht die Dunkelheit, und das Licht ist das Einzige, was bleibt. Dunkelheit kann das Licht nicht berühren. Mit dem Leben verhält es sich wie mit dem Licht. Leben ist die Kraft, die im Mutterleib in das neu entstehende Wesen eintritt. Leben unterliegt nicht den Naturgesetzen; es ist die Schöpfungskraft, die den ganzen Kosmos bewegt. Leben kennt keinen Beginn und kein Ende, keine Geburt und keinen Tod. Nur der Mensch begreift sein Leben als zeitlich begrenzt Gedanken des Todes gibt es sonst in der Natur nicht. Kein Tier und keine Pflanze ist sich des Todes bewusst. Für alle anderen Lebewesen ist der Vorgang des Vergehens und des Neuentstehens ein natürlicher, ewiger Vorgang. Nur der Mensch glaubt an den Tod und will nicht erkennen, dass auch er den Gesetzen der Natur unterliegt, den Gesetzen des ewigen Entstehens und Vergehens.

Der Grund für diesen Irrtum sind die Grenzen des menschlichen Verstandes, der, wie der Körper, bereits mit seiner Geburt die Gedanken des Todes in sich trägt und nicht in der Lage ist, die Beschränkungen seines eigenen Denkens zu erkennen. Für den Verstand ist der Tod das Ende des Lebens. Die Religionen versuchen, dieses Problem des Menschen zu lösen. Sie versprechen dem Menschen ein Weiterleben im Paradies. Menschliche Begriffe wie der Vater im Himmel oder ein Leben im Himmel werden als Versprechen für ein Leben nach dem Tod geschaffen. In manchen Religionen wird Seelenwanderung beschrieben. Vielleicht kommt dieser Gedanke der eigentlichen Wahrheit näher. Leben ist etwas Unvergängliches; selbst wenn unsere Welt nicht mehr ist, bleibt das Leben. Könnte es da nicht auch Seelenwanderung geben?

In der Natur beobachten wir Entstehen und Vergehen, aber auch Wiederkehr. Wir wissen auch, dass sich im energetischen und stofflichen Bereich alles ändert, aber nichts verloren geht. Wie sollte das Leben, das die gesamte Schöpfung erfüllt, vom Tod bedroht sein? Wir wissen nicht, in welcher Form das uns erfüllende Leben erhalten bleibt; in unserem tiefsten Inneren besteht aber eine Gewissheit, dass unser Leben nicht mit unserem physischen Tod endet.

Samstag, 20. Juni 2026

Ideale und Egos

Kürzlich besuchten wir den alten Friedhof in Dahlem. Die Grabsteine enthielten neben den Namen der Verstorbenen auch immer deren Beruf und Titel. Merkwürdig, dass im Moment des Todes Beruf und Titel noch irgendeine Bedeutung haben sollten. Im Moment des Todes fallen doch spätestens alle Namen und Titel von uns ab, das Ego erlischt, der Tod macht uns Menschen alle gleich.

Unsere ganze Erziehung ist darauf angelegt, uns in den Wettstreit mit anderen zu begeben. Wir sollen die Besten in der Schule, im Beruf und im Sport werden. Noten, Titel und Erfolg im Leben und Beruf sind der Anreiz, um uns über andere zu erheben. So werden Egos durch falsche Erziehung gezüchtet: Wir sollen unsere Mitmenschen besiegen, hinter uns lassen, besser als die anderen sein. So entstehen ganze Generationen von kleinen und grösseren Egos, die nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander leben.

An den Universitäten wird nicht das Universum gelehrt, nicht die Gesamtheit, nicht das Leben. Es wird die Wissenschaft gelehrt, die Zerlegung der Schöpfung in ihre kleinsten Elemente. Es wird uns erschwert, die Ganzheit in allem zu sehen, wenn wir uns mit den kleinsten Teilchen beschäftigen. Wenn wir endlich bei den Quanten und anderen Teilchen angelangt sind, haben wir die Ganzheit aus dem Auge verloren und wundern uns, dass Teilchen am anderen Ende der Welt die gleichen Reaktionen zeigen wie in unserer Forschungsstätte.

Besonders auffällig ist das Ego, wenn sich Menschen mit fremden Lorbeeren schmücken, hinter denen nicht einmal eigene Leistung steht: wenn sich Mitglieder von berühmten oder adeligen Familien als etwas Besonderes dünken oder die Fans von Fussballclubs sich mit ihren Helden identifizieren und glauben, dadurch etwas Besonderes zu sein. Statt eigener Leistung wird fremde Leistung genommen, um das eigene Ego zu stärken. Fernsehen und Medien haben dazu beigetragen, diese falschen Identitäten zu verstärken und falsche Egos zu züchten.

Die echten Ideale müssen schon in der Kindheit an uns herangetragen werden, um der Entstehung eines falschen Egos entgegenzuwirken. Wir müssen unseren Kindern ein bescheidenes, unseren Fähigkeiten entsprechendes Leben vorleben. Wir selbst müssen das Ideal für unsere Kinder sein. Unser Anspruch muss sich an uns selbst ausrichten, an unserer eigenen Begabung, an unseren eigenen Fähigkeiten. Selbstbewusst zu werden heisst, sich seiner eigenen Fähigkeiten bewusst zu sein. Diese zu entwickeln und die Talente zu nutzen, die uns mitgegeben wurden, ist der Sinn unseres Lebens. Vorbilder dürfen wir haben, um diesen nachzueifern. Selbst zu handeln und uns zu dem Menschen mit den Talenten zu entwickeln, die uns mit auf unseren Weg gegeben wurden, muss unser Lebensideal sein.

Der eine Mensch hat mehr, der andere Mensch weniger Talente von der Natur mitbekommen. Und so, wie wir geschaffen sind, bleiben wir Teil des Universums, Teil der Gesamtheit, ein jeder an seinem Platz. Da ist kein Raum für die Entstehung falscher Egos; wir nutzen die kurze Zeit unseres Lebens im in dieser Welt, um zu dem zu werden, der wir sind, schon wenn wir die Welt betreten. Und wenn wir diese Welt verlassen, dann wäre es schön, wenn wir satt von den Früchten des Lebens, den Weg freimachen, für das Leben das nach uns kommt. Namen, Titel und falsche Egos fallen von uns ab, und wir werden wieder Teil der Ganzheit, der wir immer waren.

 

 

Freitag, 12. Juni 2026

Die Geheimnisse der Seele

Würde man die Menschen nach der Existenz einer Seele fragen, so würde wohl ein grosser Teil von ihnen zustimmend antworten. Gerade darin liegt etwas Erstaunliches: Wir bejahen etwas, dessen Wesen sich unserem sicheren Wissen entzieht. Niemand vermag genau zu sagen, was die Seele ist, und doch sprechen wir von ihr, als wäre sie uns vertraut. Wir erzählen von Seelenwanderung, sehen auf kirchlichen Bildern die Seelen der Verstorbenen im Fegefeuer büssen oder als Engel im Paradies erscheinen. Seit der Mensch über sich selbst nachdenkt, begleitet ihn dieses Geheimnis: die Frage nach der Seele.

Die moderne Wissenschaft hat den Menschen bis in seine kleinsten Bestandteile zerlegt. Sie ist auf Energieteilchen gestossen, die unvergänglich scheinen und dennoch vom menschlichen Verstand beschrieben werden können. So nähert sich der Mensch den Grenzen seines Denkens und richtet zugleich den Blick ins Unendliche. Die Analyse führt ihn an die Geheimnisse der Schöpfung heran; zugleich aber zeigt sie ihm, dass nicht jedes Geheimnis durch Zerlegung entschlüsselt werden kann. Ein Sprachwissenschaftler mag ein Gedicht bis in Rhythmus, Klang und Struktur untersuchen — und doch erklärt ihm diese Analyse nicht vollständig, warum ihn ein Vers im Innersten berührt. Ein Atomphysiker mag die Materie erklären können; verliebt er sich aber, so spricht plötzlich eine andere Wirklichkeit in ihm, jenseits des reinen Verstandes. Beide erfahren, dass der Mensch die Welt nicht nur zerlegen, sondern auch wieder zusammensetzen muss. Erst in der Synthese wird aus Erkenntnis wieder Leben.

Die Religionen sind von jeher einen anderen Weg gegangen: nicht den der Zergliederung, sondern den der Zusammenschau. Sie haben menschliche Erfahrungen, Ahnungen und Hoffnungen zu Bildern verdichtet, die über das bloss Sichtbare hinausweisen. Was sie Offenbarung nennen, ist der Versuch, einen göttlichen Geist in der gesamten Schöpfung zu erkennen. Auch die alten Naturreligionen sahen den Schöpfergeist nicht ausserhalb der Welt, sondern in ihr: in Bäumen und Tieren, in Wind und Wasser, im Menschen selbst. In den Religionen dieser Erde erscheint die Seele daher nicht als isolierter Besitz des Einzelnen, sondern als Ausdruck eines umfassenderen Lebenszusammenhangs, der Mensch, Natur und Kosmos miteinander verbindet.

Am Ende scheint der Mensch immer vor einer Form des Glaubens zu stehen. Er kann an die Wissenschaft glauben, obwohl er weiss, dass ihre Wahrheiten in der Geschichte immer wieder ergänzt, korrigiert oder verworfen wurden. Er kann Philosophien und Weisheitslehren vertrauen, obwohl auch sie von neuen Deutungen abgelöst werden. Oder er kann an eine höhere, göttliche Intelligenz glauben, die allem innewohnt und in der Seele erfahrbar wird — nicht als beweisbarer Gegenstand des Verstandes, sondern als Ahnung, als innere Gewissheit, als leise Gegenwart.

Die Irrtümer des menschlichen Wissens im Lauf der Geschichte mahnen zur Vorsicht, den Verstand zum Mass aller Dinge zu erheben. So gross seine Kraft ist, so wenig vermag er alles zu umfassen, was den Menschen ausmacht. Wenn der Verstand dem Menschen gegeben ist, dann vielleicht ebenso der Glaube; und wenn der Mensch nach der Seele fragt, dann nicht nur aus Neugier, sondern weil er in sich selbst etwas spürt, das über das Berechenbare hinausweist. Glaube entspringt nicht allein dem Denken. Er kommt aus einem tieferen Bereich in uns, aus Herz und Seele. Vielleicht könnten wir gar nicht an die Seele glauben, wenn wir sie nicht auf irgendeine Weise bereits als Teil unseres eigenen Seins erfahren würden.

Sonntag, 7. Juni 2026

Lebenswelten

Wir glauben, in der Welt des Verstandes zu leben. Für die meisten Menschen zählen nur ihr Wissen und ihr Verstand, also das, was sie als Stand der Wissenschaft betrachten. Doch wie verhält es sich mit der Welt des Kindes, mit der Welt der Religionen oder mit der Welt der Emotionen? Haben wir diese Welten bereits hinter uns gelassen? Können wir uns noch in sie hineinversetzen, und haben sie für uns überhaupt noch Bedeutung?

Nach den alten Religionen wurden wir aus dem Paradies vertrieben, weil wir das Verbot gebrochen haben, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Ist aber nicht unser ganzes Leben darauf ausgerichtet, Erkenntnis zu erlangen? Ist nicht gerade die Menschwerdung auf Neugier gegründet, auf das Brechen von Geboten – «Du sollst» – und auf das Übertreten von Verboten – «Du sollst nicht»? Gerade das, was verboten ist, muss selbst erfahren werden und gehört zur Menschwerdung dazu.

Das Christentum scheint als erste Religion die Verbote der alten Religionen aufgebrochen und die Kinder mit ihrem Drang, die Welt zu erforschen, in den Mittelpunkt gestellt zu haben. Zur Menschwerdung gehört es, vom Baum der Erkenntnis zu essen und die Gebote der Alten zu brechen. Wir müssen so offen sein wie die Kinder, um den Himmel zu berühren. Nur so erforschen wir die Welt und werden zu überlebensfähigen Wesen.

Es gibt die Welt des Verstandes. An die Stelle von Religion und Glaube ist das Wissen als neue Gottheit getreten. Wir erforschen die Welt, und der jeweilige Stand des Wissens, gleich in welchem Bereich, gilt oft als absolute Wahrheit. Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass das Wissen von heute der Irrtum von morgen sein kann. In der Welt des Wissens können wir nur dann unbeschadet überleben, wenn uns bewusst bleibt, dass alles Wissen dieser Welt vor den Geheimnissen der Schöpfung verblasst.

Es gibt die Welt der Gesetze und Verordnungen, die das menschliche Miteinander regeln sollen. Diese Welt funktioniert mehr schlecht als recht. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht täglich mehrfach gegen ihre Gebote verstösst. Man braucht sich nur unser eigenes Verhalten beim Essen, im Verkehr oder in der Missachtung gesundheitlicher Gebote in Erinnerung zu rufen. Der Mensch scheint geradezu Freude daran zu haben, Gebote zu übertreten, selbst wenn ihm daraus Nachteile entstehen.

Selbst die Welt der Weisen und Philosophen ist keine ideale Welt. Sie bleibt eine theoretische Welt, die kaum je in die Wirklichkeit einfliesst. Sie existiert vor allem in den Köpfen der Menschen, findet aber in der Realität des Zusammenlebens nur wenig Beachtung.

Alle diese Welten können uns täglich begegnen. Sie umgeben uns, berühren unsere eigene Welt und werden damit auch Teil der Wirklichkeit, in der wir leben. Aus all diesen Welten nehmen wir jedoch nur das auf, was wir für unser eigenes Leben brauchen können. Alles andere bleibt draussen und streift unsere Lebenswelt nur am Rand. Keine dieser anderen Welten ist für sich genommen wirklich wichtig für unser Leben. Bedeutung gewinnen sie erst dadurch, dass wir sie in unser eigenes Leben aufnehmen. Es ist unsere Aufgabe, aus den vielen Welten, denen wir begegnen, unsere eigene Lebenswelt zu formen.


Sonntag, 31. Mai 2026

Grenzen der Sprache

Hinter jeder Religion verbergen sich die eigentlichen tiefen Wahrheiten. Kein Religionsbegründer hat je schriftliche Vorschriften hinterlassen, weil ewige Wahrheiten, die das Metaphysische ansprechen, kaum in Worten ausgedrückt werden können. Im Vatikan liegen tausende von Büchern, die sich mit der christlichen Religion beschäftigen.  Sie alle kann man allenfalls als philosophische Betrachtungen sehen, die menschliches Denken wiedergeben. Göttlicher Offenbarung begegnet man in ihnen nur selten. Nicht umsonst verbieten die Religionen den Namen Gottes zu missbrauchen, das Metaphysische entzieht sich unserem Wissen.

Das Unaussprechliche kann nicht durch Sprache wiedergegeben werden. Dennoch ist das Göttliche in der gesamten Schöpfung enthalten, ist in Allem sichtbar, will gesehen werden. Dem Menschen ist es gegeben, das Göttliche zu erkennen, weil er selbst Teil der göttlichen Gesamtheit ist. Es ist nicht Glauben nötig, wie von den Religionen gefordert, sondern die Wahrnehmung des Schöpfergeistes, der sich in der gesamten Schöpfung offenbart, auch in uns selbst. Nur Gleiches kann Gleiches erkennen.

Immer wieder sind in der Geschichte der Menschheit die grossen Lehrer des Unaussprechlichen in die Welt getreten, die ihren Zeitgenossen die tieferen Geheimnisse des Lebens offenbart haben. Keiner von ihnen hat schriftliches Zeugnis hinterlassen, weil man nicht das niederschreiben kann, für das es keine Worte gibt. Generationen nach ihnen haben dann versucht, das in Schriftform zu verfassen, was ihnen von der Lehre überliefert wurde. Nur Teile der ursprünglichen Wahrheiten haben ihren Niederschlag in den bekannten heiligen Büchern gefunden. Die damals verkündeten Wahrheiten aber haben die Menschen so überzeugt, dass neue Religionen aus ihnen entstanden sind.

Religionen können uns nur helfen den Weg zum Göttlichen zu finden, sie sind   nur Wegweiser für den Menschen, den richtigen Weg zu finden Sie nehmen uns aber nicht den Weg ab, der zur Erkenntnis des Göttlichen führt. Dieser Weg muss von jedem Menschen eigenverantwortlich selbst gefunden werden.

Das Unaussprechliche ist auch in uns selbst enthalten, ich nenne es das Leben, das Absolute, das, was mich ausmacht. Es hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Es hat mich in mein Schicksal gestellt, ein Schicksal, das oft existenzbedrohend war.  Krieg, Hungerzeiten, Krankheiten, fast ein ganzes bewegtes Jahrhundert habe ich durchlebt. Nie kam mir in den Sinn, mich zu beklagen, immer habe ich das Leben so angenommen, wie es auf mich zukam. Nie hat das Leben mich enttäuscht. Das Schicksal war mir immer ein treuer Begleiter, in all den Jahren meines Lebens. Das Leben hat mir fast alles geschenkt, was ich mir je hätte träumen lassen. Und ich habe versucht mich diesen Geschenken würdig zu erweisen, sie immer als Geschenk meines höheren Seins zu sehen, nicht nur als ein Ausfluss meines eigenen Tuns.  Und immer habe ich mich als ein Teil des Lebens gefühlt, das sich auch durch mich verwirklicht hat, als Teil des ewigen Seins.

Sonntag, 24. Mai 2026

Neue Götter

Als Kinder sehen wir unsere Eltern als Götter. Sie geben uns Schutz, Liebe und Geborgenheit. Wenn wir unsere Eltern verloren haben, und niemand aus der Familie die Funktion der Eltern übernimmt, wird unser ganzes späteres Leben problematisch, denn allein auf uns gestellt, fühlen wir uns verloren, schutzlos der Welt ausgeliefert.

Spätestens in der Pubertät nabeln wir uns von unseren Eltern ab. In Schule, Kirche und Büchern kommen wir mit einer neuen Gottheit in Berührung, mit Staat, Religion und unserer Kultur. Wir erfahren, dass eine Gottheit uns und die Welt erschaffen habe. Schutz suchen wir bei fremden Dritten, auch wenn das mit vielen Unsicherheiten verbunden ist.

So geht es den Kindern in der ganzen Welt.  Wir werden in unsere Kultur hineingeboren, leben in den Sitten und Gebräuchen unserer Umwelt. Erfahren, dass nur unsere Kultur, unser Staat und unsere Religion, die einzig massgebende sei, nur unsere Gottheit die Welt erschaffen habe, und nur unsere heiligen Bücher und Gesetze heilig seien.  Nur die Wenigsten trauen sich ihre eigene Kultur in Frage zu stellen und sich aus der Sicherheit und Geborgenheit ihrer Kultur hinauszuwagen in die Welt.

Wenn wir uns hinauswagen in die Welt, verlieren wir unsere Gewissheiten. Keiner kann uns wirklich sagen, woher das Leben kommt, das wir in uns spüren, und wohin wir gehen, wenn uns das Leben verlässt. Wir fragen uns, ob unser Leben einen Sinn, eine Bedeutung und eine Bestimmung hat.  Wir fühlen uns ohne den Schutz unserer Kultur, unserer Gottheiten allein, verlassen und schutzlos.

Auch die modernen Staaten mit ihren Institutionen können uns nicht die Geborgenheit vermitteln, die uns Elternhaus und Religionen gaben. Der Versuch, die Religionen und Kulturen durch Ideologien zu ersetzen, im Sozialismus und Kommunismus abzuschaffen, führte zur Entwurzelung des Menschen, und die führerlos gewordenen Menschen schufen sich neue Götter, Massenmörder, wie Stalin, Hitler oder Mao, die Vernichter aller menschlichen Kultur.   Führerkulte führten zu neuen Gottheiten, mit schrecklichen Folgen für die Menschheit.

Keine Philosophie und keine Psychologie können dem Menschen seine Götter zurückgeben. Die Zerstörung von früheren Gewissheiten, hat keine neue Gewissheiten an ihre Stelle treten lassen. Aber noch immer steht der heutige Mensch staunend vor der Schönheit der Schöpfung, fühlt das Leben, das sich in Allem offenbart, fühlen es in sich selbst.  Es ist das gleiche Gefühl, das unsere Urahnen hatten, als sie die Geister der Natur verehrten, den Geist der Erde und des Himmels. Und wir fragen uns, ob nicht das Leben, das sich in der ganzen Schöpfung offenbart, -auch in uns selbst, die eigentliche Gottheit ist, und wir ein Teil dessen sind, das wir verehren?


Donnerstag, 14. Mai 2026

Achtsam leben

Als Grosseltern haben wir unsere Freude daran, das Leben unserer Kinder und Enkel zu beobachten. Wir erleben noch einmal unser eigenes Leben.

Unsere Enkel leben noch immer im Paradies. Sie beginnen alles, ohne es zu beenden, probieren alles, auch wenn es verboten ist, sie essen vom Baum der Erkenntnis und spätestens mit sieben Jahren werden sie aus dem Paradies der Kindheit vertrieben. Es ist die Zeit des intuitiven Lernens, des Ausprobierens, alles muss erkundet werden, erst recht wenn es verboten ist.

Dann sind da die Eltern, die über den Kindern wachen. Wie die alten Religionen erlassen sie Gesetze und Verbote,  Du darfst und Du darfst nicht. Sie sind die Gesetzeshüter. Manchmal aber   erkennen sie, wie Jesus es tat,  dass Kinder immer noch im Paradies leben und stören sie nicht, die Welt kennen zu lernen, ihr künftiges Zuhause.

Und wir die Grosseltern, sehen das ganze Treiben unserer Nachkommen mit Wohlgefallen. Helfen, wo Hilfe gebraucht wird, drängen uns nicht auf, sind da wenn es nötig ist, und überlassen unseren Nachkommen die Welt, um sie neu zu erschaffen.  Unsere Erkenntnisse  und unser Wissen über die Dinge der Welt  behalten wir für uns,  denn jede Generation muss ihre Erkenntnisse immer wieder auf das Neue sammeln.  Die dritte Phase unseres Lebens ist vielleicht die wichtigste Zeit unserer Existenz. Wir lösen uns von den Wichtigkeiten der Welt und erleben  das Leben, das immer da war, und noch immer da ist, wie am ersten Tag, aber so oft nicht von uns gesehen wurde.

Und vielleicht entdecken wir, dass wir selbst noch wie die Kinder sind, Dinge tun, die verboten sind, neugierig  noch immer die Welt erforschen,  wie in unsere Kindheit, Freude haben an den einfachen Dingen des Lebens. und überlegen, ob nicht der richtige Weg durch das Leben die Verbindung von allem ist,  die Achtsamkeit auf  jeden Moment unseres Lebens, die Erforschung der Welt wie in unseren Kindertagen, vom Baum der Erkenntnis essen, um das Leben zu begreifen, und  die Weisheit zu entdecken, die in uns und in allem Ausdruck findet, die Einheit von  Welt und Paradies.